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Bretter, die die Welt bedeuten:
Mit einem Vorhang aus Militärdecken fing es an
Dürens „Stadttheater“ war vom ersten Tag an wieder „dabei“ – Theaterskizzen aus der „Pionierzeit“ – Mit Mantel und Handschuhen im Parkett – „Allen Gewalten zum Trotz“, es wurde gespielt

Es begann zwar nicht bei Null …, aber immerhin an einem 29. April 1946, das neue „Stadttheater Düren, Intendant Roland Müller-Stein“. Und zwar bemerkenswerteerweise und sogar festlich mit der „Iphigenie“ von Goethe. Man muß sich eigentlich noch einmal in die Situation jener Tage zurückdenken: Die Innenstadt immer noch ein Trümmerhaufen, ehemalige Straßen waren teilweise noch Trampelpfade oder nachts ohne Straßenbeleuchtung; man wohnte und arbeitete unter primitivsten Umständen, von den notwendigen Kalorien gab es manchmal nur ein Drittel oder ein Viertel. Und trotz allem tat sich am Nordrande der Stadt ein Theater auf, ein Theater, das den Mut hatte, in jener turbulenten und von lauter Sorgen um das nackte Dasein zerw ühlten Zeit seine Spielzeit mit einem der schönsten Werke für das Theater, mit dem hohen Lied der reinen Menschlichkeit, zu beginnen.

Das vormals schöne Haus am Hoeschplatz stand noch, aber nur als grauenhafte Ruine. So hatte man „stadtseitig“ den stark angekratzten Festsaal der Landesheilanstalten an der Meckerstraße mit einem imponierenden Geschick herrichten lassen. Der 450 Personen fassende Saal wies f ür jeden Besucher einen neuen(!) Stuhl auf, mit Platznummer natürlich. Die Bühne hatte einen Zugvorhang, der aus Militärdecken zusammengenäht war, vor der Bühne hing an der Decke die „Vorbühnenbeleuchtung“, deren Fassungen an Dachlatten befestigt waren, und vor dem Vorhang auf dem Bühnenboden gab die Fußrampe das weitere notwendige Licht für die Spiele. Lichtleitungen waren hauptsächlich gefundene Wehrmachtskabel, deutsche und amerikanische …
„Allen Gewalten zum Trotz“, es wurde gespielt. Man kann heute blaß werden vor Neid über die Anzahl der Vorstellungen jener Tage. Die erste Spielzeit von Ende April 1946 bis Mitte Juni des jahres hatte 30 Vorstellungen, die sich daran anschlie ßende „Sommerspielzeit“ bis Ende August 1946 zählte 22, und dann die „Spielzeit 1946/47“ von Mitte September 1946 bis Anfang 1947 76 Vorstellungen. 39 Vorstellungen außer den Spielreihen und eine Schülervorstellung kamen noch dazu.

Was wurde gespielt? Müller-Steins echte Komödiantennatur brachte ein Gespür für Publikums-Wirksamkeit mit. Der Spielplan war weit gesteckt. Er reichte vom klassischen Drama bis zum modernen Lustspiel, von der Trag ödie bis zum Märchen. Er nannte Namen wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Grillparzer, Strindberg, Shaw, Klabund, Raynal (Das Grabmal des unbekannten Soldaten), Claudel, aber auch Sch önthan („Im weißen Rößl“ und „Raub der Sabinerinnen“), Hinrichs („Für die Katz“ und „Wenn der Hahn kräht“) und noch viele andere. Das damalige Theater brachte auch eine erste Nachkriegs-Verbindung mit der Oper. Das Stadttheater Aachen brachte als „konzertante Aufführungen“ den „Waffenschmied“, den „Zigeunerbaron“ und den „Troubadour“, immer vor vollem Hause. Das Orchester saß im Saal, Solisten und Chor standen auf der Bühne. Sie musizierten Ausschnitte aus den Werken, und die verbindenden Worte sprach dann einer, den Klavierauszug in der Hand haltend. Das waren noch Zeiten …

In den kalten Wintern stand im Vorraum zur Bühne ein Ofen, an dem sich die Darsteller wärmen konnten, und sie taten’s gerne. Vor den Spielen gab es auch einen Napf Suppe für die Darsteller, um so teils durch innere Erwärmung, teils durch körperliche Kräftigung überhaupt erst ein Agieren auf der Bühne möglich zu machen. Das an allen Bühnen strenge Rauchverbot war wenigstens in praxi aufgehoben. So konnte es dann passieren, da ß hin und wieder, auch bei Sterbeszenen in Tragödien, der belebende Duft einer „Chesterfield“ oder einer „Camel“ plötzlich und schamhaft vom Vorraum des Heiligtums über die Bühne in den Zuschauerraum hinüberwechselte …

Bemerkenswert ist das Werbeplakat für die Spielzeit 1947/48. Es verhieß eine „neue Spielplangestaltung“, es kündigte „Neuverpflichtungen im künstlerischen Personal“ an und es sagte die „Neuregelung der Heizungsfrage im renovierten Saal“ zu. Es war ja damals nicht so, daß die „Damen im Abendkleid“ und die „Herren in Schwarz“ zum Theater gingen. Man erlebte Theater in dem, was man noch hatte. Man kann aber auch Theater nur dann erleben, wenn die K örpertemperatur mindestens 37 Grad aufweist. Bei dem Kohlenmangel damals lag aber immer Gefahr vor, da ß besagte Temperatur unter den Normalpunkt sank. So ließ man im allgemeinen bei den Vorstellungen im Winter den Mantel an, den Hut nahm man ab. Ganz Anf ällige – und es waren ihrer nicht wenige – brachten sich ihre Wolldecken in den verschiedensten Farben von [zu] Hause mit und h üllten sich von Hals bis Fuß mehr oder weniger geschickt darin ein.

Einschneidende Änderungen brachte die Spielzeit 1949/50. Schon in der Spielzeit 1948 hatte sich nach der W ährungsreform ein Rückgang der Theaterbesucher bemerkbar gemacht. Die anfangs bestehenden zwei Spielreihen mu ßten zusammengelegt werden. Die freien Vorstellungen mußten fortfallen, und es gab nur noch Reihenvorstellungen. Die Zeit des Privattheaters, wie es das M üller-Steinsche war, war vorbei. Das nunmehr feste Geld benutzten die Theaterbesucher – allzu verständlich – um andere Sachen zu kaufen, und dies nicht zuletzt zuungunsten des Theaterbesuches. Auch „höheren Orts“ bahnten sich Dinge an, die dazu führten, daß die beiden westdeutschen Bühnen in Neuß und in Siegburg zu einer unter der Intendanz von Philipp Vogel zusammengefaßt wurden. So trat denn mit der Spielzeit 1949/50 wieder die Stadt Düren als Abnehmer der Theatervorstellungen auf. Sie verband sich mit dem nunmehrigen „Rheinischen Landestheater Neuß“ und mit dem Stadttheater Aachen, das auch musikalische Werke brachte.

Schon am 21. März 1949 hatte die Aachener Oper mit der „Bohème“ von Puccini (diesmal nicht konzertant) hier gastiert. Im Oktober 1949 begann die Spielzeit schwungvoll mit „Cosi fan tutte“ von Mozart, und sie endete im Juni 1950 mit dem „Wildschütz“ von Lortzing. Zwischendurch wechselten sich Neußer und Aachener Schauspiele miteinander ab. Bemerkenswerte Aufführungen dieser Spielzeit waren „Othello“ von Shakespeare (Neuß), „Clavigo“ von Goethe (Aachen), „Fiesko“ von Schiller (Neuß) und „Minna von Barnhelm“ von Lessing (Aachen, in der Inszenierung von Saladin Schmitt).

Die nächste Stufe des Dürener Theaterlebens nach dem Kriege ist schnell bezeichnet: Südschule. Sie konnte im Sommer 1952 bezogen werden, und sie enthielt auf der zweiten Etage, zu der vier Treppen hinf ührten, eine Aula mit einem Bühnchen. In der Aula konnten Plätze für 450 Personen hergerichtet werden. Die Bühne erhielt einen Vorbau, der sie wesentlich größer machte, vor der Bühne wurden an Gasrohren einige Scheinwerfer „aus noch vorhandenen Beständen“ aufgehangen. Da nicht genug Stühle vorhanden waren, trug der Schul-Hausmeister jedesmal vor der Vorstellung den erforderlichen Bestand aus den S älen hinauf und am nächsten Morgen wieder hinunter. Vor jeder Vorstellung wurden auf jeden Sitz Zettel mit der Platznummer gelegt. So konnte man mit Befriedigung, aber auch mit einiger Spannung der „Eröffnungspremiere im neuen Hause“ am 17. Oktober 1952 mit „Helden“ von Shaw als Gastspiel des Rheinischen Landestheaters entgegensehen.

Ein Kuriosum muß noch erwähnt werden. Die Saalbeleuchtung konnte nicht von der Bühne aus gesteuert werden. Der Schalter war an der entgegengesetzten Seite, an der Eingangst ür. So fand sich dennein „Sonderbeauftragter“ bei jeder Vorstellung ein, der beim Beginn eines Aktes auf ein Zeichen von der B ühne hin das Licht ausdrehte und es am Schluß eines Aktes – Zeichen: der fallende Vorhand – wieder andrehte.

Diesem „Stadttheater in der Südschule“ hielten in der neuen Spielzeit an die 320 Dauermieter die Treue, und es gab in jeder Vorstellung über 400 Besucher. Opern und Operetten konnten nicht gespielt werden. Aber es gab doch theatralische H öhepunkte, so „Kabale und Liebe“, „Maria Stuart“, beide von Schiller, neben Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ und Marcels „Ein Mann Gottes“. Höhepunkte waren auch die beiden „Kom(m)ödchen“-Vorstellungen am 15. Dezember 1952 und 9. März 1953. In die Theatervorstellungen teilten sich wiederum die Neußer Bühne und das Aachener Stadttheater.

Auch das Provisorium in der Südschule ging vorüber, und inzwischen ging die Aula im Stiftischen Gymnasium ihrem Ausbau entgegen. Sie in ihren Einzelheiten zu beschreiben, w äre müßig. Es soll nur einmal der Tag, an dem die erste Vorstellung in ihr stattfand, der 13. September 1953, an dem sie mit dem „Freischütz“ von Weber, aufgeführt vom Stadttheater Aachen, festlich eingeweiht wurde, erwähnt werden.

Hier möge sich der Ring schließen. der 17. Januar 1907 leitete mit dem „Freischütz“ eine glanzvolle Epoche Dürener Theaterlebens im Hause Hoeschplatz, der hochherzigen Stiftung Eberhard Hoeschs, ein. Der Z äsur von 1944 folgte kein Rückschritt, es blieb auch nicht beim Untergang. Unter schwierigsten Umständen konnte die 1944 abgerissene Theatertradition nicht nur wieder aufgenommen, sondern auch in stetiger Entwicklung fort- und emporgef ührt werden. Der 13. September 1953 war, das kann heute schon gesagt werden, der Anfang einer neuen und besseren Zeit.