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Wohnungsbau in Düren in den 50er Jahren
Nach der totalen Zerstörung der alten Stadt Düren fragten sich nicht nur neutrale Beobachter, sondern auch manche Bürger dieser Stadt, ob sie jemals wieder an alter Stelle entstehen würde. Schon vor dem offiziellen Ende des 2. Weltkrieges jedoch war diese Frage durch die zurückströmenden Einwohner entschieden. Wesentlich länger dauerte die Diskussion um die Art und Weise, wie Düren neu erstehen sollte.
Angesichts der schätzungsweise 1,6 Mill. cbm Schutt, die die Dürener Altstadt bedeckten, bildete sich schnell das allgemeine Urteil heraus, Düren gehöre zu den meistzerstörten Städten Europas. Offiziellen Charakter erhielt diese Aussage durch die Denkschrift „Hürtgenwald und Rurlandnot“, die die beiden Landkreise Düren und Jülich im Mai 1947 veröffentlichten. Im Vorwort heißt es dort: „Die Bewohner der zerstörten Gebiete links des Rheins haben ein ungewöhnliches Maß von Heimattreue bewiesen, indem sie zu ihrer ‘verbrannten Erde’ zurückkehrten. Sie haben das feste Vertrauen, daß die dringend notwendige und in größter Not erbetene Hilfe nicht versagt bleibt.“
Entgegen allen Erwartungen der Politiker und Verwaltungsspitzen war der Kreis Düren nämlich zunächst nicht in die höchste Schadensstufe eingeordnet worden, was sich auf die Zuteilung nahezu aller lebenswichtigen Güter auswirkte. Mit einer gehörigen Portion Verbitterung heißt es deswegen einige Seiten weiter in der Denkschrift: „Inzwischen ist der größte Teil der Bevölkerung wieder in die Heimat zurückgekehrt […]. Ohne merkliche Hilfe wurde aus eigener Initiative der Aufbau begonnen. Die schnell improvisierten Verwaltungen suchten nach Möglichkeiten, um zu helfen und die Schaffenskraft zu beleben. Vieles wurde geschafft, Unmenschliches geleistet. Jedoch mußten die Verwaltungen und die Bevölkerung bis auf den heutigen Tag feststellen, daß die Verhältnisse in den Landkreisen Düren und Jülich von den verantwortlichen deutschen Behörden und Dienststellen nicht in der entsprechenden Weise gewürdigt, ja sogar vielfach gänzlich übersehen wurden und werden.“ So würden etwa die beiden Kreise bei der Zuteilung von Verbrauchsgütern „… kaum anders behandelt […] als die Gebiete, die nichts oder nur wenig gelitten und verloren haben und den Krieg nur durch den Rundfunk kennenlernten.“ Mit den 1946 zugewiesenen Baustoffen habe man im Kreise Düren gerade einmal 0,65 % der Gebäudeschäden beheben können. „Bei Fortdauer dieses Zustandes würde es demnach im Kreise Düren mehr als 150 Jahre […] dauern, bis erst die Schäden in Ordnung gebracht werden könnten, wobei an Neubauten zur Behebung des furchtbaren Wohnraummangels überhaupt noch nicht gedacht worden ist.“
Wenige Tage nach Erscheinen der Denkschrift, Mitte Mai 1947, gibt die Stadtverwaltung Düren bekannt: „Auf Beschluß der Stadtvertretung vom 19. Mai ist die Wirtschaftsstelle der Stadt geschlossen worden. Der Beschluß erfolgte deshalb, weil zur Zeit keine Bezugsscheine für Bedarfsgüter eingegangen sind und auch vorläufig nicht erwartet werden. Diese Maßnahme ist im Interesse der Bevölkerung erlassen worden, um zu verhindern, daß die Einwohner unnötigerweise auf der Wirtschaftsstelle warten müssen […]“. Im Oktober 1947 schließlich haben die Interpellationen Erfolg: Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen stuft den Kreis Düren in die höchste Beschädigungsstufe „Sehr stark beschädigt“ (Stufe 1; bisher „mittelbeschädigt“ = Stufe 3) ein. Die Zuteilungsrate von bisher 40 % erhöht sich damit auf 100 %.

Aber nicht nur die Materialien für einen geordneten und systematischen Wiederaufbau der Stadt Düren fehlten fast gänzlich, auch eine planerische und damit rechtlich verbindliche Grundlage war noch nicht geschaffen. Fast vier Jahre dauerte es, bis Politik und Verwaltung (und natürlich auch die verschiedenen Interessengruppen wie Hausbesitzer und Einzelhandel) sich auf den am 31. März 1949 von den Stadtverordneten verabschiedeten „Wiederaufbauplan“ einigten. Dieser von Stadtbaurat Dr. Walther Kenneweg entworfene Bebauungsplan nahm weite Teile des alten Stadtgrundrisses wieder auf (u.a. wegen der teilweise „in der Erde“ noch vorhandenen Werte wie Fundamenten und Kanalisation), entkernte aber gleichzeitig große Teile der innerstädtischen Bebauung und weitete eine Reihe von öffentlichen Flächen wie den Markt und den Kaiserplatz erheblich auf, um u.a. dem erwarteten Verkehrsaufkommen gerecht zu werden. Insgesamt wurde die Stadt dadurch sehr viel luftiger, es entstand mehr Raum für Frei- und Grünflächen.
Gleichzeitig wurde durch ein umfangreiches und langwieriges Umlegungsverfahren, in das die Stadt auch ihren eigenen Grundbesitz einbrachte, der Mindestzuschnitt für bebaubare Parzellen im Stadtkern auf 180 qm festgesetzt bei einer Frontbreite von 7.00 m, was die Zahl der Grundstückseigentümer von 625 auf 498 reduzierte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das städt. Wohnungsamt vor allem damit beschäftigt, den Mangel zu verwalten. Ein Jahr nach der Einnahme Dürens durch die Amerikaner, am 15. Februar 1946, lebten nämlich bereits wieder 27.846 Menschen in der Stadt, was dazu führte, dass Düren für jeden weiteren Zuzug gesperrt wurde.
Eine von der Landesregierung in Düsseldorf Ende 1946 angeordnete Wohnraumzählung ergab für Düren „19.550 Räume = 244.709 qm Wohnfläche = 5.648 Wohnungseinheiten = 2.596 Häuser (einschl. Baracken, Behelfsheimen und Gartenlauben)“. Die Verwaltung resümierte, dass „nach Abzug der Notwohnungen (Kellerwohnungen, Gartenlauben) und bei Abzug von 10 qm an Küchenraum […] jeder Einwohner z.Zt. ca. 5 qm Wohnraum“ habe. Vor allem in den Außenbereichen hatten sich viele Privatleute mit Materialien aus den Trümmern, nicht immer legal, notdürftig eine Unterkunft hergerichtet. Das führte u.a. dazu, dass die Verwaltung im Juli 1947 alle auf den Trümmergrundstücken der Innenstadt befindlichen Baustoffe beschlagnahmte.

Erst mit der Währungsreform, vor allem aber mit der oben beschriebenen Schaffung der planerischen Grundlagen setzte in der Innenstadt eine geregelte Wiederaufbautätigkeit ein. Dabei verfolgte die Verwaltung mehrere Ziele:
1. Möglichst schnelle Behebung des gravierenden Wohnraummangels
2. Blockweise Bebauung des Innenstadtbereichs, um so auf der einen Seite wirtschaftlicher bauen und auf der anderen Seite einheitliche Gestaltungsprinzipien durchsetzen zu können.

Der Verwaltungsbericht für das Rechnungsjahr 1949 (01.04.1949-31.03.1950) gibt einen guten Überblick über das Wohnungsbaugeschehen in der Stadt, das vor allem durch die Zuweisung öffentlicher Mittel angeschoben wurde:
Der Wiederaufbau der Stadt macht erfreuliche Fortschritte. Nachdem der Neuordnungsplan nach erheblichen Schwierigkeiten am 26.7.1949 durch die Landesregierung genehmigt wurde, hat eine lebhafte Bautätigkeit im Stadtinnern eingesetzt. Für die Umlegung ist ein Betrag von schätzungsweise DM 2.000.000.– erforderlich. Dieser erhebliche Aufwand ist aufzubringen, trotzdem die Stadt fast ihren gesamten innerstädtischen Grundbesitz mit einem Wert von etwa DM 500.000.– in die Umlegungsmasse hineinzuwerfen gezwungen sein wird. Das Land hat 1949 eine Beihilfe von DM 200.000.– gewährt. Die weiteren Mittel müssen durch Anleihen beschafft werden. Die Aufnahme eines ersten Betrages von DM 500.000.– haben Sie in der Sitzung vom 26.6.1950 genehmigt.
Vor der Zerstörung hatte Düren 6431 Wohn- und Geschäftshäuser mit 13.628 Wohnungen. Es wurden am 16.11.1944
4.253 Wohn- und Geschäftshäuser = 66.1 % völlig zerstört
1.537 Wohn- und Geschäftshäuser = 23.9 % teilweise zerstört und nur beschränkt benutzbar
628 Wohn- und Geschäftshäuser = 9.8 % beschädigt aber noch benutzbar
13 Wohn- und Geschäftshäuser = 2 % blieben ohne nennenswerten Schaden.
Seit der Zerstörung sind 1203 Wohn- und Geschäftshäuser mit 6380 Wohnungen ganz oder teilweise wieder aufgebaut worden.
An Wohnungsinstandsetzungsdarlehen wurde eine Summe von DM 1.180.000.– während des Rechnungsjahres 1949 zur Verfügung gestellt. Im laufenden Rechnungsjahr sind weitere DM 964.000.– zur Verteilung gelangt.
Außerdem konnte nach langwierigen und schwierigen Verhandlungen bei den zuständigen Landesstellen und Banken erreicht werden, den zu einem Aufbauverein zusammengeschlossenen Anliegern des Marktes von Pletzergasse zu Pletzergasse die Mittel für die Erstellung von 24 Häusern mit 132 Wohnungen neben den dazu gehörigen Geschäften zur Verfügung zu stellen.
In der Stadt fehlen noch schätzungsweise 4200 Wohnungseinheiten. 442 Familien mit 1551 Personen leben noch in Notunterkünften. der Bedarf an Instandsetzungsdarlehen ist noch sehr groß. Anträge mit einer geforderten Summe von DM 2.500.000.– liegen noch vor. Die Verwaltung bleibt fortlaufend bemüht, für die Gewährung von Instandsetzungsdarlehen weitere Landesmittel zu erhalten, da gerade hierdurch am schnellsten und billigsten neue Wohnungen geschaffen werden.
An Neubauten wurden im Berichtszeitraum im Stadtgebiet bezugsfertig die Siedlung des Bauvereins in Rölsdorf, die Postsiedlung in der Girbelsratherstraße und die Häuser des Bauvereins in der Schoellerstraße.
Im Bau begriffen sind die ersten 10 Häuser der Kleinsiedlerstelle am Muttergotteshäuschen.
Für das laufende und kommende Rechnungsjahr sind der Stadt Mittel für die Stadtkernbebauung zugesagt worden. Folgende Bauvorhaben sind geplant:
1.) auf dem städtischen Gelände zwischen Waisenhausstraße und Jesuitengasse 24 Wohnungen,
2.) auf dem Gelände der Schenkel-Schoellerstiftung zwischen Waisenhausstraße und Pletzergasse, das die Stadt im Tausch erworben hat, 27 Wohnungen,
3.) in der Binsfelderstraße 27 Wohnungen,
4.) in der Schoellerstraße 63 Wohnungen,
5.) Weiter ist der Bau von 69 Wohnungen am Alten Teich geplant. Es ergeben sich hier aber leider Schwierigkeiten im Grundstückserwerb, die wahrscheinlich nur durch Enteignung ausgeräumt werden können.
Außerdem sollen vom Land bezw. den Bankinstituten Mittel zur Verfügung gestellt werden, um eine grössere Zahl von Wohnungen in den halbfertigen Häusern im Stadtkern zu errichten.

Im folgenden Jahrzehnt flossen viele Millionen DM an öffentlichen Mitteln, in der Regel in Form von Landesdarlehen, in den Wohnungsbau in der Stadt Düren. Private Bauherren, aber vor allem Wohnungsbaugesellschaften wie die Neue Heimat, die Dürener Wohnungsbaugenossenschaft oder der Dürener Bauverein, errichteten in Düren Tausende neue Wohnungen, wie einer Aufstellung aus dem Verwaltungsbericht des Jahres 1959 entnommen werden kann:

Seit dem Jahre 1948 wurden durch Neubau, durch Wiederaufbau und Wiederherstellung gewonnen:



Das ergibt zusammen 7412 neue Wohnungen mit 26.397 Räumen und 370.062 qm Wohnfläche. Für 1959 stellte sich die Wohnungssituation in Düren folgendermaßen dar:



Gegenüber dem Wohnungsbestand vor der Zerstörung der Stadt fehlen heute noch 808 Wohnungen. Diese Zahl zeigt jedoch nicht das wirkliche Bild des Wohnraumbedarfs, denn heute werden vielfach Wohnungen durch Teilung mehrfach gezählt, die früher eine Wohnungseinheit bildeten.
Das Wohnungsamt schätzt den reinen Fehlbestand auf noch rund 2.000 Wohnungseinheiten.

Es konnte also auch Ende der 50er Jahre, trotz einer gewaltigen Bauleistung, noch nicht die Rede von einer Sättigung auf dem Dürener Wohnungsmarkt sein. In den Vormerklisten des Wohnungsamtes waren am 1.3.1960 als wohnungssuchend immer noch 3.864 Familien mit 10.125 Personen registriert. Dazu nahm die Stadt ständig weiter an Einwohnern zu, u.a. auch wegen der vielen Pendler, die eine Wohnung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes suchten.

Quellen:
Verwaltungsberichte der Stadt Düren 1946-1959
Kussinger-Stankovic, Düren. Gesicht einer Stadt der 1950er Jahre, Düren 2006
Hürtgenwald und Rurlandnot. Denkschrift, Düren 1947
Domsta, Düren 1940-1947, Düren 1994