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„Verbrannte Erde“ in der
Stunde Null
Düren war der zerstörteste Kreis
Europas – Trauriger Rekord in der Trümmerbilanz
– Hemingway: „Eine zu Staub zermahlene Stadt“
– Hürtgenwald und Rurlandnot appellierte an das
Weltgewissen
Düren. – Das war die Stunde Null
– der Tag, an dem die Alliierten nach einem totalen Sieg
und nach einem ebenso totalen Krieg am 8. Mai 1945 die
Kapitulation des Deutschen Reiches entgegennahmen. Eine Welle
befreienden Jubels ging nach dieser Nachricht durch ganz
Europa, brandete durch die Straßen der Hauptstädte
in den Siegerländern, ergriff die Menschen bis in die
kleinsten Dörfer hinein und fand selbst in den
Kriegsgefangenenlagern, in denen die besiegten deutschen
Soldaten zu gequälten Massen zusammengepfercht lagen, sein
erlösendes Echo. Nach mehr als fünfjährigem
Krieg, der in seiner letzten Phase Tod und Verderben über
das Dürener Land brachte, wie es die an Drangsalen und
Elend wahrlich nicht gering bedachte 1200jährige
Geschichte Dürens bis dahin nicht vermerkt hatte, begann
auch für uns wieder ein neues Leben. Sein karger
Nährboden war die „Verbrannte Erde“ einer
völligen Vernichtung des Landes an der Rur, von der
Voreifel bis in die Jülicher Börde, vom
Hürtgenwald im Westen bis in die Forste der Bürge am
Kreis-Ende.
Von Baltar Schmitz
Heute, zwei Jahrzehnte später, stehen
wir nicht nur vor dem im Frühling neuerblühten Land,
dessen Natur längst alle Wunden geheilt hat, sondern auch
vor dem blühenden Leben in unseren Städten und
Dörfern, die schöner denn je zuvor alle Zeichen des
Wohlstandes tragen, der die Frucht harter Arbeit im
Wiederaufbau und kluger politischer Führung ist.
Für Düren und das Dürener
Land hatte dieser Nullpunkt der völligen
Hoffnungslosigkeit schon einige Monate früher als am 8.
Mai 1945 begonnen. Die Stadt erlebte ihn am 16. November 1944,
als bei einem der furchtbarsten Massenangriffe des letzten
Krieges aus der Luft Düren zu einem einzigen
Trümmermeer geworfen wurde. Diese Stunde Null sah nach dem
Inferno des Bombardements, in der einst blühenden, fast
50000 Einwohner zählenden Stadt noch vier Männer, die
in Trümmerlöchern hausten; sie sah eine „zu
Staub zermahlene Stadt“, wie der amerikanische
Schriftsteller Ernest Hemingway in einem Frontbericht über
die Kämpfe im Hürtgenwald schrieb.
Menetekel einer Wahnsinnspolitik
Sie sah im Dürener Land, über das
in den Monaten danach die Wellen englisch-amerikanischer
Materialschlachten gingen, menschenleere Dörfer,
zerborstene Häuser, im Granatenhagel zerstörte
Industriebetriebe und dem Erdboden gleichgemachte Kirchen.
Unser Land war zum Prototyp der „Verbrannten Erde“
geworden, wie sie Hitler in seinen letzten wahnsinnigen
Vernichtungsbefehlen vom 19. März und vom 30. April 1945
gefordert hatte, ehe er selbst Hand an sich legte.
Kriegshandlungen und das teuflische Werk der Selbstvernichtung,
keine öffentlichen Einrichtungen und Betriebe in die
Hände der Feinde fallen zu lassen, hatten
gleichermaßen an diesem gigantischen Zerstörungswerk
unserer Heimat Anteil.
Düren und das Dürener Land waren
zum Menetekel der Wahnsinnspolitik einer Diktatur geworden, die
in ihrer unvorstellbaren Menschenverachtung ein ganzes Volk mit
in ihren Untergang reißen wollte. Die Statistik des
Grauens, die mit Toten, Trümmermengen, zerstörten
Industriekapazitäten und geschändeten Kulturwerten
eines ganzen Jahrtausends, mit Not, Elend und
Hoffnungslosigkeit geschrieben wurde, weist Düren und das
Dürener Land als den zerstörtesten Kreis in ganz
Europa aus, den dieser alles umfassende Krieg hinterließ.
Die Vernichtung war perfekt und die Hoffnung, in absehbarer
Zeit jemals aus diesem Unheil sich befreien zu können so
gering, daß der in den letzten 20 Jahren sich vollzogene
Wiederaufbau unserer Heimat geradezu wie ein Wunder erscheinen
muß.
1200 Dürener erleben die Kapitulation
Als mit der Einnahme der Stadt durch die
Amerikaner am 25. Februar 1945 die ersten Dürener wieder
in die Trümmerwüste zurückkehrten, die einmal
ihre Heimat gewesen war, und sie sich zu den vier Männern
gesellten, die als einzige in der Stadt Massenflucht und
tausendfachen Bombentod überdauert hatten, standen sie vor
dem Nichts. In der zweiten Märzhälfte fanden etwa 180
Männer und Frauen den Weg in die Trümmer zurück,
einen Monat später, als am 8. Mai in ganz Europa die
Siegesglocken der deutschen Kriegsgegner läuteten, waren
es bereits 1200, die diesen Tag des Kriegsschlusses, aber
gleichzeitig auch die Befreiung aus dem Dunkel
zwölfjähriger Diktatur in den eingestürzten
Mauern ihrer Stadt erlebten.
Bis zum Ende des Jahres 1945 zählte
dieser Schuttberg Düren bereits wieder 27000 Menschen. Die
meisten hausten in den Randgebieten in Notquartieren, wo nicht
selten in den provisorisch wieder hergerichteten
Einfamilienhäusern jeweils mehr als ein Dutzend Familien
unterkrochen. Im Juli 1946 nahm der weitere Zuzug in dem
Trümmerhaufen eine solche Form an, daß die damaligen
Ordnungskräfte, unterstützt von der
Militärverwaltung, mit Gewalt die Rückkehrer am
Betreten der Stadt hindern mußten. Alle nur eben
bewohnbaren Räume, Keller, Gartenhäuser, Schuppen,
alte Bunker, eingestürzte Industriehallen und selbst
neuausgeworfene Erdbunker waren bereits hoffnungslos
überbelegt.
Nur 13 Häuser blieben heil
Dürens Trümmerbilanz ist
gleichzeitig seine Bilanz des Grauens, denn es gab kaum ein
Haus in der Stadt, das nach der Beseitigung der Trümmer in
den späteren Jahren nicht auch Tote freigab, die die
niederstürzenden Steine begraben hatten. Bis heutezu
läßt sich die Zahl der Bombentoten des 16. Novembers
1944 nicht annähernd feststellen. Die Schätzungen
liegen bei 12000, die an diesem Todestag der Stadt ihr Leben
lassen mußten.
Eine Anfang der fünfziger Jahre
für die Bundesrepublik aufgestellte Übersicht
über die Trümmermengen und Wohnungsverluste der
deutschen Städte führt die Stadt Düren mit 33,1
cbm Trümmer je Einwohner an zweiter Stelle der
Bundesstatistik hinter der ebenfalls schwer zerstörten
Stadt Gießen. In der Statistik der zerstörten
Wohnungen steht die Stadt mit 99,2 Prozent vor allen deutschen
Städten weitaus an der Spitze. 1950 mit fleißiger
Verwaltungsakribie zusammengestellte Verlustlisten weisen
folgende Zahlen aus: Von den 6431 Wohn- und
Geschäftshäusern Dürens blieben nur 13, das sind
0,2 Prozent, ohne nennenswerten Schaden; völlig
zerstört oder unbenutzbar beschädigt wurden 4253
Häuser (66,1 Prozent), beschränkt benutzbar, aber
trotzdem noch erheblich beschädigt waren 1537 Häuser
(23,9 Prozent).
Alle historischen Bauwerke der Stadt fielen
in Trümmer, darunter die in ihren ältesten Bauteilen
spätromanisch-frühgotische Annakirche, die ehemalige
Franziskanerkirche (Marienkirche), das Renaissance-Rathaus, das
Gewandhaus und das mit einem prachtvollen Treppengiebel
verzierte Kornhaus. Dazu kamen zahlreiche
Bürgerhäuser verschiedener Zeitepochen, an denen die
Stadt sehr reich war.
Bis unter die Erde vernichtet
Weiter stehen auf der Liste des sinnlosen
Vernichtungswerkes Dürens prächtiges, in ganz
Westdeutschland bekanntes Stadttheater, ein Dutzend
Verwaltungsgebäude, elf von 15 großen Schulen, zwei
Kindergärten, vier Altersheime, vier von fünf Banken
und Sparkassen, zwölf von 19 Kirchen und Kapellen und vier
Klöster. Schwer beschädigt und damals unbrauchbar
waren weitere sieben Kirchen, das Dürener Museum, die
Städtischen Krankenanstalten und drei weitere Schulen.
Ebenso schwer im Hinblick auf den
Wiederaufbau wogen die Schäden, die Düren
„unter der Erde“ erlitten hatte. Mit fast dem
gesamten Straßennetz der Stadt wurde die Stromversorgung
um 90 Prozent zerstört, die Wasserversorgung setzte
völlig aus, denn neben den beiden Wassertürmen waren
55 Prozent des 86,5 Kilometer langen Leitungsnetzes völlig
vernichtet und 45 Prozent schwer beschädigt. Auch die
Gasversorgung existierte nicht mehr. Der Gasbehälter war
zerbombt, 7000 Gasmesser und 80 Kilometer Gasleitungen fast zu
100 Prozent zerstört.
Das gleiche gilt für das 88,5
Kilometer lange Kanalnetz der Stadt, das mit seinen 800
Bruchstellen zu 85 Prozent zertrümmert wurde. Auch die
damals moderne Feuermeldeanlage Dürens ging mit dem
Angriff völlig unter. Von den 118,4 Kilometer
Straßen der Stadt war nur noch ein ganz geringer
Bruchteil brauchbar und mit Bombentrichtern, zur Hauptsache in
der Innenstadt, übersät. Von 40 Brücken im
Stadtgebiet waren 14 völlig zerstört und zehn schwer
beschädigt. Das für Düren wichtige Teichsystem,
das in 800 Meter überwölbt war, wurde ebenfalls
weitgehend derangiert.
Sternstunde unbändigen Mutes
Unter diesen Umständen war es nicht
verwunderlich, wenn die alliierten Militärstellen, die
auch für die zivile Verwaltung zuständig waren, allen
Ernstes planten, diesen gigantischen Trümmerhaufen einfach
liegenzulassen, um die Stadt auf den südlichen Höhen
an der Stockheimer Landstraße wieder neu aufzubauen. Der
zähe Wille der Dürener, die sich damals mit nicht zu
überbietender Hartnäckigkeit am Letzten, was ihnen
geblieben war, den Trümmerkellern und Ruinen
festklammerten, vereitelte diesen Plan. Ihre Stunde Null war
gleichzeitig die Sternstunde unbändigen Mutes, aus dieser
Steinwüste nicht nur ein neues Düren erstehen zu
lassen, sondern, so weit es die Verhältnisse und der
hartnäckige Kampf jedes einzelnen
Grundstücksbesitzers zuließen, großzügig
den Schritt aus der Enge in ein aufgelockertes und
luftdurchflutetes Stadtzentrum zu tun.
Die späteren harten Kämpfe um den
Hürtgenwald und die von der deutschen Heeresleitung als
Widerstandslinie gedachte Rurfront brachten es mit sich,
daß im Dürener Land, insbesondere im Rurtal, Dorf um
Dorf – aufgegeben und wieder zurückerobert –
(und das manchmal bis zu einem dutzendmal),
Zerstörungsgrade von ähnlicher Härte wie in der
Kreisstadt festgestellt werden mußten, als zur Stunde
Null die Bewohner nach und nach wieder in ihre zerschossenen
Orte zurückkehrten.
Das gesamte Hab und Gut verloren
Von den rund 22500 Wohnhäusern im
Kreise Düren blieben weniger als zehn Prozent von
Beschädigungen verschont, mehr als 6200 waren völlig
vernichtet und der Rest so zerstört, daß nur ein
notdürftiges Wohnen möglich war.
„Friedenspreise“ zwischen den beiden Weltkriegen
zugrunde gelegt, hat man ausgerechnet, daß der Schaden an
Wohngebäuden im Kreise sich auf rund 250 Millionen
Reichsmark belief. Die Schäden an landwirtschaftlichen
Gebäuden betrugen 16 Millionen, an Schulen,
Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden
rund sechs Millionen, an Kirchen und Kultureinrichtungen 7,5
Millionen und an Gewerbebetrieben (ohne Industrie) sieben
Millionen RM.
Nach den jetzigen Kostenvorstellungen kann
man diese Beträge getrost verfünffachen, um einen
Begriff von diesen Größenordnungen zu erhalten. In
dieser Rechnung sind die Schäden an Straßen,
Versorgungseinrichtungen, Brücken usw. gar nicht
mitgerechnet, geschweige denn läßt sich der Wert der
zertrümmerten Einrichtungen in den Häusern ermitteln.
In zahlreichen Dörfern hatten die Bewohner
buchstäblich ihr gesamtes Hab und Gut verloren, abgesehen
von Düren selbst.
Noch 100 Tote durch Minen
Besonders hart wurde die Landwirtschaft
getroffen, deren Felder, Wälder, Weiden und die Anwesen,
einschließlich der Maschinen und Geräte, zum
größten Teil verwüstet und unbrauchbar waren,
als die Bauern, meist als die ersten im Dorf, wieder an ihren
Platz zurückkehrten, den ihre Familien häufig schon
seit Jahrhunderten bewirtschafteten. Fast die Hälfte der
gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche konnte im ersten
jahr nach Kriegsende nicht mehr bestellt werden, weil sie von
Laufgräben und Geschützstellungen durchzogen, von
Bombentrichtern aufgewühlt oder mit mehr als 1150 Hektar
von deutschen oder amerikanischen Soldaten vermint wurden.
Tückische Hinterlassenschaft
Diese tückische Hinterlassenschaft des
Krieges forderte im Kreise Düren bei den
Rekultivierungsarbeiten, mit denen die Landwirtschaft sofort
begann, mehr als hundert Tote. Männer, Frauen und Kinder
liefen auf Minen oder wurden durch explodierende Geschosse
getroffen. Zu den Planierungsarbeiten mußten für das
Zuwerfen von Schützengräben allein rund 80000 cbm
Erde bewegt werden, für die Geschützstellungen rund
40000 cbm und für die Auffüllung von Bomben- und
Granattrichtern in den Feldern und Wiesen fast 310000 cbm.
Die Ernteausfälle in den ersten
Nachkriegsjahren zählen nach mehr als 50 Millionen Mark.
An landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten – so
hat man nach dem Kriege errechnet – erlitten die Bauern
Verluste von rund 10 Millionen Mark. Die Viehverluste waren
noch empfindlicher. 70 bis 80 Prozent des Federviehs, mehr als
60 Prozent der Schweine und Rinder und 10 Prozent der Pferde
gingen durch Krieg und Verwüstung verloren. Die
Gesamtverluste wurden damals mit über 30 Millionen DM
beziffert.
Dazu drohten die Demontagen
Dürens Industrie, die mit der
Industrie des Jülicher Raumes eine wirtschaftliche Einheit
darstellt, war im Vergelich zu den übrigen
Zerstörungen verhältnismäßig glimpflich
abgekommen. Obschon der Zerstörungsgrad insgesamt gesehen
„nur“ bei rund 50 Prozent lag, gelang es erst
verhältnismäßig spät, das industrielle
Leben in Gang zu setzen. Zu viele Widerstände taten sich
auf. Demontage, verweigerte Permits, die die Alliierten
erteilten, Rohstoffmangel und fehlende Areitskräfte waren
einige Gründe, daß Ende 1946 erst eine
Umsatzkapazität von etwa zehn Prozent der Vorkriegszeit
erreicht war. Von insgesamt 124 Firmen waren erst 62
angelaufen, wobei jedoch fast 50 Prozent aller
Arbeitskräfte mit Trümmerräumung und
Instandsetzungen beschäftigt waren.
Dieses erste volle Nachkriegsjahr erbrachte
einen Gesamtumsatz von rund 120000 Mark bei einem
friedensmäßigen jahresumsatz von rund 110 Millionen
Mark in den beiden Kreisen Düren und Jülich. Heute
weist allein die Industrie des Dürener Landes eine
Umsatzkapazität von rund 800 Millionen DM auf. Es fehlte
in diesen Nahckriegsjahren nicht nur an Rohstoffen, sondern vor
allem an Energie, an Kohlen, Strom, Gas und an all den tausend
Kleinigkeiten, die es einem modernen Industriewerk erst
möglich machen, überhaupt zu produzieren. So hatte
die Dürener Industrie nicht nur die schweren Schäden
des Krieges zu tragen, sondern auch die ungeheuren Verluste,
die durch ihren – gegenüber den anderen Landesteilen
– verspäteten Start in das Wirtschaftsgeschehen
entstanden waren.
In eine unsichere Zukunft
Entsprechend hatte auch der gewerbliche
Mittelstand unter diesen Sonderaspekten zu leiden. Die
Handwerkerschaft verlor rund 75 Prozent ihrer Maschinen und
Werkzeuge, und die übrige Geschäftswelt stand in den
meisten Fällen ohne Betriebsräume, Warenvorräte
und Geschäftsmöglichkeiten da. Wenn in irgend einem
Gebiet in Deutschland die Verarmung des Volkes und der
Wirtschaft in allen Einzelheiten sichtbar wurde, so war es im
Dürener Land, dessen Menschen in der Tat auf dem Nullpunkt
beginnen mußten, den schweren Gang in die unsichere
Zukunft eines zerstörten Gebietes und seiner hart
getroffenen Bevölkerung zu tun.
Man begann in Düren damit schon, ehe
im übrigen Deutschland die weiße Fahne gehißt
war und die totale Kapitulation des 8. Mai 1945 den
Schlußstrich unter das furchtbarste und sinnloseste
Kriegsgeschehen aller Zeiten in erniedrigung, Armut, Not und
unabsehbarem Elend gezogen wurde – nämlich bereits
am 1. März, wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner
in die zu völliger Unkenntlichkeit zerfetzte Stadt.
Registriert und nichts zu essen
Ein Heizungstechniker aus Reichenbach im
Vogtland, Alfred Stiegler, wurde von den Amerikanern zum ersten
Bürgermeister Dürens nach dem Zusammenbruch ernannt.
Er gehörte zu den vier Männern, die auch die letzte
Durchkämmung des Trümmerhaufens durch die Gestpo vor
der Besetzung durch die Angreifer nicht aus Düren
entfernen konnte. In einem Haus am Paradiesplatz 4 richtete er
ein Büro ein, das die Stadtverwaltung darstellte.
Sie sollte allerdings schnell alle
Hände voll zu tun haben, denn schon in der zweiten
Märzhälfte trafen die ersten Rückwanderer ein.
Es gibt Registrierscheine der
Militärregierung, aber kaum etwas zu essen. Ein
dreipfündiges Schwarzbrot pro Kopf und Woche und
täglich ein unentgeltliches Mittagessen, das in der
provisorisch errichteten Stadtküche am Paradiesplatz
gekocht wird, sind die Ernährungsgrundlage. Jeder
muß sehen, wie er auf eigene Faust weiterkommt. Dabei
werden der Menschen immer mehr, die es in ihre zerborstene
Heimatstadt zurückzieht. Endlaich am 1. Mai können
zwei Bäckereien, Schröder in der Karlstraße und
Ramacher in der Zülpicher Straße, provisorisch ihren
Betrieb aufnehmen. In ihnen wird mit Mehl, das die
Militärregierung bereitgestellt, Tag und Nacht gebacken.
Die Stadt war ein einziger Friedhof
Noch bevor die offizielle Stunde Null des
Zusammenbruches geschlagen hatte, war auch die Kreisverwaltung
schon in Betrieb; erster Landrat war der kaufmännische
Angestellte W(ilhelm) Seeger[t]. Das Arbeitsamt begann seine
Tätigkeit, in Lehrer hans hilger aus Leversbach wurde ein
Schulrat bestellt, und die ersten Eisenbahner versuchten, auf
dem Bahnhof aufzuräumen. Den ersten katholischen
Gottesdienst in dieser gemarterten Stadt feierte am 22. April
1945 der Jesuitenpater Braun in der zerstörten
Josefskirche. Er war gerade mit den Schwestern des Karmels aus
der Evakuierung zurückgekehrt. Einige hundert
verhärmte, hungernde Menschen scharten sich um ihn, sich
Kraft für eine schwere Zeit zu holen.
Am 3. Mai wurde der Pfarrer von St.
Bonifatius, Josef Adolph, zum Dechant und zum Pfarrverwalter
aller übrigen Pfarreien Dürens vom Bischof in Aachen,
Johannes van der Velde, ernannt. Der Bischof zelebrierte am 1.
Juli auf einem aus Trümmersteinen vor dem Amtsgericht
errichteten Altar das erste Totenamt für die Bombenopfer
der Stadt und segnete anschließend das Trümmermeer
Dürens als einen einzigen großen Friedhof. Auf den
Schuttbergen flackern zu dieser Stunde die Totenlichter, und
Blumen und Kränze zeigen an, wo die Überlebenden ihre
toten Angehörigen vermuten.
Einen Monat später feiert Düren
die Anna-Oktav in der St.-Josef-Kirche, wo inzwischen das vom
Eucharistinerpater Jakob Schneider aus den Trümmern der
Annakirche gerettete Annahaupt hingebracht worden war.Die
Marienpfarre erhielt als nächste im November dieses Jahres
in Heinrich Lüp(s)chen, der an allen Fronten Kriegspfarrer
gewesen war, einen neuen Seelsorger.
Wilde Schießerei in die Luft
Der 8. Mai, der Tag der endgültigen
Kapitulation, sieht bereits wieder rund 1200 Menschen in
Düren, die mit schreckgeweiteten Augen dem tumultartigen
Jubel der hier stationierten Amerikaner über das
Kriegsende zusehen. Eine wilde Schießerei in die Luft
gibt dem Jubel der Soldaten über den gewonnenen Krieg und
die überstandenen Gefahren Ausdruck. Aber auch die
Dürener hatten ihre, wenn auch leidvolle, Freude; sie
konnten erstmals die Kranken wieder in das zwar schwer
zerstörte, aber inzwischen wieder an die Deutschen
übergebene Krankenhaus bringen, wo Dr. Schüller
einige Räume notdürftig hergerichtet hatte.
Das Leben in der Gemeinschaft nahm
zusehends Gestalt an. Einige Geldinstitute kehrten zurück,
das Rote Kreuz begann seine Tätigkeit, mehrere
Bahnstrecken wurden nach und nach in Betrieb genommen, die
Wasserversorgung kam in Fluß, indem man öffentliche
Zapfstellen einrichtete, Post und Krankenkassen begannen ihre
Arbeit, und im August wurden im Schlachthof sogar wieder einige
Schweine geschlachtet. Am 3. September schließlich wurde
in Düren-Rölsdorf der erste Schulunterricht für
alle ehemaligen Dürener Volksschulen aufgenommen, dem im
November die Ursulinen mit der ersten höheren Schule
folgten.
Zwischendurch hatte man mit der
Dampfturbine der Zuckerfabrik eine Notstromversorgung zustande
gebracht, in den Metallwerken mit der Produktion von
Dachbedeckungsblechen begonnen und selbst auf kulturellem
Gebiet die ersten Schritte getan, als am 1. November der
Dürener Männergesangverein 1877 auf dem Friedhof zum
Gedenken an die Toten eine Feierstunde abhielt.
Dann kam eine Typhusepidemie
All dieses vollzog sich jedoch unter heute
unvorstellbaren Verhältnissen. Die Folge war eine schwere
Typhusepidemie, der viele Hunderte Dürener, den Bomben und
dem Krieg gerade entronnen, auf der ersten Sprosse zu einem
neuen Leben zum Opfer fielen. Als schließlich das Jahr
der Kapitulation mit dem Silvesterabend 1945 in das erste
Nachkriegsjahr 1946 überging, lebten wieder mehr als 27000
Menschen in dieser Stadt, die wie keine zweite in Deutschland
in der Tat am Nullpunkt angefangen hatte, sich ein neues Leben
zu zimmern.
Die ersten kräftigen Impulse einer
Hilfe von außen kamen jedoch erst Ende 1947 –
Anfang 1948. Die führenden Männer der Stadt und des
Kreises, Landrat Armin Renker und Oberbürgermeister
Bollig, der seinem Vorgänger Ernst Hammans gefolgt war,
sandten unter dem Titel „Hürtgenwald und
Rurlandnot“ eine Denkschrift der Not in alle Welt, die
durch die erste bebilderte Schrift über die Grauen der
zerstörung im Dürener Land, „Verbrannte
Erde“, ergänzt wurde und im In- und Ausland das
unvorstellbare Elend in unserer Heimat bekanntmachten. Die
Reaktion in Form von Sonderzuteilungen in Baumaterial,
Lebensmitteln und Produktionsgütern blieb nicht aus, wenn
auch dies all nur ein kleiner Tropfen Linderung auf den
heißen Stein der brennenden Sorge war.
Es steht alles auf dem Spiel
Auch von privater Seite kam unerwartet
Hilfe in der menschlichen Not, als der englische Journalist
Victor Gollancz, ein Mann jüdischen Glaubens, als erster
in seiner Heimat die abgrundtiefe Not des
Düren-Jülicher Landes publizierte und eine
Hilfsaktion ins Leben rief. Das englische und schweizerische
Rote Kreuz sowie amerikanische Organisationen folgtem seinem
Beispiel, das nackte Elend der Menschen mit Kleidung und
Lebensmitteln zu lindern.
Gerade die Besinnung auf die christlichen
Werte im menschlichen Zusammenleben war es damals weitgehend,
die auch den Dürenern die Kraft zum Durchstehen gab. Die
politischen Kräfte formierten sich ebenfalls unter diesem
sozial-politischen Aspekt des Miteinanders aller Stände
und Konfessionen, und Kirchen und Verbände arbeiteten Hand
in Hand mit allen gutgesinnten Kräften. Einer stand
für den anderen ein.
Nach 20 Jahren kann sich in die Freude
über den gelungenen Wiederaufbau heute jedoch manchmal die
bange Frage mischen, ob bis in die Wohlstandswogen unserer Zeit
hinein sich noch genügend von diesem Geist gerettet hat,
das Erreichte zu wahren und auszubauen, wenn nicht durch den
immer deutlicher werdenden Gruppenegoismus und die eigene Sucht
nach Mehr und Größer, Reichtum und persönlicher
Ungebundenheit die Frucht dieser so harten Jahre aufs Spiel
gesetzt werden soll.
(Quellen: Hürtgenwald und Rurlandnot,
Zeittafel zur Geschichte Dürens, DZ-Archiv, Der Rote Hahn,
Die Wiedergeburt deutscher Städte, Die Schlacht um das
Rheinland.)
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