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Stadtbauplanung auf neuen Wegen
Es ist die Aufgabe des Städtebauers,
eine Ordnung des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens zu finden
und diese im Städtebau gestalterisch zum Ausdruck zu
bringen. Hierbei sind nicht nur die realen und technischen
Ansprüche zu befriedigen, sondern auch die rein
menschlichen Dinge sind nicht zu vergessen. Das Problem besteht
darin: nicht nur Straßen, Stadtviertel und Städte zu
schaffen, die praktisch, hygienisch und verkehrstechnisch
einwandfrei sind, sondern vielmehr eine solche
städtebauliche Eigenart zu finden, daß sich die
Bewohner in ihnen nicht nur schlechthin wohlfühlen
können, sondern daß auch das Bedürfnis nach
Seßhaftigkeit schon in der baulichen Erscheinung zum
Ausdruck kommt.
Eine Stadt wird für die Zukunft
gebaut
Das Hauptanliegen des Städtebauers
ist es, jegliche Übersteigerung zu vermeiden, es muß
vor allem den gefährlichen Auswucherungen ins ungemessene
entgegengetreten werden; ganz gleich, ob dieses in einer zu
breit angelegten Straße und zu großen Plätzen
oder zu hohen Baukörpern und übertrieben gesteigerten
Baumassen liegt. Es ist maßstabsvoll zu arbeiten, denn
gerade im Städtebau und der Architektur ist
Maßlosigkeit gleichbedeutend mit Maßstabslosigkeit.
Die Mißachtung des Maßstäblichen ist die
Mißachtung des Menschlichen; gerade die natürlichen
Beziehungen zwischen Menschenmaß und baulichen
Abmessungen zu finden, ist die Aufgabe des Städtebauers.
Der Städtebau hat seine Aufgabe im Überschaubaren und
Faßbaren unter Beachtung der menschlichen Werte zu
suchen. Zunächst vom rein Theoretischen ausgehend,
muß hineingegangen werden in die Wirklichkeit unter
verständnisvollem Abwägen dessen, was unbedingt sein
muß. Die berechtigten Forderungen des heutigen
Städtebaus müssen mit der praktischen
Durchführbarkeit in Einklang gebracht werden; hierbei kann
die praktische Durchführbarkeit nicht auf den Augenblick
begrenzt sein, denn eine Stadt wird man nicht kurzfristig bauen
können.
Einheit und Geschlossenheit
Der Städtebauer muß
einsichtsvoll an die Arbeit gehen, er hat alle anfallenden
Probleme in seinem Raum zu ordnen; er muß daher seinen
Raum, seine Stadt hinreichend kennen, um aus dem gemeinsamen
Leben, seinen Erkenntnissen, seinen Erfahrungen und dem
fachlichen Wissen die Planung zu gestalten. Die Stadtplanung
wird an das Können, die Überle8ung, den Mut und die
Unvoreingenommenheit des Planers große Anforderungen
stellen. Entscheidend ist hierbei das Zusammengehen aller in
eine lebendige Gemeinschaft.
Diese Einheit und Geschlossenheit des
Weltbildes kam so recht bewußt in dem alten Düren
zum Ausdruck. Der Stadtplan von Merian zeigt das alte
Düren des Mittelalters: eine wunderbare Harmonie im
Stadtgrundriß und im Aufbau. Im Stadtgefüge ist
ablesbar und leicht erkennbar die Aufgliederung in
Verkehrsstraßen, Wohnstraßen, Gassen und
Gäßchen, intime Plätze, erfaßbare und
übersichtlich gegliederte Straßenräume, aber
auch der klare Aufbau der Häuser und Wohnblöcke. In
der Mitte der Stadt konzentrieren sich die Häuser, die dem
Handel und Handwerk dienen, dann erfolgt Auflockerung der
Blöcke für reine Wohnzwecke und Hinterland und
Gärten, die an die Stadtmauer grenzen. Hier hat die
Erkenntnis des Notwendigen und wirtschaftlich Möglichen
zur guten Gesamtanlage geführt.
Grünflächen gehören in ein
Stadtbild
Bei Aufstellung des neuen Stadtplanes geht
es darum, für die Bewohner die bestmöglichen
Lebensvoraussetzungen für Gegenwart und Zukunft zu
schaffen. Die Zielsetzung muß sein: die
städtebauliche und verkehrstechnische Sanierung so
durchzuführen, daß gesunde Wohnblöcke und
Verkehrsverbesserungen geschaffen werden. Eine
Übersteigerung der Gebäudehöhe ist zu vermeiden,
sondern vielmehr der Maßstab einer mittelgroßen
Stadt zu wahren. Es muß auch wieder angestrebt werden,
die bauliche Ausnutzung eines Grundstücks ohne
übertrieben große Anbauten, mehrgeschossige
Hintergebäude und enge Höfe vorzunehmen. –
Leistungsfähige Verkehrsstraßen, entsprechende
Geschäfts- und Wohnstraßen sind anzulegen und
ausreichender Raum für Parkmöglichkeiten. Die
Straßen haben sich auch in ihrer Breite zu unterscheiden
in Durchgangsstraßen, innerörtliche
Verkehrsstraßen und reine Wohnstraßen. Es darf
keine Straßenplanung einsetzen mit hohen
Erschließungs- und Unterhaltungskosten, die wiederum mit
Bauten gesteigerter Geschoßzahl angebaut werden
müssen, um ihre Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Es gilt
auch das Grün durch Baumreihen und Grünflächen
in die Stadt einzubeziehen und nicht nur in einem
Häusermeer oder gar einem Steinhaufen zu leben.
Nicht Wiederkehr des Gewesenen
Wenn alles auf das Sinnvolle und
Zweckmäßige abgestellt wird unter Zugrundelegung des
Maßstabes einer mittelgroßen Stadt, dann
müßte gemeinsam die richtige Lösung zu finden
sein. Es darf keine Rekonstruktion des Gewesenen gesucht
werden, es darf weder ein kleinbürgerlicher noch ein
großstädtischer Maßstab angelegt werden. Es
ist das Verbindende und das Trennende abzuwägen und aus
dem Vielfachen das Einfache herauszuschälen. Wenn die
Planung maßstabsvoll und die Gestaltung lebendig und
spannungsvoll erfolgt, dann ergibt sich zwangsläufig der
neue Stadtplan als etwas Selbstverständliches. Aber selbst
der exakteste Plan wird, solange die Grundlagen unserer
künftigen Wirtschaft noch nicht festliegen und die
technischen Möglichkeiten noch nicht festumrissen sind,
einen Spielraum haben – und das ist eher zu
begrüßen, da Aussprachen eine weitere Klärung
und Verdichtung dessen, was beabsichtigt ist, ermöglichen,
bevor Festlegungen absoluter Art erfolgen, die nicht mehr
rückgängig gemacht werden können.
Stadtbaurat Dr. Ing. Kenneweg
Volksstimme, Nr. 93 v. Freitag, 3.
September 1948, Seite 6
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