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Sonderbeilage der Dürener Nachrichten aus Anlass der Wiedererbauung und Eröffnung des Rathauses der Stadt Düren
Samstag, 6. Dezember 1958
Unser Düren von der Zeit vor 25 Jahren bis zur Gegenwart
Das neue Düren
Bilder von heute
13 Jahre unter der Lupe
163 Monate sind seit dem Tage 0, der Stunde vergangen, als am 8. Mai dem
sinnlosen Morden, der furchtbaren Zerst
örung zunächst einmal Einhalt geboten wurde. 131⁄2 Jahre sind vergangen seit jenen Wochen und Monaten, als man auch in Düren eine Bilanz zu ziehen begann, was per Saldo der II. Weltkrieg übriggelassen hatte. Muß man daran erinnern, wie diese Bilanz aussah? Nun, die Bürger dieser Stadt an der Rur meldeten keinen Konkurs an, obgleich in jener Zeit
viele dazu rieten, die Erinnerung an D
üren zu streichen, ein neues Gemeinwesen an anderer Stelle erstehen zu lassen.
Tatkr
äftig wurde angepackt, wurden die ersten Pfade durch die Trümmerwüsten gebahnt, Keller notdürftig hergerichtet, Dächer geflickt, die ersten Behausungen geschaffen.
Erst der Tag X, der 20. Juni 1948, der Tag, an dem unser Geld wieder klingende Münze wurde, brachte dann den Impuls, über das Improvisieren, das Ueberleben hinaus Neues zu schaffen und zu planen, an
die Zukunft zu denken. Wenn in wenigen Tagen oder Wochen das neue Rathaus der
Stadt D
üren eingeweiht wird, erfährt eine zehnjährige Wiederaufbauepoche einen sichtbaren Abschluß, ist es an der Zeit, einmal rückschauend zu fragen, ob wirklich alles Bestand hat, was in diesen Jahren in
bewunderungsw
ürdigem Fleiß, ungebrochener Schaffenskraft und zuversichtlichem Mut geschaffen wurde. Es ist
an der Zeit, auch einmal diese Periode des Wiederaufbaus kritisch unter die
Lupe zu nehmen.
Das bedeutet nicht billige Beckmesserei in einer Zeit wirtschaftlicher
Saturiertheit, die sich erhaben d
ünkt über jene Leistungen, die oft unter großen Opfern, in Zeitnot und unter Kompromissen erkauft wurden. Es soll nur zum
Nachdenken anregen und vielleicht dazu f
ühren, aus den Fehlern des Vergangenen zu lernen, in der Zukunft noch Besseres zu
schaffen. Ungeschm
älert bleibt dabei der Dank an alle, die tatkräftig Trümmer räumten und mithalfen, aus den Ruinen ein neues Düren zu bauen.
Allein, seien wir ehrlich – der Stolz auf das Geleistete wird heute doch hie und da gedämpft durch das Bewußtsein, daß manches hätte anders oder besser werden sollen und können. Die Zerstörung durch den Krieg war vollkommen, durfte doch Düren den traurigen Ruf für sich in Anspruch nehmen, zu den am meisten verwüsteten Städten unseres Landes zu zählen. Gerade diese radikale Zerstörung, diese Vernichtung alles Althergebrachten, diese Einöde der Trümmer, sie gab, wie wir heute rückschauend feststellen müssen, den Planern und Architekten ungeahnte Möglichkeiten, eine neue Stadt zu bauen, eine Neuordnung der Stadtstruktur zu
erreichen. Dabei hei
ßt ja völliger Neubau einer Stadt keineswegs Leugnung ihrer Geschichte und Tradition. Blättern wir nämlich in den Annalen so manches Gemeinwesens, so finden wir, daß auch in früheren Jahrhunderten nach Bränden, Kriegen, Katastrophen solche Neuerrichtung von Städten keineswegs unbekannt war. Und keineswegs folgte man dabei liebevoll dem überlieferten Klischee, sondern baute – viel mehr, als es leider heute der Fall ist – aus dem Geist der Zeit heraus neu.
Es wäre in Düren möglich gewesen, die Wohngebiete aufzulockern, breite Straßenzüge zu schaffen, Grünzonen ins Stadtbild einzubinden. Eine einmalige Gelegenheit bot sich für die Schaffung eines neuen Stadtkernes, einer modernen City, und die Ordnung
des innerst
ädtischen Verkehrs mit dem Blick auf die stetig fortschreitende Motorisierung. Es
war die Chance, aus der versunkenen mittelalterlichen Stadt, die doch auch
wiederum so viele uneinheitliche Z
üge trug, ein modernes Gemeinwesen entstehen zu lassen.
Zu einer großzügigen Verwirklichung dieser Möglichkeiten kam es nicht. Es mutet wie ein Witz an, daß heute, 131⁄2 Jahre nach Kriegsende, heute, da Dürens Wiederaufbau im wesentlichen abgeschlossen ist, sich die Stadtväter Gedanken um einen Leitplan machen, diesen Kompaß der Städtebauer und Architekten, der gewiß in den vergangenen Jahren oft bitter gefehlt hat. Man darf es nicht verkennen,
manche Idee scheiterte in jenen Jahren an den harten Realit
äten. Zunächst einmal der Notwendigkeit, schnell und möglichst laufend Wohnraum zu schaffen. Dann aber auch an der Tatsache, daß auch in der Trümmerwüste jeder noch ängstlich die Steine seines früheren Hauses zählte, die Quadratmeter seines Grundstückes absteckte, kurz dem Beharrungsvermögen der Bürger, das nur durch sicher sehr unpopuläre und harte Maßnahmen – die vielleicht über endlos durch die Instanzen gepeitschte Prozesse jeden guten Gedanken
erheblich verz
ögert hätten, ja vielleicht scheitern ließen – hätte überwunden werden können. So blieb es bei einer Umlegung, die viel Schweiß und Arbeit kostete, im Endeffekt jedoch nur in der Innenstadt die Fronten der
einzelnen H
äuser ein wenig verbreiterte und auch etwa(s) breitere Straßen schuf. Winklige Kreuzungen, alte Straßenfluchten blieben erhalten und nur an wenigen Stellen – wie etwa am Bongard, in der Kämergasse, am Steinweg oder Altenteich – bemerkte man radikalere Änderungen.
Mangelnde Entschlußkraft der verantwortlichen politischen Körperschaften ist auch nicht immer ganz unschuldig gewesen an dieser Entwicklung,
an vielen Kompromissen, die nicht immer fruchtbare Kompromisse waren.
Vielleicht fehlte manchmal der Mut, nein zu sagen zu einem Vorschlag,
vielleicht war es auch bisweilen die Bequemlichkeit, die Scheu vor der
Oeffentlichkeit, die zu dem Konformismus, der Politik hinter verschlossenen T
üren, dem Ausschuß-Perfektionismus führte. Man kann dergleichen ja auch heute noch erleben, wenn in den
Stadtratssitzungen mundgerechte Ausschu
ßbeschlüsse serviert und, lediglich mit einigen wohllautenden Phrasen versehen,
gebilligt werden. Wen wundert da schon, da
ß Stuhlreihen für Zuhörer kaum benötigt werden und man allerhöchstens einige Parteifunktionäre von ihnen aus über die kopfnickende Schar ihrer Schäflein wachen sieht.
Doch noch ein anderes, und es mag manchen Fehler der Vergangenheit
entschuldigen. Wo fand man 1945, ja 1948 Architekten, die uns L
ösungen bescherten, die aus dem Geist der heutigen Zeit erwuchsen? Man hätte sich schon, und das war damals unmöglich, ans Ausland wenden müssen. Erst im Laufe der Jahre ist auch bei uns wieder eine junge
Architektengeneration herangewachsen, die unbelastet von der Vergangenheit in
die Zukunft schafft. Wie stark n
ämlich diese Vergangenheit Ballast sein kann, eine innere Unsicherheit begründet, sieht man an vielen Details des neuen Rathauses, das Prof. Denis Boniver,
einst Lehrer an der Hochschule f
ür Baukunst des III. Reiches in Weimar, schuf.
Kurzum, der Stadtplan des alten Düren bildete mit wenigen Veränderungen den Leitplan der neuen Stadt. Die Kirchen und öffentlichen Gebäude erstanden, mit geradezu frappierender Beharrlichkeit, der keineswegs nur
seine Wurzel im gesunden Traditionalismus hat, an alter Stelle inmitten der
Wohn- und Gesch
äftsgebäude. Dabei mangelt es ihnen oftmals an dem Freiraum, der für Gebäude solcher Dimensionen nun einmal notwendig ist. Daß dennoch in heroischem Bemühen wenigstens eine gewisse Neuordnung im Stadtkern geschaffen wurde, wird
keiner leugnen, der um die jahrelangen Anstrengungen in diesem
Umlegungsverfahren wei
ß. Allein, ein echter Stadtkern entstand dabei nicht. Düren hat keinen rechten Mittelpunkt erhalten, die Akzente sind verteilt.
Auch das Rathaus scheint nicht geeignet, die alleine verbindende Rolle zu übernehmen. Schon von der Architektur her stehen – Gott sei Dank, möchte man sagen – die Anna-Kirche von Prof. Schwarz und die Christus-Kirche der Architekten
Hentrich und Heuser gravierend daneben. Und nicht zu leugnen ist auch der
Komplex der
öffentlichen Bauten rings um den neu geschaffenen Schoellerpark oder den
Stadtgarten, wie man ihn offiziell gerne nennt. Auch wenn man dabei
über die Gestaltung der Bauten, die ihn umgeben, im einzelnen streiten kann: etwa
über die rustikale Behäbigkeit des wohl im Innern gut durchdachten Kreishauses, die so ländlich-sittliche Fassade der Dürener Bank, die in Kontrast steht zu der nüchternen Zweckmäßigkeit der Stadthalle. Das Hallenbad, und der langgestreckte Trakt des
naturwissenschaftlichen Gymnasiums, bei denen man vergeblich nach guten
Proportionen und Ausdruck modernen Bauens suchen wird, die allzu offensichtlich
auf den Rei
ßbrettern von Beamten entstanden, blieben dabei insgesamt brav und gut gedacht.
Wie trefflich nimmt sich der alte Bismarck in seinem Uniformrock im Kranz
dieser Backsteinbauten aus.
Albert Schulze Vellinghausen schrieb einmal, als er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ das Innere des wiedererstandenen Rathauses zu München einer vernichtenden Kritik unterwarf: „Wer hat das Recht, sich über den trostlos unsicheren, bösen Mischmasch der Stalinallee lustig zu machen? Gewiß, nicht wir, wenn wir den guten, soliden Gefühlen und Wünschen städtischen Bürgersinnes in ähnlichem Mischmasch Ausdruck geben.“ Seine Feststellung sitzt und trifft nicht nur historisches Bauen. Uebrigens
keineswegs nur in M
ünster oder Düren. Und keineswegs hier nur so manches öffentliche Bauwerk, und neben den kritisierten Mischmasch tritt auch die
Ideenlosigkeit, die geistlose Uniformit
ät. Hätten nicht die großartigen, mit Schwung konzipierten Wiederaufbauprogramme auch der Wohnhäuser wegweisendere Lösungen bescheren können, als die langweiligen Fassaden der ach so gebrechlichen Häuserzeilen an Bongard, Steinweg oder Kämergasse, die braven Prototypen sozialen Wohnungsbaues an der Rütger-von-Scheven-Straße?
Gewiß, die Wohnungsnot brannte uns unter den Nägeln. Es mußte schnell und billig gebaut werden, doch zeigen nicht mittlerweile Beispiele
aus anderen St
ädten, daß schnell und billig nicht unbedingt uniformiert und – sagen wir es offen, oder fragen wir die, die jetzt Jahre in diesen Wohnungen
leben
– armselig bedeuten muß. Der Wohnungsnot ist weitgehend gesteuert worden. Kommen aber nicht wir eines
Tages, wie andere St
ädte, in die Verlegenheit, das neu Geschaffene wieder abreißen und durch besseres ersetzen zu müssen, weil wir in der Notlage nur nach Notlösungen suchten? Die bunten Leuchtreklamen, die großen Schaufenster der Innenstadt dürfen ebenfalls nicht darüber hinwegtäuschen, daß es doch hier an Ausblicken, die nur einen Stern in einem neuen Baedeker
verdienen, leider fehlt. Dabei darf man aber noch dankbar sein, da
ß der Fehler, Vergangenes in vergangener Gestalt wiedererstehen zu lassen,
ungleich M
ünster vermieden wurde, denn ganz zu Recht verweist Vellinghausen auf die große Unsicherheit, die uns befällt, wenn wir das Alte nachempfinden, nachvollziehen wollen. Allerdings ist
wirklich eines, das Alfons Leitl vor einigen Jahren in einem Vortrag forderte,
n
ämlich, daß es baumeisterliche Aufgabe sei, das Chaos zu überwinden, zum Teil erreicht worden. Erreicht vielleicht auch ohne daß gleichförmige Uniformität allzu stark in den Vordergrund trat.
Wenn Dürens Aufbau dennoch immer wieder in aller Munde ist, so zweifellos vor allem
wegen der baulichen Leistung der vergangenen Jahre schlechthin, in denen man
die L
ücken buchstäblich zuwachsen, die Wunden vernarben, die Trümmer verschwinden sehen konnte von Tag zu Tag. Daß dabei auch Bauwerke entstanden, die in die Zukunft weisen, die aus der
Diskussion nicht mehr wegzudenken sind, das d
ürfen wir bei aller Kritik dankbar anerkennen. Da steht die so arg umstrittene
Anna-Kirche von Prof. Rudolf Schwarz im Vordergrund, als das geistige
Wahrzeichen D
ürens. Ganz gleich, wohin wir in den letzten Jahren blickten, zur Interbau in
Berlin, zur Weltausstellung in Br
üssel, zur Ausstellung „Ars Sacra“ in Leeuwen, überall fand man Aufnahmen dieses Kirchenbauwerks, das im In- und Ausland zum
Begriff wurde. Wenn je Medaillen f
ür den Wiederaufbau Dürens vergeben werden, dem Kirchenvorstand von St. Anna gebührte ohne Zweifel eine.
Aus einem anderen Geist, deswegen aber keineswegs weniger bemerkenswert, wurde
die Christus-Kirche geschaffen, gleich der katholischen Bruderkirche viel
beachtet. Sie will nicht den Geist moderner Gl
äubigkeit, die sakrale Atmosphäre eines Gotteshauses schenken, sondern will Stätte der Versammlung einer sich näherkommenden Gemeinde sein, die sich um den Tisch des Herrn, um Kanzel und
Taufbecken schart. Es ist bemerkenswert
– und ein gutes Omen für alle, die dem Gedanken der Una Sancta anhängen –, daß in dem gleichen Maße, wie die klare, feste Gläubigkeit der Anna-Kirche, ihr fast protestantischer Zug Anerkennung und
Beachtung fanden bei den evangelischen Christen, die Christus-Kirche immer
wieder die Aufmerksamkeit katholischer Priester und Laien erregte.
Auch dort, wo man nicht die Mittel, die Zeit und die Gelegenheit hatte,
epochemachende Neubauten zu schaffen, fand man bei den Kirchenbauten D
ürens z.T. durchaus saubere Lösungen: so etwa bei dem schlichten Bauwerk von St. Bonifatius oder der
St.-Joachims-Kirche. Ja, selbst bei der aus Tr
ümmern errichteten Pfarrkirche St. Marien schlug man den rechten Ton an, fügte Stein auf Stein zu einem Bauwerk, das nicht nur Mahnmal an Vergangenes,
sondern auch Ausdruck einer sch
önen Gemeinschaft, eines neuen Beginnens wurde.
Berechtigt stolz sind die Dürener trotz des fehlenden Avantgardismus, trotz so vieler begeisternder Lösungen, die man von Fotos oder Reisen kennt, auch auf ihre neuen Schulen. Auf
das etwas W
ürde ausstrahlende stiftische Gymnasium mit seiner Aula, dem Treffpunkt für Dürens Theater- und Kammermusikfreunde, auf die im Blickfang stehende
Pesch-Schule, die die Baracken der Schweizer Spende verdr
ängte, mit ihrem Jugendkino, dessen Innengestaltung man sich endlich vornehmen
sollte. Auf die Kornhausschule, in ihrer gewinnenden Bescheidenheit und den
weitr
äumig gestalteten Komplex der Grüngürtelschule, der noch unter den in eigener Regie entworfenen Schulen der Stadt am
meisten befriedigt. Die Martin-Luther-Schule
– längst zu klein geworden – sei erwähnt und auch die Südschule nicht vergessen, die heute schon, wie die Ostschule, als ein Gruß vergangener Zeiten anmutet, oder die bieder-neubarocke Landwirtschaftsschule,
deren derb-deftiger Aula eine
„Originalität“ nicht abzusprechen ist.
Doch gibt es in Düren durchaus Schulbauten, die nicht nur den Lokalpatrioten ansprechen. Das
Berufsschulsystem des Architektenehepaares Mirbach ist im Lande nicht unbekannt
geblieben. Sein Ausdruck ist sachlich klar, eine starke pers
önliche Handschrift tragend, die Gefühl für innere und äußere Ordnung zeigt. Es bleibt zu wünschen, daß die noch ausstehende künstlerische Gestaltung einiger Innenwände solchen Malern anvertraut wird, die diese Architektur verstehen und ergänzen. Auch bei dem zweiten Bauwerk dieses Architektenpaares, der
Knabenrealschule des Kreises D
üren, kommt der gleiche Bauwille zum Ausdruck. Frappierend ist dabei, daß Großzügigkeit nicht Aufwendigkeit bedeutet, zweckbetonte Ordnung nicht öde Nüchternheit beinhaltet.
Wer von der Post Avantgardismus erwartet, ist trotz Selbstwählferndienst und eingeschränkter Zustellung, sicherlich falsch beraten. So bleibt ihr neues Postamt eben
nur ein gro
ßer Behördenbacksteinbau an markanter Stelle, geschaffen sicherlich in dem nicht einmal
unberechtigten Streben, sich dem Wiederaufbaustil D
ürens unauffällig einzufügen, dabei die behördliche Zweckbestimmung nicht leugnend und in der Innengestaltung durchaus
technische Perfektion verratend. In der gleichen Welt sind auch die Planer
anderer Beh
ördenhäuser zu Hause – man denke an das Zollamt. Es ist jener schematisierte Stil, den man einst auch
f
ür die Bahnhöfe von Königsberg bis Monschau prägte, wenn auch natürlich unter Aufnahme zeitnaher Elemente. Das Gebäude der Verkehrs-Ueberwachungs-Bereitschaft nimmt sich dagegen schon fast kühn und fortschrittlich aus.
Doch noch ein Blick auf die Wohngebäude und Wohnkultur. Wer glaubte, jene architektonische Freiheit, die man den
Bauleuten auf dem viel zitierten
„Picasso-Hügel“ im Süden der Stadt ließ, würde nun zu wirklich zukunftsweisenden Lösungen führen, zum Ausdruck einer neuen Zeit werden, ward arg enttäuscht. Hier verwirklichte sich höchstens jener „Rausch der Verwirrung“, den Alfons Leitl in seinem schon zitierten Vortrag beschwört, und nur wenige Perlen findet man in der unteren Zone unter viel glitzerndem
Geschmeide, das man nur kopfsch
üttelnd betrachten kann. Andererseits ist es ermutigend, daß gerade in jüngster Zeit einige Architekten Schritte zu einer Baugestaltung fanden, die sich
vom Vergangenen l
öst, ohne sich in unbewältigte Abenteuer zu stürzen. Man betrachte etwa den neuen Wohnblock am Kölnplatz des Architekten Sommer. Die Neubauten an der Frankenstraße des Architekten Möller und auch manches Einfamilienhaus, das in jüngster Zeit errichtet wurde.
Und will man übrigens Lob und Tadel verteilen, so muß auch unverhohlen ausgesprochen werden, daß auch die Dürener Industrie – hier bestätigen einige löbliche Ausnahmen, wie sie sich in neuen Verwaltungsgebäuden, z. B.: dem der Glashütte, anbieten, nur die Regel – nicht den Mut hatte, grundsätzlich neue Wege zu gehen,
[hier hat der Setzer gepennt:] gen, ohne dabei in der an sich gelungenen Zeit-
sicherlich unter dem Druck, zunächst die Arbeitsplätze wiederherzustellen. Die Industrie, deren Magnaten doch in vergangenen
Jahrzehnten so nachdr
ücklich Dürens Kunst- und Kulturleben befruchteten, wie das an das Düren der Mäzene erinnernde Leopold-Hoesch-Museum, hinter dessen Fassade der
Jahrhundertwende sich eine kostbare Sammlung moderner Kunstsch
ätze verbirgt, beweist. Es begrenzt mit der Marien-Kirche und dem Amtsgericht – es ist neben dem Finanzamt eine Erinnerung an die Zeit zwischen den Kriegen
ohne dabei in der an sich gelungenen Zeitlosigkeit und dem Charakter von Stadt
und Landschaft gerecht werdenden Stil antiquiert zu wirken
– den Hoeschplatz, dem, nachdem er ein Gesicht erhält, die Nordfront fehlt. Wobei übrigens nur jene unverbesserlichen Schwärmer, die sich ruhig einmal neben vergilbte Theaterprogramme Rechenstift und
Notizblock legen sollten, an ein Wiederauferstehen eines D
ürener Theaters glauben.
Daß man in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit auch den Grünflächen, den Parks und Anlagen schenkte, ist erfreulich, wenn es auch manchmal
scheinen mag, da
ß ein wenig mehr Zurückhaltung in der Blumenpracht dem Auge mehr Ruhe und Erholung bieten würde. Hoffentlich erhält Düren neben der Anna-Säule, dem Bismarck und der Uphuesplastik im Stadtpark demnächst auch diesen oder jenen bildhauerischen Blickfang. Die Marien-Säule war ein gutes Beginnen und versuchte die mit der Gestaltung der
Anna-Kirchen-Nordwand gegebene Richtung konsequent fortzusetzen. Wie ein
Faustschlag mutet da die beziehungslose, in unser Gebiet pl
ötzlich anachronistische, altägyptische Bauelemente verpflanzende Betonsäule vor dem Rathaus an, deren drei Kupferschalen schon zu der häßlichen Bemerkung Anlaß gaben, hier werde ein Denkmal des Drei-Klassen-Wahlrechts errichtet.
A propos Rathaus – und damit sind wir am Schluß dieser kleinen Rundreise. Scharfe Kritiker meinen, es sei eine traurige
bauliche Entgleisung, die sich die Stadt da geleistet, Behutsamere bejahten zun
ächst die Grundkonzeption dieses den Kaiserplatz beherrschenden Komplexes, dessen
Hochhaus weit hinaus in die Eifel D
ürens Grüße trägt. Die Eifel, deren herbe(r) Schönheit das Rathaus eigentlich keinen adäquaten Ausdruck zu geben vermag, wie es überhaupt in seiner heutigen Gestalt ohne Beziehungen zu Düren, seiner Geschichte, seiner Landschaft zu stehen scheint.
Wenn Georges Braque einmal sagte, es sei bei der Malerei so, daß man zu Beginn nie wisse, was daraus für ein Gemälde werde, mag das für die Malerei zutreffen. Für einen Architekten ist dieser Leitsatz allerdings recht unangenehm, für den Betrachter seines Werkes, gar für den, der im Modell, in der Zeichnung diesem Werk zustimmte, frappierend und
schockierend, wenn er ihn verwirklicht sieht.
Das gilt für das Dürener Rathaus, für den Entwurf von Prof. Boniver, für den sich die Jury entschied. Immer wieder erlebte man neue Ueberraschungen,
sei es, da
ß ein schwarz-gelbes Mosaik plötzlich die Fassade „belebte“ und Assoziationen hervorrief, die dem Rathaus den Beinamen „Kartoffelkäferbunker“ eintrugen, sei es, daß man plötzlich das Wappen der Stadt, das doch ursprünglich in die Front des Hochhauses eingebunden werden sollte, hinaufgerückt und von einem Zuckerbäckermäuerchen gekrönt fand. Allerlei Zierat verwischte allmählich – ohne architektonische Begründung, ja, ohne Schmuckbedürfnis – die Grundidee dieses monumentalen Verwaltungsgebäudes. Bedarf es wirklich dieser Zusätze, dieser niedlichen Attribute, um vom Rathaus als dem Haus der Bürger, dem Haus ihrer Stadt zu künden, bedarf es dieser Spielereien, die an protziges Potentatentum von eigenen
Gnaden peinlich erinnern? Sollte nicht der Bau die Kraft haben, f
ür sich zu sprechen? Es ist gewiß kein glückliches Omen für Einzug und Einweihung dieses Bauwerkes, das krönender Abschluß des Wiederaufbaues einer Stadt sein sollte, daß ein Stadtvertreter mit Geschmack und Geist kürzlich vorschlug, man solle doch jetzt schon einen Verein zum Umbau und zur
Erneuerung des Rathauses gr
ünden.
Das Urteil der Fachleute war bisher vernichtend. Es bleibt abzuwarten, ob nicht
die B
ürger – die Fehler mit liebevollen Beinamen versehend – dennoch zu ihrem Rathaus stehen werden, wie ja, trotz aller Mängel, die man rückschauend heute leicht erkennen kann, auch die neue Stadt die Menschen wieder
im Bewu
ßtsein der Gemeinsamkeit zusammenführte, einer Gemeinsamkeit, die nicht zuletzt gegründet wurde unter den Opfern, dem Schweiß und den Mühen der letzten Jahre, die in oft hektischer Anstrengung ein fast völlig zerstörtes Gemeinwesen aus den Trümmern neu erblühen sahen. Kein Wunder, daß in diesem Blütenstrauß des neuen Düren nicht nur Rosen ihre Freunde finden, auch die bescheidenen Feld- und
Wiesenblumen wuchsen auf einem Acker, der in harter Arbeit bereitet worden war.
Wer also – wie es bisweilen geschieht – dem neuen Düren den Vorwurf macht, es sei gesichtslos, dem muß man erwie[!]dern, daß es einmal in dieser bescheidenen Gleichförmigkeit, die man ja tatsächlich weithin antrifft, auch nicht an einigen markanten Zügen fehlt, daß aber auch harte Arbeit dieses zunächst noch junge Gesicht formen half, in das, hoffen wir, erst die Zukunft noch
weitere bemerkenswerte Linien und Konturen ritzen wird. Dabei
– und das könnte auch ein gutes Motto für den künftigen Leitplan Dürens sein – mag man an von Mies van der Rohe denken: „Der lange Weg vom Material über die Zwecke zu den Gestaltungen hat nur das eine Ziel: Ordnung zu schaffen in
dem heillosen Durcheinander unserer Tage. Wir wollen aber eine Ordnung, die
jedem Ding seinen Platz gibt. Und wir wollen jedem Ding das geben, was ihm
zukommt seinem Wesen nach.
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