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Hubert Kourth
Meine Erinnerungen an die Anfänge des Nationalsozialismus und die ersten Jahre des N.S.-Staates in Düren
Wenn ich über den Nationalsozialismus (NS) in Düren aussagen soll, kann ich es nur aus meiner persönlichen Erinnerung und Sicht und nur für den Zeitraum von 1933 bis 1937/38, weil ich danach nur noch sporadisch in Düren war.
Ist es schon allgemein-geschichtlich wichtig, bei der Beschreibung des NS die vorhergehende Situation in Gesellschaft, Politik und Kirche zu durchleuchten, um das Aufkommen eines Phänomens wie des NS zu verstehen, so gilt das auch konkret für die Dürener Situation. Ich kann dies aber – wie gesagt – nur aus dem Blickwinkel meines damaligen Standortes, und dieser war vor allem geprägt von meiner Zugehörigkeit zur katholischen Jugendbewegung der 20er Jahre bis zum Anfang der 30er Jahre, näherhin: meiner Zugehörigkeit zum „Katholischen Wandervogel“, einer kleinen „bündischen“ Gemeinschaft, die aus dem „Jungborn“ bzw. „Jungkreuzbund“ hervorgegangen war.

Die Dürener Gruppe des „Katholischen Wandervogel“ (KWV) hatte – wie der Gesamtbund – einen bewußt kath. christlichen Standort, allerdings in großer innerer und äußerer Distanz zum bürgerlichen und bürgerlich-kirchlichen Leben.
Die geistige Ausrichtung unserer Dürener Gruppe des KWV stand sehr unter dem Einfluß zweier in Düren bekannter Junglehrer: Hermann Huppertz und Martin Fehr aus Gürzenich, wenn wir auch den politischen Weg des Letzteren, der überzeugter KPD-Anhänger wurde, nicht mitvollzogen. Beide und andere ältere Freunde, die aus der Tradition des Wandervogels und der Jugendbewegung der Zeit vor dem ersten Weltkrieg kamen, machten die „Älterenrunde“ unserer Gruppe (seit 1929 bestehend aus Mädchen und Jungen) frühzeitig wach für die Gefahren des Nationalsozialismus, aber auch die eines politischen Katholizismus, der in vielen Bereichen nicht der christlichen Botschaft entsprach. Auch unsere Sympathie mit der Vitus-Heller-Bewegung, einer radikalen Gruppe des deutschen Linkskatholizismus, die Mitglieder bei der Deutschen Friedensgesellschaft und beim Friedensbund deutscher Katholiken sowie bei der Internationalen Kath. Weltjugendliga machten uns zeitweilig hellhörig für das, was sich im aufkommenden Nationalsozialismus und in seinem Umfeld und Hintergrund abspielte.
Unsere Kritik am politischen Katholizismus der Weimarer Republik, unsere Kritik an den „nationalen Tönen“ vieler Geistlichen, die trotz Zugehörigkeit zur (kath.) Zentrumspartei weiterhin im deutschnationalen Denken befangen waren, wurde uns übelgenommen; Warnungen unsererseits z.B. auf den Sitzungen des „Katholischen Jugendringes Düren“, einer Zusammenfassung sämtlicher katholischen Jugendverbände und Gruppen, – Warnungen vor dem aufkommenden NS und vor dem „Mitspielen“ in manchen damals modern werdenden Varianten des Nationalismus und Militarismus, wurden als kommunistische Beeinflussung unserer Gruppe abgetan.
Verständnis fanden wir nur bei drei Priestern (abgesehen von den vielen anderen außerhalb des Dürener Raumes), die uns in unserer Haltung sehr unterstützten: dem Dekanatspräses des Katholischen Jungmännerverbandes, Kaplan an St. Anna, Bernhard Pesch; dem Kaplan an St. Joachim, Alex Klein und bei unserm langjährigen priesterlichen Freund Heinrich Viethen aus Nideggen. Als vierter Priester verdient noch genannt zu werden: Pater Hubert Quade aus der Missionsgesellschaft der Hl. Familie, der bekannt wurde durch sein Buch: „Meines Bruders Blut“. Er war überzeugter Pazifist. Die Verbindung mit ihm konnte leider nur sporadisch bleiben.

Politisch wach für den Rechtsruck in der Weimarer Republick – allerdings nicht ohne Mitschuld daran – waren die Kommunisten. Wir – d.h. unsere Gruppe des KWV – oft oder gelegentlich mit „Einzelkämpfern“ aus anderen katholischen Gruppierungen – suchten Kontakt mit Leuten aus der Dürener KPD, besonders auch mit der kommunistischen Jugend in Düren – in der Überzeugung, daß wir hier aus unserem christlichen Glauben eine Verantwortung hatten und daß die Soziallehre der kath. Kirche Grundlage für eine Auseinandersetzung mit ihnen sein könnte. Der bürgerliche Dürener Katholizismus hielt uns deswegen für gefährliche Außenseiter – bis eines Tages – ich war in der Obersekunda oder Unterprima – der Oberstudiendirektor und Leiter des Dürener Stift. Human. Gymnasiums, Dr. van Laack, der auch Vorsitzender des „Katholikenausschusses der Stadt Düren“ war, mich nach meiner Einstellung zum Kommunismus und nach meiner Verbindung mit Dürener Kommunisten befragte. Meine Begründung für meine und meiner Freunde Kontaktaufnahme mit Dürener Kommunisten, besonders mit kommunistischen Jugendlichen, überzeugte ihn! Auch ließ er sich den Vorwurf gefallen, daß ich doch mit meinen Freunden nur tue, was eigentlich Aufgabe eines Katholikenausschusses sei, und daß wir zum mindesten dessen Verständnis anstatt dessen Diffamierungskampagne erwarten dürften. Das Gespräch ging also gut aus, wenn auch ohne weiteren Erfolg.
Die Berührungsängste vor dem Kommunismus waren damals auch in Düren – und dies besonders im kirchlichen Raum – stärker als die Sorge, wie dem wachsenden Rechtsruck zu begegnen sei, sofern man überhaupt darin eine Gefahr sah.
Auf das Jahr 1933 hin – das Jahr der „Machtergreifung“ durch die NSDAP – häuften sich, wie anderswo auch, in Düren Veranstaltungen der kath. Jugend, initiiert vom „Katholischen Jugendring“. (Im Hintergrund standen wohl der politische Katholizismus; konkret: die Zentrumspartei Düren und der Katholikenausschuß). Es waren dies Veranstaltungen demonstrativen Charakters mit Aufmärschen, öffentlichen „Gelöbnissen“ und Proklamationen am „Neuen Wasserturm“, im Jugendstadion u.a., welche die „Stärke“ und Kraft“ der katholischen Jugend gegenüber den Demonstrationen der „Roten“ und der „Braunen“ zeigen sollten.
Als Gruppe des KWV hätten wir – übrigens mit noch anderen Gruppen – am liebsten nicht mitgemacht, da diese Aufmärsche und Demonstrationen unseres Erachtens nichts mit christlicher Überzeugungskraft zu tun hatten und im Grunde die gleichen Machtpositionen ausspielten wie „die andere Seite“ – wenn auch nicht mit deren brutalen Mitteln und immerhin mit demokratischem Verständnis im Hintergrund.
Wir machten aber doch mit, um unsere Stimmen im „Kath. Jugendring“ nicht ausschalten zu lassen – sicher auch, um zu zeigen, daß wir auch da waren. Aber wir blieben „Störenfriede“ in diesem Tun, da wir die eigentlichen geistigen und politischen Auseinandersetzungen mit dem, was wir auf uns zukommen sahen, vermissten.
So war es denn auch ein Eklat unter anderem, als wir bei einer Großveranstaltung der Kath. Jugend auf Dekanats- oder noch größerer Ebene im Dürener Jugendstadion am Lendersdorfer Weg aufgefordert wurden, eine Fahne mit dem zerbrochenen Gewehr als Symbol einzurollen oder den Platz zu verlassen. Nach heftigen Auseinandersetzungen geschah das Letztere.
Dies alles zu berichten halte ich für wichtig. Denn als am 30. Januar 1933 für diesen so beschriebenen Katholizismus weithin (nicht überall) das Erwachen kam, wußten wir, daß wir – zumal mit sehr geringen Kräften – einen vergeblichen Kampf im Dürener katholischen Umfeld gekämpft hatten.
Es war allerdings für viele Katholiken, speziell auch für die Geistlichen, die eine damals noch unangefochten führende Rolle im katholischen Raum spielten, ein böses Erwachen. Sie sahen die bisher noch mit Exkommunikation bedrohten Nazis an der Macht, Leute, die sie nicht ganz ernst genommen hatten; zudem hatten sie – meist unreflektiert und naiv in mancherlei Hinsicht – ein nationales oder nationalistisches Denken unterstützt, das den Nazis entgegenkam. (Ideologie vom „Reich“, vom „gerechten Krieg“, ja zur Wehrertüchtigung, zum Arbeitsdienst u.a.m.) Es war ein Schock für viele gerade aus der kath. Jugend, beim „Siegesmarsch“ der Braunen am 30. Januar 1933 einige in SA-Uniformen mitziehen zu sehen, die kurz vorher noch vor der Jugend auf die „Fahne Christi“ geschworen hatten.
Daß Hakenkreuzfahnen schon an diesem Tag ausgerechnet bei bekannten und sich bewußt katholisch gebenden Geschäftsleuten heraushingen, ließ doch viele überrascht sein oder sogar zornig werden. Denn es war noch nicht einmal das Wort Hitlers vom „positiven Christentum“ gefallen, auf das viele Christen hereinfielen oder das sie gern zur Notiz nahmen, um ihr Gewissen zu salvieren; und noch war die Exkommunikation der Nazis durch die Bischöfe nicht zurückgenommen.
Es entpuppten sich bald manche als „Parteigenossen“, bei denen es niemand vermutet hätte, – unter ihnen der Oberküster von St. Anna, Löllgen [=Lölfgen], der wahrscheinlich zunächst in seiner Parteizugehörigkeit nur eine Aufwertung seiner Person suchte und – zunächst – aus Naivität oder Dummheit in die Partei hineingeschlittert war.
An der Pfarre St. Bonifatius gaben die Kapläne Grüne und Peters bald ihr Amt auf und wurden Parteimitglieder der NSDAP.
Kaplan Grüne war bekannt als bei vielen geschätzter Prediger mit starken deutsch-nationalen Tönen und einer für viele faszinierenden Soldatentumsideologie. Wir, d.h. die Freunde aus dem KWV und mit uns geistig verbundene Freunde, nannten ihn seit eh und je den „schwarz-weiß-roten Grüne“.
Es war schon erstaunlich zu sehen, wer bereits in der ersten Zeit nach der „Machtergreifung“ mit dem Parteiabzeichen daherkam. Natürlich waren viele Arbeitslose dabei – und man muß schon wissen, was Arbeitslosigkeit damals bedeutete! – oder solche, die infolge des wirtschaftlichen Fiaskos der damaligen Zeit ihre Existenz als selbständige Handwerker und Geschäftsleute verloren hatten und hofften, in der Partei oder durch die Partei eine neue Existenz zu finden.
Es gab viele Dumme und Naive unter den neuen Parteigenossen; aber es gab sehr viele, die Posten und Macht witterten und dafür frühere als heilig gehaltene Grundsätze aufgaben.
Bekannt als „Nazis“ war in Düren schon vor der „Machtergreifung“ eine Familie Thewellis, aus der auch der „erste Märtyrer der Bewegung in Düren“ hervorging. Wenn ich mich recht entsinne, starb er an den Folgen einer Schlägerei mit Kommunisten.
Einen Namen machte sich in Düren der Kreisleiter Binz (oder Bins), soweit ich mich erinnere: ein Rechtsanwalt mit nicht gerade gutem Ruf in seinem Fach. Sein „Adjutant“ – bis zu seinem Tod durch einen Motorradunfall – war ein Konabiturient von mir, H.E. aus Kreuzau, der bereits in den letzten Klassen des Gymnasiums zur NSDAP gehört haben soll, wovon auf der Schule aber auch nichts zu bemerken war.
Ein anderer Konabiturient, H.W., war bald in SS-Uniform zu sehen. Ich war wirklich davon überrascht, wie ich es auch bei anderen gleichaltrigen Bekannten war, denen ich in SS-Uniformen begegnete und denen ich den Schritt in die SS nie zugetraut hätte. Es wurde schon manchmal unheimlich um einen herum, wenngleich ich von den oben Genannten persönlich nie Negatives zu spüren bekam – außer daß man sich aus dem Wege ging – und auch nichts sie Belastendes erfahren habe, wenn man von ihrer Zugehörigkeit zur SS absieht.
Von einem Mitschüler bis Unterprima weiß ich, daß er ebenfalls bald in die SS eintrat, aber wieder auszutreten wagte, als ihm deutlich wurde, was bzgl. Religion und ethischem Verhalten von ihm erwartet wurde. (Das Papier der Austrittsbestätigung habe ich gesehen.)
Die Erwähnung meiner Mitschüler läßt mich noch an folgendes zurückdenken: Was mich in den letzten 2 Jahren vor dem Abitur (1932, noch in der „Systemzeit“!) erstaunte, war, daß meine Mitschüler scheinbar problemlos den Schulbetrieb durchstanden, der mir in diesen unruhigen Zeiten vor 1933 so auf die Nerven ging, daß ich täglich rang, ob ich auf der Schule bleiben sollte. Daß ich es tat, habe ich meinen alten Freunden zu verdanken.

In Hitler-Jugend (HJ)-Uniformen marschierten schon bald nach dem 30. Januar 1933 bekannte frühere Jugendführer verschiedener Verbände und Gruppen an der Spitze von HJ-Formationen durch die Stadt, Leute, für deren demokratische Gesinnung man die Hand ins Feuer gelegt hätte. Unter ihnen war z.B. ein von der Jugend sehr geschätzter Leiter oder jedenfalls einflußreicher und beliebter Mitarbeiter des Dürener Jugendamtes: H.H. [=Hermann Horn?] Von ihm, aber auch von anderen sagte man, sie hätten die Schwenkung vollzogen, um Schlimmeres zu verhüten und um zu retten, was noch zu retten war. Das war sicher bei H. und vielen anderen der Fall, wie wir es auch von Freunden aus anderen Städten erfuhren.
Schockierend war allerdings, wenn man frühere Freunde aus der Friedensbewegung auch schon bald in SA-Uniformen traf, denen man dann abnehmen mußte, daß sie in großer Gewissensnot gehandelt hätten und unter dem Druck, z.B. als Familienvater (wie es bei W.M. der Fall war) bei „Nicht-Mitmachen“ die Berufsposition aufgeben, wenn nicht Schlimmeres erwarten zu müssen.

Da bereits der Kreisleiter Binz erwähnt wurde, mag hier folgende Geschichte berichtet werden, die zeigt, was in den Anfängen der NS-Zeit noch möglich war. Wir hörten sie von unseren älteren Freunden, den Geschwistern Dohmen aus Winden: Binz sei 1934 (? – jedenfalls in den Anfängen der NS-Zeit) eines Tages mit SA-Begleitung in Winden erschienen, um dort vor der dem NS sehr abgeneigten Bevölkerung zu sprechen. Da habe ihm bald Josef Dohmen, der den ersten Weltkrieg als Offizier mitgemacht hatte, dekoriert mit dem EKI, unter dem Gelächter der Anwesenden zugerufen, daß sie – er und Binz – sich doch aus der Seperatistenzeit kennen würden, wo er – Josef Dohmen – mit anderen Windenern unter seiner Führung als altem Frontoffizier das Seperatistennest auf den Windener Höhen „ausgeräuchert“ hätten und Binz mit seinen Genossen Fersengeld gegeben habe. Mit seiner nationalen Gesinnung und deutschen Tapferkeit, wovon er hier rede, könne es also nicht weit her sein … Binz habe sich mit seiner Begleitung schnell davon gemacht und sich in Winden nie mehr sehen lassen. (Nebenbei: Von Winden war bekannt, daß die Nazis hier keinen Boden fanden und daß die Windener bei jeder festlichen Gelegenheit die Kirchenfahnen, aber keine Hakenkreuzfahnen an den Häusern hißten.)

Gleich nach der „Machtergreifung“ hörte man von Verhaftungen bekannter Dürener Kommunisten.
Unser Freund Martin Fehr, den ich zu Anfang erwähnte, hatte sich in allerletzter Minute über Belgien nach England absetzen können, nachdem der auch erwähnte Hermann Huppertz, seine Frau Käthe und ich ihn trotz seiner schweren Grippe mit Mühe und Not in Rurberg (wo Hermann Huppertz mittlerweile Lehrer war) einige Tage vor dem 30. Januar 1933 davon zurückhalten konnten, in Düren mit seinen kommunistischen Freunden Dummheiten zu begehen. Wir versuchten, ihm klarzumachen, daß er auch mit seinem schweren Revolver, den er bei sich trug, seinen Freunden nicht mehr helfen und gegen die Masse der Braunen nichts ausrichten könne. Aber schließlich hielt ihn nur seine schwere Grippe zurück.
(Martin Fehr war ein großer Idealist und liebenswerter Mensch, – von meiner tiefgläubigen, frommen Mutter sehr geschätzt trotz seiner kommunistischen Überzeugung.)

Mit den soeben erwähnten Verhaftungen der Dürener Kommunisten ging erst alles noch verdeckt vor sich. Nur von den Eucharistinern in der Kölnstraße erfuhr ich, daß sich nachts in den von der SA beschlagnahmten Baracken (früheren SPD-Unterkünften) hinter dem Klostergarten in der Wernersstraße schreckliche Dinge abspielten. Die Schläge und das Schreien der Gefangenen – daß es sich um Kommunisten handelte, war den Eucharistinern aus mir entfallenen Gründen klar – seien stundenlang zu hören.
In diese SA-Baracke wagten wir uns zu einigen aus der Älterenrunde des KWV hinein, um gegen die Beschlagnahme unseres Heims durch die SA zu protestieren. Das geschah natürlich umsonst. Auch von dem wertvollen, von unseren Schreinern verfertigten Mobiliar gab man nichts heraus.

Unser KWV-Heim in den alten Kasernen war nach den Pfingsttagen 1933 von der SA aufgebrochen und „beschlagnahmt“ worden. Wir hörten davon nach unserer Rückkehr vom letzten „Bundestag“ des KWV, gingen sofort zu mehreren in die Kaserne und fanden in unserem Heim eine nicht angenehme, rabaukenhafte Gesellschaft von SA-Männern mit Frauen vor, die uns die In-Besitznahme unseres Heims demonstrierten, indem sie mit ihren Sa-Dolchen das Mobiliar beschädigten. Daß einige von uns Schulfreunde oder frühere Arbeitskollegen und ich frühere Spielkameraden aus der Waisenhausstraße hier wiedersahen, machte das Ganze zu einer doppelt unerfreulichen Angelegenheit.

Zurück aber zu unserem Protest-Gang in die „Höhle des Löwen“, also in die SA-Baracken, wo die Dürener SA-Oberen residierten.
Wir riskierten einiges mit diesem Schritt, zumal wir unsere Worte nicht auf die Goldwaage legten. Daß uns dort von den Nazi-Größen, die uns z.T. gut bekannt waren, nichts weiter geschah und sie uns zwar mit starken Worten, aber ansonsten ungeschoren gehen ließen, setzte uns sehr in Erstaunen. Erklären konnten wir es nur mit irgendwelchen Hemmungen, die sie (noch) hatten aus Zeiten der Schul-, Arbeits- und Nachbarschaftsbekanntschaften – oder auch damit, daß wir für die Partei unter dem Sammelbegriff der „Katholischen Jugend“ fielen. Gegen diese vorzugehen war noch nicht an der Zeit.
Allerdings ließen wir sofort alles verschwinden, das wir nicht in die Hände der Nazis kommen lassen wollten. Vor allem sammelten wir Zeitungen, Zeitschriften, Bücher aus unseren Reihen zusammen, die pazifistischen, antinationalistischen, gesellschaftskritischen u.a. Inhalts waren. (Unter ihnen z.B. ganze Jahrgänge „Vom frohen Leben“, einer christlich sozialen, gesellschaftskritischen und pazifistischen Zeitschrift, die damals bei „jugendbewegten“ Leuten sehr beliebt war. – Herausgeber: Alfons Erb.) Dieses alles nagelten wir – sorgfältig isoliert – in den Fußboden der Schreinerwerkstatt eines unserer Freunde ein (P.S.) – im festen Glauben, alles über kurz oder lang wieder hervorholen zu können. Es fiel aber alles der Bombardierung Dürens am 16. November 1944 zum Opfer.
Im Zusammenhang mit der vorher erwähnten Heimbesetzung durch die SA kam es später einmal beinahe zu einer handfesten Schlägerei (die zwischen kath. Jugend und HJ oder auch SA damals nicht selten war!) auf dem „Sturms Berg“ – einem damals noch freien Gelände zwischen den alten Kasernen und der Stadt, auf dem wir abends spät zu fünf oder sechs Freunden nach einer Zusammenkunft im Rektorat St. Antonius (in den Kasernen! Darüber später mehr!) nach Hause gingen. Wir überholten dabei fünf von den Heimbesetzern in SA-Uniform. Unter ihnen war einer der Thewellis-Leute (s.o.), bewaffnet mit einer Pistole. Mit ihnen fingen wir eine provozierende Diskussion an, bei der sie handgreiflich werden wollten, bald aber davon abließen, als sie merkten, daß einige unserer Freunde ihnen kräftemäßig und durch sportliches Training weit überlegen waren. Zudem hatte Peter S., der kräftigste von uns allen, die Pistole von Thewellis mit einem geschickten Griff „sichergestellt“. Unser gemeinsamer Weg bis zu den ersten Häusern der Stadt, wo wir uns trennten, ging zwar unter heftigen Diskussionen, aber ansonsten harmlos weiter. Wir warteten wieder tagelang auf ein Nachspiel, das aber auch unbegreiflicherweise nicht erfolgte.

Nach dem Abschluß des Konkordates der NS-Regierung mit der kath. Kirche (20. Juli 1933), das den Nazis aus außenpolitischen Gründen sehr gelegen war, fielen auf der NS-Seite immer mehr und schneller alle Hemmungen.
Das Konkordat! Die kath. Jugend, soweit sie sich – aus welchen Gründen auch immer – von den Nazis absetzte, aber auch viele andere Katholiken, die wir kannten (vielleicht waren es damals noch die meisten) und die sich ebenfalls – aus welchen Gründen auch immer – von den Nazis distanzierten, glaubten nach den früheren Verurteilungen der NSDAP durch die Bischöfe nicht an ein Konkordat; sie glaubten es auch nicht nach den Sprüchen Hitlers zu Anfang seiner Regierungszeit vom „positiven Christentum“, die zu leicht als Farce und Täuschung zu durchschauen waren. Man rechnete Anfang 1933 noch sehr mit dem geschlossenen Widerstand der deutschen Bischöfe, in Verbindung mit „Rom“ (der päpstlichen Kurie also) und der „Weltkirche“, gegen das Nazi-Regime und setzte darauf nicht wenig Hoffnung.
Ich kann nicht beschreiben, wie maßlos und bis zum Zorn enttäuscht meine Freunde mit mir waren, als wir in einer Sonntagsmesse in der Kanzelvermeldung der Tatsache konfrontiert wurden, daß das Konkordat der Reichsregierung mit dem „Hl. Stuhl“ geschlossen war. Wir fühlten uns im Stich gelassen und verraten – und mit uns so viele Katholiken (nicht nur in Düren).

Der KWV löste sich im Laufe des Jahres 1933 wegen wachsender Schwierigkeiten, besonders für die jüngeren Mitglieder, offiziell und nach außen hin auf, blieb aber nicht nur in Düren, sondern im ganzen früheren Bereich zu einem großen Teil zusammen als eine Gemeinschaft, die schon seit langem einen neuen Weg christlicher Gemeinschaft in der Kirche versucht hatte. Darüber Weiteres zu sagen ist hier nicht der Ort. Wichtig für unsere Dürener Situation ist zu sagen, daß sich auf einer neuen Basis in Düren aus verschiedenen Gruppen (u.a. sehr intensiv aus dem „Jugendbund des kath. Frauenbundes“, aus der „Sturmschar“, aus dem „Jungmännerverband“ u.a.m.) junge Menschen zusammenfanden, die aus christlicher Sicht versuchten, sich mit der NS-Ideologie auseinanderzusetzen und in der Kirche, wie sie sie vom NT her verstehen wollten, Widerstand formierten.
Trotz der Versuche, eigene Wege zu gehen, blieb alles zu sehr im traditionell kirchlichen Raum haften, der allerdings andererseits – wenigstens noch in den ersten Jahren der Naziherrschaft – sowohl geistig wie materiell-räumlich eine nicht zu unterschätzende Schutzzone bot.
Der innere und manchmal auch äußere Widerstand vollzog sich – wie fast überall, soweit wir es übersehen konnten – auch im Dürener Raum weniger im Einsatz für die von den Nazis verfolgten Menschen wie SPD-Leuten und Kommunisten oder für die im Anfang diffamierten und in der Folgezeit immer mehr bedrängten, mißhandelten und schließlich in den grausamsten Tod getriebenen Juden, wenngleich es immer mehr wache Christen in großer Gewissensnot sahen, was da an Unterdrückung der einfachsten Menschenrechte und der Menschenwürde vor sich ging und an Grausamkeit und Brutalität geschah. Man war – im kirchlichen Raum – zu sehr nur gebannt von dem fortschreitenden Kampf der Nazis gegen die Kirche als Institution und gegen die immer größer werdende Beschneidung der kirchlichen Rechte und Privilegien. Allerdings hoffte man oder glaubte man weiterhin auch, in deren Verteidigung die Situation der Menschen überhaupt vor dem weiteren Zugriff der Nazis retten zu können. (Diese Verengung des Blicks für die brutal-reale Situation der Menschen außerhalb der Kirche war ein schuldhaftes Versagen!)

Wie primitiv man oft im kirchlichen Bereich auf das nazistische Gebahren gegenüber Kirche und insbesondere Klerus reagierte, zeigen zwei Begebenheiten, die mir zur Situation in Düren einfallen:
Einer der Kapläne von St. Anna (L.D.) wurde – es war noch in der ersten Zeit der Naziherrschaft – auf der Straße von einem SA-Mann angepöbelt. Er erstattete Strafanzeige wegen „Beleidigung einer Uniform“! (Man muß wissen, daß der Klerus damals noch durchweg die Soutanelle – einen bis zu den Knien reichenden schwarzen Rock und den röm. Kragen – einen steifen weißen Rundkragen – als Ausgehanzug trug.)
Der aus der Wirtelstraße stammende W.T. hielt den Jungmännern von St. Anna kurz nach seiner Priesterweihe einen Lichtbildvortrag, zu dem er provozierend und ohne liturgischen, gottesdienstlichen Grund in Talar und Birett erschien. Es gehörte irgendwie zum „Bekenntnis“, in kirchlicher Kleidung oder mit kirchlichen und christlichen Abzeichen (Kreuz usw.) zu zeigen, „auf welcher Seite“ man stand.
Zu Willi Tonnet noch Folgendes: Als Kaplan in Dülken konnte er noch lange Zeit in Konkurrenz zur HJ eine stattliche Zahl „Jung-“ und „Sturmschärler“ und andere Mitglieder des Kath. Jungmännerverbandes zusammenhalten. Weil er zudem manches offene Wort riskierte, wurde ihm bald der Prozeß gemacht und er saß einige Wochen in Düsseldorf in Gestapo-Haft. Dann tauchte er in Düren in seinem Elternhaus in der Wirtelstraße auf und erzählte mir und vielen anderen, was er nicht erzählen durfte: Daß er nur mit der schriftlichen Zusicherung freigekommen sei, nichts über seine Haft und Behandlung bei den Verhören zu berichten – was er also doch tat. Schon nach einigen Tagen bekam er von unbekannter Seite den Hinweis, daß eine erneute Verhaftung bevorstehe. Auf abenteuerliche Weise brachte ihn daraufhin der damalige Kaplan an St. Marien, Wilhelm Bohnekamp (später Pastor an St. Joseph und Dechant des Dekanates Düren) mit Unterstützung eines anderen Freundes per Auto bei Nacht und Nebel an die belgische Grenze bei Reichenstein, wo ihm die Flucht aus dem „Reich“ gelang. Sein weiterer Weg führte über Paris, wo er bei den Eucharistinern Aufnahme fand, nach Montevideo. Dort starb er als Domvikar und Domorganist.

Ich erwähnte schon die Juden in Düren.
Es gab viele jüdische Mitbürger, darunter viele Geschäftsleute, – aus meiner Erinnerung alle angesehene und geachtete Bürger.
Als die Aktionen gegen die Juden sich mehrten, spielte noch lange im Gespräch vieler Dürener ein beliebter Arzt namens W. (?) Marx eine Rolle mit dem Bemerken, ihm würden doch wohl die Nazis nichts anhaben: wegen seiner Beliebtheit in der Bevölkerung und weil er Offizier im Ersten Weltkrieg war, Inhaber des EK I und schwer verwundet. (Wenn ich mich recht entsinne, hatte er ein Bein verloren.) Ich habe nur noch mitbekommen, daß er seine Praxis aufgeben mußte – unter vielerlei stummem, aber auch öffentlich geäußertem Protest.
Verbindung hatte ich mit meinen Angehörigen noch lange Zeit mit der jüdischen Familie Leven aus der Hohenzollernstraße, deren Garten hinter ihrem Haus an die Hinterfront unserer Wohnung stieß. Einer der Söhne hatte eine sehr frequentierte Kinderarztpraxis. Jahrelang suchten noch Dürener Parteigrößen in aller Heimlichkeit seine Praxis auf. Eines Tages war die ganze Familie lautlos aus unserem Gesichtsfeld verschwunden. Ob sie sich noch absetzen konnte oder was mit ihr geschehen ist, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen.

Am Dürener Stift. Human. Gymnasium wurde bald auch Dr. Jakob Bremer seines Amtes als Lehrer (er lehrte außer kath. Religion noch Physik und Hebräisch) enthoben. Es geschah unter der Initiative seines Kollegen, des Oberschullehrers Josef Schuy, der es mit der „Machtergreifung“ zum – ich meine, so war sein Titel: – „Kreispropagandaleiter“ brachte. Der früher scheinbar kirchentreue Mann, der sich trotz seiner Bemühungen in der Dürener Zentrumspartei, die unter der Leitung des Herrn Dr. Bremer stand, nicht profilieren konnte, da er – auch bei den Schülern – nicht gerade als eine geistige Größe angesehen wurde, entpuppte sich nach dem 30. Januar 1933 als ein besonders engagierter Parteigenosse. Er wurde auch als solcher nicht ernstgenommen, konnte aber gefährlich werden, wie es sich im Falle Dr. Bremer zeigte.
Dem bereits erwähnten Oberstudiendirektor van Laak soll er auch das Leben schwer gemacht haben.

In allen Bereichen des öffentlichen Lebens sah man das System des NS sich immer mehr verfestigen.
Im kirchlichen Bereich rückte man immer enger zusammen, ging immer mehr aufeinander zu, und es wurde immer erfahr- und erlebbarer, was „christliche Gemeinde“ sein könnte. Nur taten sich in Düren die offiziellen leitenden kirchlichen Organe im katholischen Raum schwer mit allem, was aus den Impulsen der damaligen Liturgischen- und Bibel-Bewegungen einem Prozeß kirchlicher Erneuerung entgegenkam und hauptsächlich von der Jugend getragen wurde, – von der Jugend, die auch am deutlichsten und kämpferischsten dem NS widerstand. Sie befand sich – auch in Düren – meist in einem „Zweifrontenkrieg“: In der Abwehr des Nazismus und im mühsamen Ringen um ein neues Verständnis von Kirche und Gemeinde. Dabei holte gerade die Jugend – aber nicht nur sie! – ihre Kraft gegen den Nazismus aus dem, was ihr von der Liturgischen- und Bibel-Bewegung angeboten wurde.
Im übrigen vollzog sich sehr schnell unter allen im weitesten Sinne Bekannten (die sich nicht mit „Heil Hitler“ begrüßten) eine Auflistung von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – „zur Kirche standen“ und solchen, die der NS-Ideologie verfallen waren, sich mehr oder weniger anpaßten, denen man mehr oder weniger mißtrauen oder vor denen man sich in Acht nehmen mußte.
Auch wußte man, wo man außerhalb des kirchlichen Raumes Menschen treffen konnte, mit denen man offen sprechen, Informationen austauschen, Begegnungen arrangieren konnte u.a.m. Ein solcher Treffpunkt war z.B. die Buchhandlung Sonanini, Inh. Kirsch, am Marktplatz.
Man kannte auch die einfachen Mitläufer. Mir stehen da eine Reihe arbeitsloser Jugendlicher, besonders aber auch erwachsener Männer, meist Familienväter, vor Augen, die einfach in großer Ausweglosigkeit in der SA oder anderen Formationen mitmachten, trotzdem sie mit der NS-Ideologie nichts im Sinn hatten und vor denen man nichts zu verbergen brauchte.
In diesem Zusammenhang fällt mir eine Begebenheit ein, die sicher erzählenswert ist:
Wir trafen uns wieder einmal „geheim“ mit Freunden aus dem früheren KWV und anderen, später hinzugekommenen Freunden – aus Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen u.a. im großen, räumigen Hause Seekircher in der Bergstraße 62. Es wurde – wie immer – offen über die Situation im „Dritten Reich“ gesprochen und heiß darum gerungen, wie ihr aus unserm christlichen Glauben zu begegnen sei. Da stand plötzlich mit einem kräftigen „Heil Hitler“ und in voller Kriegsbemalung der SA-Mann Johann Klein aus der Nachbarschaft des Hauses Seekircher im Raum, und die Gesichter der auswärtigen Freunde wurden sichtlich bleich. Auf unser, der Dürener, Lachen hin löste sich die Spannung, und auf unsere Bemerkung: „Johann, wie konntest Du uns so erschrecken?“ antwortete er: „Ihr seht, daß Ihr noch vorsichtiger sein müßt! Aber jetzt macht unter meinem Schutz weiter!“
Johann Klein war Soldat im Ersten Weltkrieg, verwundet, seit längerer Zeit arbeitslos und so in die SA hineingerutscht, konnte sich dort aber als alter Frontkämpfer manches erlauben und manches „zurechtrücken“. Er hatte besten nachbarlichen Kontakt mit der Familie Seekircher, aus der mehrere unserer Freunde stammten, und er war unser bester Informant über Dinge in der Dürener SA und NSDAP, besonders auch in für uns brenzeligen Angelegenheiten.

Treffen, wie das soeben erwähnte bei unseren Freunden Seekircher, unter denen Peter („Pitter“) S. für uns eine Hauptrolle einnahm, fanden Jahre hindurch auch bei Familie Veith in ihrem Bahnwärterhaus am Bahndamm der Stecke Düren-Euskirchen, in der Nähe der Merzenicher Landstraße, statt. (Aus der Familie Veith gehörten die Brüder Josef, Gottfried und Willi zum KWV und blieben nach seiner Auflösung noch lange der aus ihm erwachsenen Gemeinschaft verbunden.)
Die Abgelegenheit des Ortes und der große Garten mit vielen Bäumen boten guten Schutz vor nicht erwünschten Gästen.
Wieso wir trotzdem so unbelästigt blieben, ist mir bis heute ein Rätsel, denn wir waren in Düren nicht unbekannt und wußten auch, daß wir den Nazis ein Dorn im Auge waren.
Ebenfalls unbelästigt blieben wir von den Nazis (nicht immer von „frommen“ Mitmenschen) eigenartigerweise, als wir uns später (ab 1936) in oft nicht kleiner Zahl regelmäßig jeden Sonntagnachmittag und unregelmäßig an anderen Tagen bei unserm Freund Willi Strerath einfanden, der Kaplan in Niederau und Rektor am Lendersdorfer Krankenhaus war.
Durch Willi Strerath bekamen wir in Niederau Kontakt mit der Familie Johann und Katharina Gottschalk. „Ohme Johann“ war mit den Seinen ein radikaler Nazigegner, in dessen Haus wir offen reden konnten. Die Tochter Elisabeth wurde die Jüngste in unserem Freundeskreis. Sie bekam damals keine Lehrstelle und konnte keine Berufsausbildung machen, weil sie – von den Eltern unterstützt – nicht dem BDM beitrat. Ihre Situation war kein Einzelfall.

In den Kirchen und bei kirchlichen Veranstaltungen zeigte sich nach 1933 von Jahr zu Jahr und eigentlich von Monat zu Monat immer mehr, wer nicht mehr „mitmachte“, und die Zahl der „Wegbleibenden“ wurde zusehends größer und auffälliger.
In der Sakristei von St. Anna sagte mir eines Tages – es war im Jahre 1935 – Kaplan Fritz Keller sinngemäß: „Ich habe Dir und Deinen Freunden Abbitte zu leisten! Ihr wart vor dieser Naziherrschaft für uns das rote Tuch. Nun seid Ihr die, die noch dabei sind und auf die man sich verlassen kann“. Es war der Kaplan Fritz Keller, der in den Zeiten des Katholischen Jugendringes als sein „Geistlicher Beirat“ mit dem KWV und den uns Gleichgesinnten überhaupt nicht zurechtkam (gelinde gesagt). Als ich ihm auf seine Erklärung hin antwortete: „Und nun ist alles zu spät!“, sagte er: „Nein …!“ Er starb 1943 im KZ.
An der St. Anna-Kirche spitzte sich das gespannte Verhältnis zwischen dem Küster und Parteigenossen Löllgen und der Pfarrgeistlichkeit immer mehr zu, bis Löllgen eines Morgens – es muß im Jahr 1936 gewesen sein – nicht zum Dienst erschien, aber einen Zettel in der Sakristei hinterließ, auf dem er seinen Dienst quittierte.

Von der Gruppe des KWV, der sich – wie bereits beschrieben – 1933 offiziell auflöste, aber in der Mehrheit der „Älterenrunde“ als Gemeinschaft zusammenblieb, hatten sich bei uns in Düren die meisten zur Mitarbeit in der Erwachsenen-, Jugend- und Kinderarbeit im Rektorat St. Antonius zur Verfügung gestellt. Dieses Rektorat war zu Anfang der 30er Jahre von der Pfarre St. Bonifatius gegründet worden, als die alten Kasernen mit immer mehr ausgesteuerten, arbeitslosen, sozial schwachen und verarmten Familien und Menschen aus der Stadt belegt wurden. (Eine große Kasernenscheune war zu einer wohltuend einfachen Kirche umgebaut, Priester- und Küsterwohnung, die Kinderhorträume, Caritasstation und Gruppenräume waren in anderen Kasernengebäuden eingerichtet worden.)
Unter dem ersten Rektor Joseph Adolphs, dem nachmaligen Pfarrer von St. Bonifatius, intensiver noch unter seinem Nachfolger (ab 1934) Rektor Johannes Gehlen, entwickelte sich dort ein Zentrum kirchlicher Erwachsenen- und Jugendarbeit, das die Nazis viele Jahre hindurch wegen des sozialen Spannungsfeldes im „Kasernenviertel“ nicht anzutasten wagten. So blieb dort manches an kirchlicher Arbeit, speziell auch an Kinder- und Jugendarbeit möglich, das anderswo immer unmöglicher wurde. Wohl bildeten auch an anderen Dürener Pfarren Kirchen und Pfarräume für kirchliche Arbeit so etwas wie Schutzräume, in denen noch manches an geistigen Auseinandersetzungen mit dem von Jahr zu Jahr kirchen- und christentumsfeindlicher werdenden NS gewagt wurde. Aber das Rektorat St. Antonius (nicht zu verwechseln mit der heutigen Pfarre St. Antonius in der Scharnhorststraße!) blieb doch ein einmalig besonderer Fall.

Anläßlich von Bischofsbesuchen bei Firmungen, Visitationen u.a.m., bei besonderen kirchlichen Feiern – das St. Anna-Fest darf dabei nicht vergessen werden! – gab es meist große Ansammlungen, besonders auch wieder von der Jugend, die bekundeten, daß die „Kirche“ ein Lebensraum war, den man über den NS stellte und von dem man sich Kraft zur Nichtanpassung und vielleicht auch zum Widerstand erhoffte.

Caritas-Straßensammlungen und andere Unternehmungen von noch nicht offiziell verbotenen kirchlichen Institutionen fanden immer genügend Helfer und Mitarbeiter, die wiederum untereinander und mit vielen in Kontakt standen, die mit dem NS-Regime nicht einverstanden waren. Bei kirchlichen Veranstaltungen spielten die „CHRISTUS-Banner“ (Fahnen mit großem XP) eine wichtiggenommene Rolle, denn sie wurden sehr bewußt als Gegenzeichen zu den Hakenkreuzfahnen gesehen.

Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hatten der „Bekenntnistag“ der kath. Jugend am Dreifaltigkeitssonntag eines jeden Jahres und das Christkönigsfest am Ende des Kirchenjahres. Beide Tage waren deutliche Demonstrationen gegen die NS-Ideologie und wurden von der Partei auch so gesehen. Es wurde aber nichts dagegen unternommen – wenigstens in den ersten Jahren nicht.
Fronleichnams- und andere Prozessionen und Wallfahrten waren ebenso oft bewußte Demonstrationsveranstaltungen unter kirchlichem Vorzeichen.
Eine besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang die „Dürener Männerwallfahrt“ am Vorabend des 1. Mai zum in Düren beliebten „Muttergotteshäuschen“ („Modderjoddeshüsje“) auf der Höhe der Zülpicher Straße – damals noch mitten im freien Feld gelegen und umgeben von einem schönen kleinen Park.

Aber – ich muß es leider immer wieder bekennen – es blieb alles zu sehr innerkirchlich begrenzt und beschränkt. Es bildeten sich auch in Düren aus allem keine politischen Widerstände, so sehr nicht wenige darüber miteinander nachdachten und vergebens Fühler in außerkirchliche Bereiche ausstreckten. Wir waren wahrscheinlich in solchen Dingen wenig eingeübt. Vielleicht wissen andere aus nicht-kirchlichen Kreisen anderes zu berichten. Das würde die Schuld des Versagens im kirchlichen Raum und des eigenen persönlichen noch vergrößern.

Eine Folge des immer antikirchlicher und antichristlicher sich zeigenden NS-Regimes war, daß auch in Düren das Verhältnis der Konfessionen zueinander sich positiv zu ändern begann. So geschahen immer mehr Kontakte mit evangelischen Bekannten und Geistlichen, von denen man wußte, daß sie den NS ablehnten. Besuche besonderer Gottesdienste und Veranstaltungen der jeweils anderen christlichen Konfession wurden immer häufiger; es bildete sich ein ökumenischer Arbeitskreis von jungen Kaplänen der St. Anna-Pfarre, Theologiestudenten derselben Pfarre, dem evgl. lutherischen Pfarrer Schumann und anderen evangelischen Freunden. Aber auch hier ging es – neben theologischer Bibelarbeit – mehr um ein Sich-gegenseitig-Bestärken im Durchhalten als um Überlegungen, ob es nicht auch Möglichkeiten gebe zu notwendigem Widerstand und zum Einsatz für Menschen in Bedrängnis.

Vor der Rheinlandbesetzung und der folgenden Einführung der Allgem. Wehrpflicht gingen ganz naiv nicht wenige junge Leute aus der Dürener kath. Jugend zur „Reichswehr“. Manche waren dabei, die als Arbeitslose „von der Straße wegkommen“, andere, die so dem Beitritt zur HJ oder SA entgehen wollten, wieder andere in der Meinung, hier mithelfen zu können, den NS zu erledigen. Es gab viele, die lange Zeit glaubten, daß das Militär den NS-Rummel nicht auf die Dauer mitmachen würde. Daß auch die Reichswehr dem Sog des NS nicht widerstand, allein schon wegen seiner militaristischen Ideologie, sah man nicht oder wollte es nicht sehen.
Mit Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht fielen immer mehr gerade auch von den lebendigsten Jungen in den katholischen Gemeinschaften aus. Im evangelischen Raum war es nicht anders.
1936 tauchte aus Münster in Westf. eine junge Frau (Hanne Dieninghoff) aus dem früheren KWV bei den Dürener Freunden auf und berichtete bestürzt, was sich an der Münsteraner Uniklinik in Sachen Euthanasie anbahne, in die sie als Fürsorgerin und Sekretärin des Leiters des Münsteraner Gesundheitsamtes hineingeraten sei und die sie mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren könne. Sie sei zum Schweigen verpflichtet, müsse aber aus Verantwortung darüber reden; zudem halte sie die Gewissensnot nicht mehr aus. Auf keinen Fall wolle sie nach Münster zurück.
Wir erfuhren auf diese Weise zum ersten Mal von den Euthanasie-Vorhaben der Nazis.
Für H.D. konnten wir in Düren eine Stelle als Werksfürsorgerin ausfindig machen.

Nach dem Reichskonkordat, von dem die deutsche Bischofskonferenz Garantien für die kirchliche Selbständigkeit und freie Ausübung aller kirchlichen Aufgaben vergeblich erwartet hatte, erschienen – es muß schon sehr bald gewesen sein – Hirtenbriefe und Rundschreiben zur Information und Kanzelverkündigung gegen die immer stärker werdende antichristliche Propaganda der Nazis. Diese und andere kirchliche Verlautbarungen (hervorragend die Enzyklika Pius XII „Mit brennender Sorge“, 1937) wurden heimlich gedruckt und mußten ebenso heimlich und schnellstens zu den Pfarrämtern der einzelnen Dekanate gebracht werden, damit sie ohne vorherigen Zugriff der Nazis in den Kirchen verlesen werden konnten.
Mehrere solcher Schriften habe ich mit dem damaligen Kaplan Lambert Dohmen von St. Anna (die Pfarre war der Sitz des Dechanten Johannes Fröls, der für die Weitergabe zuständig war), der als einer der wenigen Geistlichen – und zwar in seiner Funktion als Caritas-Direktor – einen Wagen fuhr, in Nacht- und Nebelaktionen und auf Schleichwegen zu den Pfarreien außerhalb des Stadtbezirks gebracht. Ich erinnere mich noch gut an eine besonders abenteuerliche Nachtfahrt durch die Felder zwischen Merzenich und Arnoldsweiler, nachdem wir bereits nach Merzenich auf Umwegen fahren mußten.

Was mir noch einfällt an – wenn man will „netten“ – kleinen Einzelheiten, sind folgende Geschichten:
Als nach der „Machtübernahme“ der Druck auf kirchliche Organisationen und die Nicht-Mitläufer unter den Mitbürgern immer schlimmer wurde und es jedem, der es bis dahin noch nicht wahrhaben wollte, klar wurde, in welcher Diktatur und Unfreiheit man lebte, ertönte eines Tages beim Stundenschlag des Glockenspiels vom Annaturm das Lied: „Freiheit, die ich meine …“ Ganz Düren verstand, die Nazigegner schmunzelten oder lachten offen, der Mut des Dechanten J.F., der als Pastor von St. Anna für das Glockenspiel verantwortlich war, wurde bewundert und anerkannt.

Als 1938 mein Vater seinen 80sten Geburtstag feierte, kam außer dem braununiformierten Bahnhofsvorstand (mein Vater war bis zu seiner Pensionierung bei der „Deutschen Reichsbahn“ tätig) noch eine Abordnung der Stadtverwaltung mit irgendeinem Parteigenossen in ebenso farbiger Aufmachung. Mein Vater, durch den „Volksverein für das kath. Deutschland“ und die christlich-soziale Bewegung gebildet und in seiner geistigen Haltung geformt, hielt beim Gespräch mit seiner Meinung über den NS nicht zurück – zum Schrecken der ganzen Familie und allen sonstigen Besuches. Als die braune Gesellschaft weg war und wir ihm sagten, was er da angerichtet habe, wollte er nicht verstehen, weshalb er nicht hätte seine Meinung sagen dürfen …
Trotz unserer Befürchtungen geschah nichts Nachteiliges – für ihn als 80jährigen ohnehin nicht, aber auch nicht für unsere Familie oder sonst jemanden.
Auch das war also noch möglich.
Ebenso folgendes:
Der Blockwart unseres Wohnviertels, ein Nachbar aus der Hohenzollernstraße, erschien eines Tages in voller Kriegsbemalung bei meiner Mutter und riet ihr, sich vor einer unserer Familie nahestehenden Frau in Acht zu nehmen. Sie – meine Mutter – sei von dieser Person bei ihm wegen antinationalsozialistischer Äußerungen angezeigt worden.
Auch das kam also vor.

Ab 1937/38 war ich nur noch sporadisch und immer nur für sehr kurze Zeit in Düren, sodaß ich über später in Düren Geschehenes nicht aus eigener Sicht und Erfahrung berichten kann.
Hätte ich mich vor der Niederschrift dieses Skriptums noch mit einigen alten Dürener Freunden zusammensetzen und mit ihnen Erinnerungen austauschen können, wäre sicher noch manches andere ins Bewußtsein gekommen, das mir entfallen ist.