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„Verbrannte Erde“ in der Stunde Null
Düren war der zerstörteste Kreis Europas – Trauriger Rekord in der Trümmerbilanz – Hemingway: „Eine zu Staub zermahlene Stadt“ – Hürtgenwald und Rurlandnot appellierte an das Weltgewissen
Düren. – Das war die Stunde Null – der Tag, an dem die Alliierten nach einem totalen Sieg und nach einem ebenso totalen Krieg am 8. Mai 1945 die Kapitulation des Deutschen Reiches entgegennahmen. Eine Welle befreienden Jubels ging nach dieser Nachricht durch ganz Europa, brandete durch die Straßen der Hauptstädte in den Siegerländern, ergriff die Menschen bis in die kleinsten Dörfer hinein und fand selbst in den Kriegsgefangenenlagern, in denen die besiegten deutschen Soldaten zu gequälten Massen zusammengepfercht lagen, sein erlösendes Echo. Nach mehr als fünfjährigem Krieg, der in seiner letzten Phase Tod und Verderben über das Dürener Land brachte, wie es die an Drangsalen und Elend wahrlich nicht gering bedachte 1200jährige Geschichte Dürens bis dahin nicht vermerkt hatte, begann auch für uns wieder ein neues Leben. Sein karger Nährboden war die „Verbrannte Erde“ einer völligen Vernichtung des Landes an der Rur, von der Voreifel bis in die Jülicher Börde, vom Hürtgenwald im Westen bis in die Forste der Bürge am Kreis-Ende.

Von Baltar Schmitz

Heute, zwei Jahrzehnte später, stehen wir nicht nur vor dem im Frühling neuerblühten Land, dessen Natur längst alle Wunden geheilt hat, sondern auch vor dem blühenden Leben in unseren Städten und Dörfern, die schöner denn je zuvor alle Zeichen des Wohlstandes tragen, der die Frucht harter Arbeit im Wiederaufbau und kluger politischer Führung ist.
Für Düren und das Dürener Land hatte dieser Nullpunkt der völligen Hoffnungslosigkeit schon einige Monate früher als am 8. Mai 1945 begonnen. Die Stadt erlebte ihn am 16. November 1944, als bei einem der furchtbarsten Massenangriffe des letzten Krieges aus der Luft Düren zu einem einzigen Trümmermeer geworfen wurde. Diese Stunde Null sah nach dem Inferno des Bombardements, in der einst blühenden, fast 50000 Einwohner zählenden Stadt noch vier Männer, die in Trümmerlöchern hausten; sie sah eine „zu Staub zermahlene Stadt“, wie der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway in einem Frontbericht über die Kämpfe im Hürtgenwald schrieb.

Menetekel einer Wahnsinnspolitik
Sie sah im Dürener Land, über das in den Monaten danach die Wellen englisch-amerikanischer Materialschlachten gingen, menschenleere Dörfer, zerborstene Häuser, im Granatenhagel zerstörte Industriebetriebe und dem Erdboden gleichgemachte Kirchen. Unser Land war zum Prototyp der „Verbrannten Erde“ geworden, wie sie Hitler in seinen letzten wahnsinnigen Vernichtungsbefehlen vom 19. März und vom 30. April 1945 gefordert hatte, ehe er selbst Hand an sich legte. Kriegshandlungen und das teuflische Werk der Selbstvernichtung, keine öffentlichen Einrichtungen und Betriebe in die Hände der Feinde fallen zu lassen, hatten gleichermaßen an diesem gigantischen Zerstörungswerk unserer Heimat Anteil.
Düren und das Dürener Land waren zum Menetekel der Wahnsinnspolitik einer Diktatur geworden, die in ihrer unvorstellbaren Menschenverachtung ein ganzes Volk mit in ihren Untergang reißen wollte. Die Statistik des Grauens, die mit Toten, Trümmermengen, zerstörten Industriekapazitäten und geschändeten Kulturwerten eines ganzen Jahrtausends, mit Not, Elend und Hoffnungslosigkeit geschrieben wurde, weist Düren und das Dürener Land als den zerstörtesten Kreis in ganz Europa aus, den dieser alles umfassende Krieg hinterließ. Die Vernichtung war perfekt und die Hoffnung, in absehbarer Zeit jemals aus diesem Unheil sich befreien zu können so gering, daß der in den letzten 20 Jahren sich vollzogene Wiederaufbau unserer Heimat geradezu wie ein Wunder erscheinen muß.

1200 Dürener erleben die Kapitulation
Als mit der Einnahme der Stadt durch die Amerikaner am 25. Februar 1945 die ersten Dürener wieder in die Trümmerwüste zurückkehrten, die einmal ihre Heimat gewesen war, und sie sich zu den vier Männern gesellten, die als einzige in der Stadt Massenflucht und tausendfachen Bombentod überdauert hatten, standen sie vor dem Nichts. In der zweiten Märzhälfte fanden etwa 180 Männer und Frauen den Weg in die Trümmer zurück, einen Monat später, als am 8. Mai in ganz Europa die Siegesglocken der deutschen Kriegsgegner läuteten, waren es bereits 1200, die diesen Tag des Kriegsschlusses, aber gleichzeitig auch die Befreiung aus dem Dunkel zwölfjähriger Diktatur in den eingestürzten Mauern ihrer Stadt erlebten.
Bis zum Ende des Jahres 1945 zählte dieser Schuttberg Düren bereits wieder 27000 Menschen. Die meisten hausten in den Randgebieten in Notquartieren, wo nicht selten in den provisorisch wieder hergerichteten Einfamilienhäusern jeweils mehr als ein Dutzend Familien unterkrochen. Im Juli 1946 nahm der weitere Zuzug in dem Trümmerhaufen eine solche Form an, daß die damaligen Ordnungskräfte, unterstützt von der Militärverwaltung, mit Gewalt die Rückkehrer am Betreten der Stadt hindern mußten. Alle nur eben bewohnbaren Räume, Keller, Gartenhäuser, Schuppen, alte Bunker, eingestürzte Industriehallen und selbst neuausgeworfene Erdbunker waren bereits hoffnungslos überbelegt.

Nur 13 Häuser blieben heil
Dürens Trümmerbilanz ist gleichzeitig seine Bilanz des Grauens, denn es gab kaum ein Haus in der Stadt, das nach der Beseitigung der Trümmer in den späteren Jahren nicht auch Tote freigab, die die niederstürzenden Steine begraben hatten. Bis heutezu läßt sich die Zahl der Bombentoten des 16. Novembers 1944 nicht annähernd feststellen. Die Schätzungen liegen bei 12000, die an diesem Todestag der Stadt ihr Leben lassen mußten.
Eine Anfang der fünfziger Jahre für die Bundesrepublik aufgestellte Übersicht über die Trümmermengen und Wohnungsverluste der deutschen Städte führt die Stadt Düren mit 33,1 cbm Trümmer je Einwohner an zweiter Stelle der Bundesstatistik hinter der ebenfalls schwer zerstörten Stadt Gießen. In der Statistik der zerstörten Wohnungen steht die Stadt mit 99,2 Prozent vor allen deutschen Städten weitaus an der Spitze. 1950 mit fleißiger Verwaltungsakribie zusammengestellte Verlustlisten weisen folgende Zahlen aus: Von den 6431 Wohn- und Geschäftshäusern Dürens blieben nur 13, das sind 0,2 Prozent, ohne nennenswerten Schaden; völlig zerstört oder unbenutzbar beschädigt wurden 4253 Häuser (66,1 Prozent), beschränkt benutzbar, aber trotzdem noch erheblich beschädigt waren 1537 Häuser (23,9 Prozent).
Alle historischen Bauwerke der Stadt fielen in Trümmer, darunter die in ihren ältesten Bauteilen spätromanisch-frühgotische Annakirche, die ehemalige Franziskanerkirche (Marienkirche), das Renaissance-Rathaus, das Gewandhaus und das mit einem prachtvollen Treppengiebel verzierte Kornhaus. Dazu kamen zahlreiche Bürgerhäuser verschiedener Zeitepochen, an denen die Stadt sehr reich war.

Bis unter die Erde vernichtet
Weiter stehen auf der Liste des sinnlosen Vernichtungswerkes Dürens prächtiges, in ganz Westdeutschland bekanntes Stadttheater, ein Dutzend Verwaltungsgebäude, elf von 15 großen Schulen, zwei Kindergärten, vier Altersheime, vier von fünf Banken und Sparkassen, zwölf von 19 Kirchen und Kapellen und vier Klöster. Schwer beschädigt und damals unbrauchbar waren weitere sieben Kirchen, das Dürener Museum, die Städtischen Krankenanstalten und drei weitere Schulen.
Ebenso schwer im Hinblick auf den Wiederaufbau wogen die Schäden, die Düren „unter der Erde“ erlitten hatte. Mit fast dem gesamten Straßennetz der Stadt wurde die Stromversorgung um 90 Prozent zerstört, die Wasserversorgung setzte völlig aus, denn neben den beiden Wassertürmen waren 55 Prozent des 86,5 Kilometer langen Leitungsnetzes völlig vernichtet und 45 Prozent schwer beschädigt. Auch die Gasversorgung existierte nicht mehr. Der Gasbehälter war zerbombt, 7000 Gasmesser und 80 Kilometer Gasleitungen fast zu 100 Prozent zerstört.
Das gleiche gilt für das 88,5 Kilometer lange Kanalnetz der Stadt, das mit seinen 800 Bruchstellen zu 85 Prozent zertrümmert wurde. Auch die damals moderne Feuermeldeanlage Dürens ging mit dem Angriff völlig unter. Von den 118,4 Kilometer Straßen der Stadt war nur noch ein ganz geringer Bruchteil brauchbar und mit Bombentrichtern, zur Hauptsache in der Innenstadt, übersät. Von 40 Brücken im Stadtgebiet waren 14 völlig zerstört und zehn schwer beschädigt. Das für Düren wichtige Teichsystem, das in 800 Meter überwölbt war, wurde ebenfalls weitgehend derangiert.


Sternstunde unbändigen Mutes
Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, wenn die alliierten Militärstellen, die auch für die zivile Verwaltung zuständig waren, allen Ernstes planten, diesen gigantischen Trümmerhaufen einfach liegenzulassen, um die Stadt auf den südlichen Höhen an der Stockheimer Landstraße wieder neu aufzubauen. Der zähe Wille der Dürener, die sich damals mit nicht zu überbietender Hartnäckigkeit am Letzten, was ihnen geblieben war, den Trümmerkellern und Ruinen festklammerten, vereitelte diesen Plan. Ihre Stunde Null war gleichzeitig die Sternstunde unbändigen Mutes, aus dieser Steinwüste nicht nur ein neues Düren erstehen zu lassen, sondern, so weit es die Verhältnisse und der hartnäckige Kampf jedes einzelnen Grundstücksbesitzers zuließen, großzügig den Schritt aus der Enge in ein aufgelockertes und luftdurchflutetes Stadtzentrum zu tun.
Die späteren harten Kämpfe um den Hürtgenwald und die von der deutschen Heeresleitung als Widerstandslinie gedachte Rurfront brachten es mit sich, daß im Dürener Land, insbesondere im Rurtal, Dorf um Dorf – aufgegeben und wieder zurückerobert – (und das manchmal bis zu einem dutzendmal), Zerstörungsgrade von ähnlicher Härte wie in der Kreisstadt festgestellt werden mußten, als zur Stunde Null die Bewohner nach und nach wieder in ihre zerschossenen Orte zurückkehrten.

Das gesamte Hab und Gut verloren
Von den rund 22500 Wohnhäusern im Kreise Düren blieben weniger als zehn Prozent von Beschädigungen verschont, mehr als 6200 waren völlig vernichtet und der Rest so zerstört, daß nur ein notdürftiges Wohnen möglich war. „Friedenspreise“ zwischen den beiden Weltkriegen zugrunde gelegt, hat man ausgerechnet, daß der Schaden an Wohngebäuden im Kreise sich auf rund 250 Millionen Reichsmark belief. Die Schäden an landwirtschaftlichen Gebäuden betrugen 16 Millionen, an Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden rund sechs Millionen, an Kirchen und Kultureinrichtungen 7,5 Millionen und an Gewerbebetrieben (ohne Industrie) sieben Millionen RM.
Nach den jetzigen Kostenvorstellungen kann man diese Beträge getrost verfünffachen, um einen Begriff von diesen Größenordnungen zu erhalten. In dieser Rechnung sind die Schäden an Straßen, Versorgungseinrichtungen, Brücken usw. gar nicht mitgerechnet, geschweige denn läßt sich der Wert der zertrümmerten Einrichtungen in den Häusern ermitteln. In zahlreichen Dörfern hatten die Bewohner buchstäblich ihr gesamtes Hab und Gut verloren, abgesehen von Düren selbst.

Noch 100 Tote durch Minen
Besonders hart wurde die Landwirtschaft getroffen, deren Felder, Wälder, Weiden und die Anwesen, einschließlich der Maschinen und Geräte, zum größten Teil verwüstet und unbrauchbar waren, als die Bauern, meist als die ersten im Dorf, wieder an ihren Platz zurückkehrten, den ihre Familien häufig schon seit Jahrhunderten bewirtschafteten. Fast die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche konnte im ersten jahr nach Kriegsende nicht mehr bestellt werden, weil sie von Laufgräben und Geschützstellungen durchzogen, von Bombentrichtern aufgewühlt oder mit mehr als 1150 Hektar von deutschen oder amerikanischen Soldaten vermint wurden.


Tückische Hinterlassenschaft
Diese tückische Hinterlassenschaft des Krieges forderte im Kreise Düren bei den Rekultivierungsarbeiten, mit denen die Landwirtschaft sofort begann, mehr als hundert Tote. Männer, Frauen und Kinder liefen auf Minen oder wurden durch explodierende Geschosse getroffen. Zu den Planierungsarbeiten mußten für das Zuwerfen von Schützengräben allein rund 80000 cbm Erde bewegt werden, für die Geschützstellungen rund 40000 cbm und für die Auffüllung von Bomben- und Granattrichtern in den Feldern und Wiesen fast 310000 cbm.
Die Ernteausfälle in den ersten Nachkriegsjahren zählen nach mehr als 50 Millionen Mark. An landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten – so hat man nach dem Kriege errechnet – erlitten die Bauern Verluste von rund 10 Millionen Mark. Die Viehverluste waren noch empfindlicher. 70 bis 80 Prozent des Federviehs, mehr als 60 Prozent der Schweine und Rinder und 10 Prozent der Pferde gingen durch Krieg und Verwüstung verloren. Die Gesamtverluste wurden damals mit über 30 Millionen DM beziffert.

Dazu drohten die Demontagen
Dürens Industrie, die mit der Industrie des Jülicher Raumes eine wirtschaftliche Einheit darstellt, war im Vergelich zu den übrigen Zerstörungen verhältnismäßig glimpflich abgekommen. Obschon der Zerstörungsgrad insgesamt gesehen „nur“ bei rund 50 Prozent lag, gelang es erst verhältnismäßig spät, das industrielle Leben in Gang zu setzen. Zu viele Widerstände taten sich auf. Demontage, verweigerte Permits, die die Alliierten erteilten, Rohstoffmangel und fehlende Areitskräfte waren einige Gründe, daß Ende 1946 erst eine Umsatzkapazität von etwa zehn Prozent der Vorkriegszeit erreicht war. Von insgesamt 124 Firmen waren erst 62 angelaufen, wobei jedoch fast 50 Prozent aller Arbeitskräfte mit Trümmerräumung und Instandsetzungen beschäftigt waren.
Dieses erste volle Nachkriegsjahr erbrachte einen Gesamtumsatz von rund 120000 Mark bei einem friedensmäßigen jahresumsatz von rund 110 Millionen Mark in den beiden Kreisen Düren und Jülich. Heute weist allein die Industrie des Dürener Landes eine Umsatzkapazität von rund 800 Millionen DM auf. Es fehlte in diesen Nahckriegsjahren nicht nur an Rohstoffen, sondern vor allem an Energie, an Kohlen, Strom, Gas und an all den tausend Kleinigkeiten, die es einem modernen Industriewerk erst möglich machen, überhaupt zu produzieren. So hatte die Dürener Industrie nicht nur die schweren Schäden des Krieges zu tragen, sondern auch die ungeheuren Verluste, die durch ihren – gegenüber den anderen Landesteilen – verspäteten Start in das Wirtschaftsgeschehen entstanden waren.

In eine unsichere Zukunft
Entsprechend hatte auch der gewerbliche Mittelstand unter diesen Sonderaspekten zu leiden. Die Handwerkerschaft verlor rund 75 Prozent ihrer Maschinen und Werkzeuge, und die übrige Geschäftswelt stand in den meisten Fällen ohne Betriebsräume, Warenvorräte und Geschäftsmöglichkeiten da. Wenn in irgend einem Gebiet in Deutschland die Verarmung des Volkes und der Wirtschaft in allen Einzelheiten sichtbar wurde, so war es im Dürener Land, dessen Menschen in der Tat auf dem Nullpunkt beginnen mußten, den schweren Gang in die unsichere Zukunft eines zerstörten Gebietes und seiner hart getroffenen Bevölkerung zu tun.
Man begann in Düren damit schon, ehe im übrigen Deutschland die weiße Fahne gehißt war und die totale Kapitulation des 8. Mai 1945 den Schlußstrich unter das furchtbarste und sinnloseste Kriegsgeschehen aller Zeiten in erniedrigung, Armut, Not und unabsehbarem Elend gezogen wurde – nämlich bereits am 1. März, wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner in die zu völliger Unkenntlichkeit zerfetzte Stadt.

Registriert und nichts zu essen
Ein Heizungstechniker aus Reichenbach im Vogtland, Alfred Stiegler, wurde von den Amerikanern zum ersten Bürgermeister Dürens nach dem Zusammenbruch ernannt. Er gehörte zu den vier Männern, die auch die letzte Durchkämmung des Trümmerhaufens durch die Gestpo vor der Besetzung durch die Angreifer nicht aus Düren entfernen konnte. In einem Haus am Paradiesplatz 4 richtete er ein Büro ein, das die Stadtverwaltung darstellte.
Sie sollte allerdings schnell alle Hände voll zu tun haben, denn schon in der zweiten Märzhälfte trafen die ersten Rückwanderer ein.
Es gibt Registrierscheine der Militärregierung, aber kaum etwas zu essen. Ein dreipfündiges Schwarzbrot pro Kopf und Woche und täglich ein unentgeltliches Mittagessen, das in der provisorisch errichteten Stadtküche am Paradiesplatz gekocht wird, sind die Ernährungsgrundlage. Jeder muß sehen, wie er auf eigene Faust weiterkommt. Dabei werden der Menschen immer mehr, die es in ihre zerborstene Heimatstadt zurückzieht. Endlaich am 1. Mai können zwei Bäckereien, Schröder in der Karlstraße und Ramacher in der Zülpicher Straße, provisorisch ihren Betrieb aufnehmen. In ihnen wird mit Mehl, das die Militärregierung bereitgestellt, Tag und Nacht gebacken.

Die Stadt war ein einziger Friedhof
Noch bevor die offizielle Stunde Null des Zusammenbruches geschlagen hatte, war auch die Kreisverwaltung schon in Betrieb; erster Landrat war der kaufmännische Angestellte W(ilhelm) Seeger[t]. Das Arbeitsamt begann seine Tätigkeit, in Lehrer hans hilger aus Leversbach wurde ein Schulrat bestellt, und die ersten Eisenbahner versuchten, auf dem Bahnhof aufzuräumen. Den ersten katholischen Gottesdienst in dieser gemarterten Stadt feierte am 22. April 1945 der Jesuitenpater Braun in der zerstörten Josefskirche. Er war gerade mit den Schwestern des Karmels aus der Evakuierung zurückgekehrt. Einige hundert verhärmte, hungernde Menschen scharten sich um ihn, sich Kraft für eine schwere Zeit zu holen.
Am 3. Mai wurde der Pfarrer von St. Bonifatius, Josef Adolph, zum Dechant und zum Pfarrverwalter aller übrigen Pfarreien Dürens vom Bischof in Aachen, Johannes van der Velde, ernannt. Der Bischof zelebrierte am 1. Juli auf einem aus Trümmersteinen vor dem Amtsgericht errichteten Altar das erste Totenamt für die Bombenopfer der Stadt und segnete anschließend das Trümmermeer Dürens als einen einzigen großen Friedhof. Auf den Schuttbergen flackern zu dieser Stunde die Totenlichter, und Blumen und Kränze zeigen an, wo die Überlebenden ihre toten Angehörigen vermuten.
Einen Monat später feiert Düren die Anna-Oktav in der St.-Josef-Kirche, wo inzwischen das vom Eucharistinerpater Jakob Schneider aus den Trümmern der Annakirche gerettete Annahaupt hingebracht worden war.Die Marienpfarre erhielt als nächste im November dieses Jahres in Heinrich Lüp(s)chen, der an allen Fronten Kriegspfarrer gewesen war, einen neuen Seelsorger.

Wilde Schießerei in die Luft
Der 8. Mai, der Tag der endgültigen Kapitulation, sieht bereits wieder rund 1200 Menschen in Düren, die mit schreckgeweiteten Augen dem tumultartigen Jubel der hier stationierten Amerikaner über das Kriegsende zusehen. Eine wilde Schießerei in die Luft gibt dem Jubel der Soldaten über den gewonnenen Krieg und die überstandenen Gefahren Ausdruck. Aber auch die Dürener hatten ihre, wenn auch leidvolle, Freude; sie konnten erstmals die Kranken wieder in das zwar schwer zerstörte, aber inzwischen wieder an die Deutschen übergebene Krankenhaus bringen, wo Dr. Schüller einige Räume notdürftig hergerichtet hatte.
Das Leben in der Gemeinschaft nahm zusehends Gestalt an. Einige Geldinstitute kehrten zurück, das Rote Kreuz begann seine Tätigkeit, mehrere Bahnstrecken wurden nach und nach in Betrieb genommen, die Wasserversorgung kam in Fluß, indem man öffentliche Zapfstellen einrichtete, Post und Krankenkassen begannen ihre Arbeit, und im August wurden im Schlachthof sogar wieder einige Schweine geschlachtet. Am 3. September schließlich wurde in Düren-Rölsdorf der erste Schulunterricht für alle ehemaligen Dürener Volksschulen aufgenommen, dem im November die Ursulinen mit der ersten höheren Schule folgten.
Zwischendurch hatte man mit der Dampfturbine der Zuckerfabrik eine Notstromversorgung zustande gebracht, in den Metallwerken mit der Produktion von Dachbedeckungsblechen begonnen und selbst auf kulturellem Gebiet die ersten Schritte getan, als am 1. November der Dürener Männergesangverein 1877 auf dem Friedhof zum Gedenken an die Toten eine Feierstunde abhielt.

Dann kam eine Typhusepidemie
All dieses vollzog sich jedoch unter heute unvorstellbaren Verhältnissen. Die Folge war eine schwere Typhusepidemie, der viele Hunderte Dürener, den Bomben und dem Krieg gerade entronnen, auf der ersten Sprosse zu einem neuen Leben zum Opfer fielen. Als schließlich das Jahr der Kapitulation mit dem Silvesterabend 1945 in das erste Nachkriegsjahr 1946 überging, lebten wieder mehr als 27000 Menschen in dieser Stadt, die wie keine zweite in Deutschland in der Tat am Nullpunkt angefangen hatte, sich ein neues Leben zu zimmern.
Die ersten kräftigen Impulse einer Hilfe von außen kamen jedoch erst Ende 1947 – Anfang 1948. Die führenden Männer der Stadt und des Kreises, Landrat Armin Renker und Oberbürgermeister Bollig, der seinem Vorgänger Ernst Hammans gefolgt war, sandten unter dem Titel „Hürtgenwald und Rurlandnot“ eine Denkschrift der Not in alle Welt, die durch die erste bebilderte Schrift über die Grauen der zerstörung im Dürener Land, „Verbrannte Erde“, ergänzt wurde und im In- und Ausland das unvorstellbare Elend in unserer Heimat bekanntmachten. Die Reaktion in Form von Sonderzuteilungen in Baumaterial, Lebensmitteln und Produktionsgütern blieb nicht aus, wenn auch dies all nur ein kleiner Tropfen Linderung auf den heißen Stein der brennenden Sorge war.

Es steht alles auf dem Spiel
Auch von privater Seite kam unerwartet Hilfe in der menschlichen Not, als der englische Journalist Victor Gollancz, ein Mann jüdischen Glaubens, als erster in seiner Heimat die abgrundtiefe Not des Düren-Jülicher Landes publizierte und eine Hilfsaktion ins Leben rief. Das englische und schweizerische Rote Kreuz sowie amerikanische Organisationen folgtem seinem Beispiel, das nackte Elend der Menschen mit Kleidung und Lebensmitteln zu lindern.
Gerade die Besinnung auf die christlichen Werte im menschlichen Zusammenleben war es damals weitgehend, die auch den Dürenern die Kraft zum Durchstehen gab. Die politischen Kräfte formierten sich ebenfalls unter diesem sozial-politischen Aspekt des Miteinanders aller Stände und Konfessionen, und Kirchen und Verbände arbeiteten Hand in Hand mit allen gutgesinnten Kräften. Einer stand für den anderen ein.
Nach 20 Jahren kann sich in die Freude über den gelungenen Wiederaufbau heute jedoch manchmal die bange Frage mischen, ob bis in die Wohlstandswogen unserer Zeit hinein sich noch genügend von diesem Geist gerettet hat, das Erreichte zu wahren und auszubauen, wenn nicht durch den immer deutlicher werdenden Gruppenegoismus und die eigene Sucht nach Mehr und Größer, Reichtum und persönlicher Ungebundenheit die Frucht dieser so harten Jahre aufs Spiel gesetzt werden soll.

(Quellen: Hürtgenwald und Rurlandnot, Zeittafel zur Geschichte Dürens, DZ-Archiv, Der Rote Hahn, Die Wiedergeburt deutscher Städte, Die Schlacht um das Rheinland.)