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a) Tabula rasa: Die Städte Düren
und Jülich und der 16. November 1944
„Die Erde bebt. Es ist wie der
Untergang einer Welt (...) Bei jedem Schlag schwankt der Keller
wie ein Boot auf stürmischem Meere. Die Wände biegen
sich, als wären sie aus Pappe.“ Horst Schirmer, 1944
Es steht wohl außer Frage, daß
die Zerstörung von Düren und Jülich am 16.
November 1944 eine der umfassendsten, vollständigsten und
„totalsten“ Städtezerstörungen des
Zweiten Weltkrieges und damit eine Tragödie
allergrößten Ausmaßes war. Aber die Frage, ob
denn diese Vernichtung eine direkte Folge des von Goebbels am
18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast proklamierten
„Totalen Krieges“ gewesen ist, ist nicht nur nicht
beantwortet, sondern bis heute noch nicht einmal gestellt
worden. Ebensowenig sind die Umstände, die zu dieser
Katastrophe geführt haben, in adäquater Weise in die
großen Zusammenhänge der (vermeintlichen) alliierten
Antwort auf diesen „Totalen Krieg“ – die Rede
ist vom strategischen Bombenkrieg – einzuordnen versucht
worden, und bis heute ist in der Geschichtsschreibung der
Dürener und Jülicher 16. November 1944 nicht mehr als
eine Fußnote, die gar in einigen
Überblicksdarstellungen zur Geschichte des Zweiten
Weltkrieges überhaupt nicht der Erwähnung für
wert gehalten wird; in einer aus dem Jahre 1963 stammenden
Tabelle von 42 deutschen Städten mit über 1000
Luftkriegsopfern taucht Düren an keiner Stelle auf!
Eine solche Einordnung der Dürener
Ereignisse in das allgemeine, reichsweite Kriegs- und
Bombenkriegsgeschehen aber ist dazu angetan, nicht nur diese
(vermeintliche?) Ignoranz der Historiographie und die
„(...) Mechanik einer Kriegsmaschinerie (.), die in ihrer
vernichtenden Wirkung von den betroffenen Menschen
zunächst (...) nicht begriffen werden konnte, in der
wechselseitig sich steigernden Verschärfung des
‘Totalen Krieges’ durch die Nazis einerseits und
der wachsenden technischen Effektivierung des alliierten
Bombeneinsatzes auf der anderen Seite“, zu erklären,
sondern auch zu erkennen, daß die Geschehnisse des 16.
November 1944 trotz aller Schrecknisse keinesfalls ein im
damaligen Deutschen Reich singuläres und auch in dieser
Grauenhaftigkeit einmaliges Phänomen darstellten. So
paradox das klingen mag: Würde man den
Düren-Jülicher Vorgängen Einzigartigkeit
apostrophieren, dann käme dies einer Verharmlosung all der
anderen, zahlreichen infernalischen Katastrophen des
Bombenkrieges, angefangen vom Kölner
„Tausend-Bomber-Angriff“ am 30./31. Mai 1943 bis
hin zur „Nox diabola“ (der „teuflischen
Nacht“) von Dresden am 13./14. Februar 1945 und
ihrer schätzungsweise 35000 Todesopfer, gleich.
Neben Karlsruhe, Köln, Bonn und
einigen wenigen anderen deutschen Städten war Düren
bereits im Verlaufe des Ersten Weltkrieges mit dem am absoluten
Anfang seiner „Entwicklung“ stehenden Luftkrieg
konfrontiert worden, als zu Anfang August des Jahres 1918 zehn
Flugzeuge der Entente mehr als zwei Dutzend Bomben über
Düren abgeworfen und damit 16 Menschen getötet und
ebenso viele teilweise schwer verletzt hatten. Schon am 22.
September 1914 hatten Flugzeuge des „Royal Naval Air
Service“ Luftangriffe auf deutsche Zeppelinhäfen in
Düsseldorf und Köln geflogen, und im Frühjahr
1917 beschloß die deutsche Oberste Heeresleitung im
Bewußtsein des militärischen Vormarsches der
Mittelmächte, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg
durch eine Luftoffensive gegen England zu verstärken,
womit man besonders die Kampfmoral der brititschen
Zivilbevölkerung zu unterminieren beabsichtigte, doch
vergolten die Briten Gleiches mit Gleichem und bombardierten
Städte an Rhein und Ru(h)r – unter ihnen eben auch
Düren und Jülich –, was das englische War
Office (Kriegsministerium) am 26. Oktober 1918 zu der
(unsinnigen) Feststellung veranlaßte, daß man
hierdurch die Moral der Deutschen endgültig gebrochen habe:
„Damit war der totale Krieg als raison
d’être der am 1. April 1918 als selbständige
Teilstreitkraft eingerichteten „Royal Air Force“
(RAF) bestätigt.“
Es würde den Rahmen dieser
Untersuchung bei weitem sprengen, wollte man hier alle
Luftkriegsstrategien und -konzeptionen der Zwischenkriegszeit
aufführen, weshalb der Hinweis auf einige wenige Fakten an
dieser Stelle genügen mag. Zunächst einmal ist es
wichtig zu wissen, daß Hitler durch sein Raumeroberungs-
und Offensivdenken in nuce nie von dem auch innerhalb der
Wehrmacht weit verbreiteten ‘angriffs- und
erdorientierten deutschen Luftkriegsdenken’
abgerückt ist, weshalb die deutsche Luftwaffe nie
über den Status einer
„Heereskooperationswaffe“ hinaus- und von dem alles
beherrschenden ‘pervertierten Angriffsgedanken’
losgekommen ist, so daß man auf deutscher Seite die
Bedeutung der Produktion von Jagdflugzeugen unterschätzte
und die vorhandenen für offensive Aufgaben der
Heeresunterstützung verheizte, und als am 12. November
1944, vier Tage vor der Dürener und Jülicher
Katastrophe also, noch 18 Jagdgeschwader mit 3700 Maschinen zur
Verfügung standen, wurden für die in Vorbereitung
befindliche „Ardennenoffensive“ 16 Geschwader davon
für den Erdeinsatz abgezogen, so daß nur ganze zwei
Geschwader zur Verteidigung des „Reiches“ und damit
der deutschen Zivilbevölkerung übrigblieben. Dazu
kam, daß der deutschen Luftwaffe im Gegensatz zu den
amerikanischen und britischen Luftstreitkräften keine
viermotorigen Bomber – wie die ab 1942 einsatzbereite und
auch bei den Dürener Geschehnissen die Hauptangriffslast
tragende „Lancaster“ – verfügbar waren
und sie darüberhinaus weder eine dem britischen
„Bomber Command“ analoge zentrale Organisation zur
Führung der Luftangriffsverbände noch eine dem
ebenfalls britischen „Fighter Command“
(Jagdfliegerkommando) vergleichbare unabhängige und die
Tagjagdverbände koordinierende Institution besaß;
vielmehr blieben die deutschen Jagdfliegerverbände sogar
bis weit in den Krieg hinein der Flak unterstellt! So
läßt sich denn konstatieren, daß –
obwohl ‘die Leistungsfähigkeit der deutschen
Luftwaffe zu Anfang des Krieges unbegrenzt schien’
– aufgrund der genannten Versäumnisse und auch wegen
der schon 1939 festzustellenden Engpässe in der
Treibstoffversorgung die Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg
„bei weitem überfordert“ gewesen ist.
Aber auch die andere Seite in Gestalt von
RAF und U.S.A.F. hatte bis weit in den Krieg hinein mit
technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, und die 1935
ausgesprochene, apokalyptisch anmutende Schätzung des
britischen Militärtheoretikers Liddel Hart, der für
die erste Kriegswoche 200000 britische zivile Luftkriegsopfer
prognostiziert hatte, blieb zumindest für die alliierte
Zivilbevölkerung jetzt und auch späterhin Makulatur.
Gravierendstes Manko war zunächst das Fehlen brauchbarer
Navigationsmittel, weshalb die vorerst favorisierten
„Präszisionsangriffe“ auf deutsche
militärische und industrielle Einrichtungen überhaupt
nicht präzise waren. Dazu bargen die zunächst nur
selten geflogenen „area bombings“ – die erste
dieser „Flächenbombardierungen“ traf am 16.
Dezember 1940 als Vergeltung für die deutschen
Luftangriffe auf Coventry und Southampton vom 14./15. November
(mithin fast auf den Tag genau vier Jahre vor der Dürener
und Jülicher Tragödie!) Mannheim – oftmals ein
schon fast als komisch zu bezeichnendes Element, so
beispielsweise ein nächtlicher „Angriff“ der
RAF auf Berlin am 25./26. August 1940, bei dem sich von den 81
gestarteten Maschinen 20 in Stuttgart-Untertürkheim
wiederfanden. Ebenso grotesk verlief ein am 1. Oktober
desselben Jahres gestarteter Angriff mit der Zielvorgabe
Karlsruhe/Stuttgart, in dessen Verlauf letztendlich Bomben
über 27(!) verschiedenen deutschen Städten von Aachen
bis Chemnitz und wohl noch mehr über freiem Feld
abgeworfen wurden. Im Herbst 1941 stellte die RAF anhand von
Nachtaufnahmen von „Präzisions“-Angriffen auf
das Ruhrgebiet fest, daß „(...) not one bomb in ten
fell within five miles of its target“, daß also
noch nicht einmal zehn Prozent der abgeworfenen Bomben
wenigstens im Umkreis von circa acht Kilometern im Zielgebiet
heruntergekommen waren, und am 9. November 1943 trug Joseph
Goebbels folgende Zeilen in sein Tagebuch ein: „Geplant
war offenbar ein Angriff auf Düren[!]; fast sämtliche
Bomben wurden aber auf freies Feld in der Umgebung
geworfen.“ Nicht zuletzt von daher hatte sich der
wissenschaftliche Berater von Winston Churchill in technischen
Fragen für eine systematische Zerstörung aller 58
deutschen Großstädte mit über 100000 Einwohnern
(nach dem Stand von 1939) ausgesprochen und in einer
„wissenschaftlichen“ Analyse den Terminus des
„dehousing“ („Enthausung“)
geprägt. Demnach sollten 22 Millionen Deutsche ihrer
Wohnungen durch Bombardierungen derselben verlustig gehen, was
die Kriegs-Moral der deutschen Bevölkerung entscheidend
schwächen sollte: Es mag an dieser Stelle bereits
vorweggenommen werden, daß der am 22. Februar 1942 zum
Chef des „Bomber Command“ der RAF ernannte
nachmalige Sir Arthur Harris bis zum bitteren Ende an dieser
‘ebenso unmenschlichen wie für die Entscheidung des
Krieges unwirksamen strategischen Konzeption’
festgehalten hat, und als Harris’ Vorgesetzte ihn im
Herbst 1944 wiederholt an die Priorität der
Zielbombardierungen auf die deutschen Treibstoffwerke
erinnerten, antwortete dieser, daß er bereits 45 der 58
deutschen Städte zerstört habe und frug dreist:
„Are we now to abandon this task [sic] just as it nears
completion?“ Im gleichen Kontext wies er noch darauf hin,
daß nach seiner „Methode“ der Krieg eher zu
Ende gebracht werden könnte als durch den Einsatz der
Landstreitkräfte. Es war jedenfalls kein Zufall, daß
die Ernennung Harris’ – von dessen Person im
letzten Abschnitt dieser Studie noch einmal die Rede sein wird
– und der Erlaß der „Directive No 22“
vom 14. Februar 1942 fast zeitgleich über die Bühne
gingen, bedeutete letztere doch den eigentlichen Start des
„strategic bombing“; konkret bedeutete diese
Direktive den Befehl des Luft(kriegs)ministeriums an das
„Bomber Command“, nun endgültig und ohne
Einschränkungen Flächenbombardierungen zum Zwecke der
Demoralisierung der deutschen Zivilbevölkerung zu
initiieren. Weitaus erschreckender als diese
menschenverachtende, in Casablanca bei der Zusammenkunft
Churchills mit dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt zu
Anfang des Jahres 1943 au fond bestätigte „Directive
No 22“ mutet eine Note vom 3. November 1942 an, in der
die Auswirkungen der anglo-amerikanischen Bomberoffensive gegen
Deutschland abzuschätzen versucht wurden: Dabei ging man
davon aus, daß bis Ende 1944 durch die Zerstörung
von sechs Millionen Wohnungen 25 Millionen Deutsche obdachlos
gebombt werden könnten und man mit etwa 900.000 zivilen
Todesopfern und einer Million Schwerverletzter rechnen
müsse! Zu der in der Tat diskussionswürdigen
(Kriegs-)Moralität einer solchen Haltung gaben zahlreiche
militärtechnische Verbesserungen den alliierten
Luftstreitkräften ab 1942/43 in Gestalt der Radar- und
Navigationssysteme „Gee“, „Oboe“,
„H2S“ und „G-H“ und weiterhin
verbesserter Flugzeuge – so neben den schon genannten
schweren Langstreckenbombern auch und besonders der
amerikanische Langstreckenjäger P-51 „Mustang“
– dann die Mittel in die Hand, die Städte- und
Industrieanlagenzerstörungen in Deutschland zu
perfektionieren. Eines der ersten Opfer dieser in
phänomenaler Weiterentwicklung befindlichen alliierten
„Kriegskunst“ war die Stadt Köln, die in der
Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 den berüchtigten
„1000-Bomber-Angriff“ über sich ergehen lassen
mußte: Hatte man bei den bis dahin geflogenen 107(!)
Angriffen auf Köln jeweils nur etwa 40 Bomber eingesetzt,
so waren es in jener Nacht in der Tat über eintausend
Flugzeuge, die in 90 Minuten 1500 Tonnen Bomben abwarfen und
damit 3300 Häuser und 13010 Wohnungen zerstörten, was
circa 45000 Menschen obdachlos machte und 469 Menschen
tötete. Entscheidend aber waren die Auswirkungen auf die
Kriegsmoral beider Seiten: Während die Alliierten nun
überzeugter denn je waren, daß die Bomberwaffe
kriegsentscheidend sein könnte und „Bomber“
Harris’ Ansehen innerhalb der Truppe und auch bei
Churchill gewaltig stieg, herrschte auf deutscher Seite eisiges
Entsetzen und vor allem Ungläubigkeit; so wollte
Göring die Fakten einfach nicht wahrhaben:
„Unmöglich, soviel Bomben können gar nicht in
einer Nacht abgeworfen worden sein.“ Zunächst war
man auf deutscher Seite von 70 bis 80 Bombern ausgegangen und
hatte den Abschuß von 37 alliierten Maschinen als Erfolg
gefeiert, weil man sich wie Reichsmarschall Göring einfach
nicht vorstellen konnte (und wollte?), wie die Alliierten den
Start von über 1000 Flugzeugen technisch überhaupt
bewältigt hatten – die Analogie zu den Ereignissen
im Zusammenhang mit der Berlin-Blockade 1948 ist geradezu
frappant.
Und doch war dies alles erst der Anfang des
(Bombenkriegs-)Schreckens. Hatte man in diesem Jahr 1942 etwa
400000 Tonnen Bomben über Deutschland abgeworfen, so waren
es 1944 etwa 650000 Tonnen und in den ersten vier Monaten des
Jahres 1945 noch einmal eine halbe Million; anders
ausgedrückt gingen 72% der alliierten Bombentonnage nach
dem 1. Januar 1944 auf Deutschland nieder, und innerhalb der
letzten drei Monate des Jahres 1944 – mithin also
inklusive der Abwurfmenge des Düren-Jülicher 16.
November – gingen mehr Bomben auf deutsche Wohngebiete
nieder als während des gesamten Jahres 1943. Geht man also
von etwa 120000 Tonnen für das letzte Viertel des Jahres
1944 aus, dann wären dies monatlich 40000 Tonnen gewesen,
was wiederum bedeutet, daß die am 16. November 1944 auf
Düren abgeworfenen 2700 Tonnen Bomben nur 6,75% der
monatlichen Abwurfmenge ausgemacht haben!
Am 10. und 11. November wohl wegen des
ungünstigen Wetters, welches einen Start der Bomber von
ihren britischen Flugbasen aus verhinderte, wiederum
verschoben, wurde erst am 16. November 1944 eine halbe Stunde
nach Mitternacht der Angriffstermin der RAF auf 14.45 Uhr
festgelegt, jedoch um 10 Uhr vormittags nochmals um eine
Dreiviertelstunde auf 15.30 Uhr verlegt, wobei die vom 5.
Oktober und 7. November datierenden Vorgaben wie folgt gelautet
hatten: „9th Air Force request assistance in destroying
two towns, Düren WF 1200460, and Jülich WF 035590, as
preliminary to forthcoming offensive by first and ninth armies
(...) Attacks acceptable any time between night of 7/8th
November and 9/10th November (...) The attack is to take place
between 11 November und 16 November (...) It is desirable for
the attack to be completed as early as possible (...) desired
results: (...) Destruction of buildings with their contents and
defences plus blocking of roads and intersections.“
Am Morgen des 16. November 1944 –
einem Donnerstag – rückten Heeres- und
Panzerverbände der 1. und 9. US-Armee (und im Raum
Geilenkirchen die 2. britische Armee) unter starkem
Artilleriefeuer in Richtung auf die Rur vor, um in die
niederrheinische und kölnische Tiefebene vorstoßen
zu können. Zunächst war es ein trüber und
verhangener Morgen gewesen, der jedoch alsbald aufklarte und
sich (unglücklicherweise) zu einem „wolkenlosen,
strahlenden Spätherbsttag“ entwickeln sollte. Gegen
8.30 Uhr heulten in Düren erstmals die Sirenen, was sich
bis Mittag noch etwa drei- oder viermal wiederholen sollte.
Gegen 10.30 Uhr setzte dann ein verstärktes
Artilleriefeuer – an das man seit Mitte September 1944
zumindest in kleinerem Ausmaße gewöhnt war –
ein, was den bei der (in der Ostdürener Riemann-Kaserne
untergebrachten) Feuerwehr-HJ diensttuenden
sechzehnjährigen Hans Iven bis gegen 14 Uhr daran
hinderte, in der Kämergasse der Dürener Innenstadt
das hier in einer Gemeinschaftsküche der NSV zubereitete
Mittagessen abzuholen. Zwar erinnert sich der seit dem Morgen
mitten in Düren weilende Peter Viehöver lediglich an
ein „sporadisches Granatfeuer aus Richtung Westen“,
das aber angesichts der zwischen 11 Uhr und 13 Uhr von etwa
1200 schweren Bombern der 8. US-Luftflotte über die
deutschen Stellungen in Eschweiler, Langerwehe, Weisweiler und
Dürwiss abgeworfenen 4000 Tonnen Splitterbomben gar nicht
so „sporadisch“ gewesen sein dürfte, wie der
in Düren-Rölsdorf (diesen Bombardements näher)
wohnende Ernst Neumann-Neander in seinem Tagebuch festhielt:
„Generalangriff auf die deutschen Stellungen hier bei
ziemlich guter Sicht. Seit zwei Stunden dröhnt und bebt
das Haus, der Himmel ist kreuz und quer mit weißen
Nebelsignalen durchfurcht. Granatbeschuß auf die
Ortsstraßen [von Rölsdorf], einige Dutzend
‘Bombenteppiche’ [sic] gingen auf die deutschen
Stellungen der Umgebung nieder.“
Um die Mittagszeit müssen denn auch
die 1188 vier- und zweimotorigen Bomber vom Typ
„Lancaster“, „Halifax“ und
„Mosquito“ zusammen mit 250 Langstreckenjägern
Modell „Mustang“ und „Spitfire“ mit
ihren 8300 Mann Besatzung von den englischen RAF-Basen
aufgestiegen sein, wobei der auf Düren fliegende Verband
1, bestehend aus der 1. , 5. und 8. Bombardment-Group mit
zusammen 485 „Lancaster“-Bombern und 13
„Mosquitoes“, von Bradwell aus abgehoben und
zusammen mit dem auf Jülich (von The Naze aus) gestarteten
Verband 2 gegen 14.30 Uhr das europäische Festland
erreicht hatte, um südlich an Lüttich vorbei dann in
Angriffshöhe von 8000 bis 15000 Fuß (=2700 bis 5000
Meter) auf Nordost-Kurs Richtung Düren/Jülich einzuschwenken:
„Morning proved to be cloudy and overcast – then
the heavens began to clear as the curtain of clouded tenseness
gave way to blotches of blue. By 11 A.M. broken clouds hovered
over the air force targets at heights of 1,000 to 1,500 feet
visibility was two miles through the hazy fog above that. Each
minute brought increasingly better weather (...).“ Etwa
um 15.25 Uhr setzten die „Pathfinder-Mosquitoes“
sehr genaue Angriffsmarkierungen – im Volksmund
„Christbäume“ genannt –, wobei die
Genauigkeit wohl darauf zurückzuführen war, daß
man dies in Großbritannien kurz zuvor noch einige Male
getestet hatte und die deutsche Flugabwehr rundweg versagte.
Dann kam der Schrecken. Der ehemalige
Dürener Bundestagsabgeordnete und nachmalige
Bundesbeauftragte für den Zivildienst, der damals
sechzehnjährige Hans Iven, befand sich zum Zeitpunkt des
Ausbruches des Infernos zusammen mit drei anderen
Feuerwehr-„Hitlerjungen“ auf der Bonner
Straße, von wo aus er über dem Neuen Wasserturm das
Aufleuchten eines „Christbaums“ sah, dem ein
dumpfes, furchteinflößendes Grollen folgte, welches
wiederum den unmittelbar darauf wahrzunehmenden Detonationen
– die sich durch ihre Zahl und Lautstärke wie eine
„Kettenreaktion von Knall“ anhörten –
voranging, während die nun explodierenden Spreng- und
Brandbomben den Eindruck vermittelten, als werde – was ja
auch de facto passierte – „brennender Phosphor
über die gesprengten Gebäude
ausgeschüttet“, und der Boden gut halbmeterhoch sich
wie in Wellenbewegungen auf- und absenkte. Jede Vorstellung von
Raum und Zeit war ausgelöscht, das Gefühl eher
starrer denn panischer Angst überwältigend:
„Man sah in die Hölle!“ Wenn es zutrifft,
daß am 16. November 1944 über Düren 2430 Tonnen
Spreng- und 276 Tonnen Brandbomben abgeworfen worden sind (man
war sich auf alliierter Seite längst über die
verheerende Wirkung der Brandbomben im klaren, weshalb zu
diesem Zeitpunkt des Krieges ein wesentlich höherer
Brandbombenanteil abgeworfen wurde als in den Jahren zuvor),
dann bestätigt dies den von Hans Iven geschilderten
Eindruck „ausgeschütteten Phosphors“:
„In der Regel fielen zunächst Luftminen, die durch
den erzeugten gewaltigen Luftdruck und Sog die Dächer im
weiten Umkreis abdeckten, die Fensterscheiben zerschmetterten
und somit das Brennbare der Häuser freilegten, sowie
schwere Sprengbomben, die die Häuser zum Einsturz brachten
und Wasserleitungen zerstörten. Dagegen sollten die
mittleren und kleineren Sprengbomben Panik verbreiten und die
Löschkräfte in den Kellern halten. Danach folgte der
Abwurf von schweren Flüssigkeitsbrandbomben, von
Stabbrandbomben in Kanistern und kleinen einzelnen Brandbomben
mit dem Ziel, Flächenbrände und Feuerstürme
auszulösen.“ Was die „Phosphorbomben“
– die realiter Flüssigkeitsbrandbomben mit einer
Benzin-Kautschuk-Lösung mit geringer Phosphorbeigabe waren
– so gefährlich machte, war die Tatsache, daß
sie die die eigentliche Zerstörung bewirkenden
„Feuerstürme“ verursachten; ganz nebenbei
machten die sich in blau-grauen Flammen manifestierenden
Brände den Boden so heiß, daß man
beispielsweise noch am 17. November in der Nähe der
Dürener Peschschule nicht stehenbleiben konnte, weil sich
der Phosphor durch Schuhe und Kleidung hindurchfraß! Im
Gegensatz zu Hamburg beispielsweise, wo bei der
„Operation Gomorrha“ Feuerstürme mit
Rauchwolken von 7000 Metern Höhe und Windgeschwindigkeiten
von 15 bis 16 Metern pro Sekunde bewirkten, daß Kinder
aus den Händen ihrer Eltern gerissen und in‘s Feuer
gewirbelt wurden – so konnte auch für Jülich
ein „orkanartiger Sturm“ in einzelnen Stadtbezirken
beobachtet werden – ist dieses physikalisch bedingte
Phänomen in Düren nicht zu solcher Wirksamkeit
gelangt, wenngleich auch hier ähnliche Dinge beobachtet
worden sind: „Ich laufe wie irre durch die schwelende
Glut (...) Ich stehe am Rande eines großen Bombenkraters
im Freien (...) Ich wanke wie ein Trunkener durch die brennende
Stadt, aus der ich nicht herausfinde vor Anbruch des Tages. Ein
wütender Sturm hat sich aufgetan und schürt das Feuer
von neuem. Häuser stürzen in sich zusammen
(...).“
Anders als Hans Iven erlebten andere
Zeitzeugen das grausige Geschehen in geschlossenen
Gebäuden, was naturgemäß eine andere
Perspektive des „Erlebens“ (und oft auch des
„Ersterbens“) bedingte. Der Vossenacker
Kommunalpolitiker Baptist Palm lag zum Zeitpunkt des Angriffes
als an der Hürtgenwaldfront verwundeter Soldat im Lazarett
des an der Bismarckhöhe gelegenen „Annaheims“,
dessen Personal und Patienten nach Realisierung der
„Christbäume“ in den als Luftschutzraum
fungierenden Keller hasteten: „(...) jeden Augenblick
rechneten wir damit, daß alles über uns
zusammenstürzte und uns begrub. Stockdunkel war es. Die
ersten Bombeneinschläge hatten sofort das
Elektrizitätsnetz zerstört (...) Die starken Massen
[der Kellermauern] bewegten sich hin und her. Jeder dachte an
sein Ende. Das Beten, Bitten und Flehen zum Herrgott, das
angstvolle Schreien der vielen Schwerverwundeten (...), alles
das waren Minuten furchtbaren und nicht zu schildernden
Erlebens und Grauens.“ Wenn sich dann herausstellte,
daß das über dem jeweiligen (Luftschutz-)Keller
stehende Gebäude eingestürzt war und die Trümmer
jeglichen Zugang nach draußen verstellten, galt man als
„verschüttet“, was ein langes Warten auf den
Tod bedingen konnte: „Es ist wie ein Erwachen aus
schwerem Traum ... Die Möglichkeiten meines Todes ziehen
in grausigen Bildern an meinen Augen vorüber: bei
lebendigem Leib verbrennen, durch Gas ersticken, in
absickerndem Wasser ertrinken, oder wochenlang so liegen
müssen und verhungern – Mein Gott, mein Gott, warum
hast Du mich verlassen? In diesem Falle hatte Gott die hier
verschütteten Menschen nicht verlassen, da der dieses
Erlebnis schildernde Horst Schirmer zusammen mit zwei anderen
Männern einen Durchbruch zum Keller des Nachbarhauses
schlagen konnte, durch den man dann wohlbehalten in‘s
Freie gelangte. Ähnlich erging es Peter Viehöver, der
folgende Perspektive des Erlebens berichtete: Seit dem
Vormittag hatte sich Viehöver zusammen mit seiner Mutter
und seinen beiden jüngeren Schwestern bei der
Großmutter in deren Wohnung Ecke Wilhelmstraße/Kaiserplatz
aufgehalten, als „(...) die Sirenen auf einmal so
plötzlich und in einem ganz anderen, vorher nie
gehörten Ton losheulten, daß alle, ohne auch nur die
geringste Kleinigkeit mitzunehmen, in den Keller rasten. Schon
an der Kellertreppe vernahmen wir eine dermaßen laute
Explosion, daß meine Mutter mich entgeistert ansah und
frug: ‘Glaubst Du, jetzt greifen sie Düren
an?’ Im Keller versammelten sich etwa ein Dutzend Leute,
die dann ein Geräusch gleich einem gigantischen, nicht
endenwollenden Knall hörten, gefolgt von einem
Getöse, was uns zu der [richtigen] Schlußfolgerung
kommen ließ, daß nun das Haus über uns
eingestürzt sei.“ 166 Nun existierten
glücklicherweise (vom Luftschutzbund initiierte)
Durchgänge zu den Kellern der Nachbarhäuser, und da
der Treppenaufgang (und dadurch) Viehöver und seine
Begleiter eben „verschüttet“ waren, ging man
kurzerhand durch diese (nicht verschlossenen) Eisentüren
bis zu dem zwei Häuser weiter liegenden, nach hinten
gebauten Gebäude des Dürener
„Polizeipräsidiums“, welches nach innen
eingestürzt war und dessen Kellertreppe deshalb den Zugang
ins Freie ermöglichte. Oben angekommen – es
dürfte gegen 16.30 Uhr gewesen sein – herrschte ein
dichter Nebel aus Staub und Qualm, und umgestürzte
Bäume und gigantische Trümmerberge machten es
zunächst unmöglich, die Himmelsrichtung auch nur zu
erahnen; erst die Säulen der zertrümmerten
evangelischen Kirche waren ein Hinweis darauf, daß man
sich in der Schenkelstraße befand, von wo aus sie zur
Philippstraße und dann Richtung Birkesdorf zur
elterlichen Wohnung an der „Wackersmühle“
liefen, wo man gegen 17.30 Uhr wohlbehalten eintraf.
Walter Lentz, Jahrgang 1928, damals bei der
Feuerwehr-HJ und nach 1945 hauptamtlich bei der Dürener
Feuerwehr tätig, hielt sich zu Beginn des Angriffes in der
Goethestraße – mithin an der westlichen Peripherie
des (bevorstehenden) Infernos – auf. Er erinnert sich,
wie kurz vor Beginn der ersten Einschläge die Bomben
„wie Regen den Himmel verdüsternd“ zu Boden
fielen, und daß man durch den Luftdruck ihrer
unzähligen Einschläge etwa 20 Zentimeter vom Boden
auf- und abhüpfte. Lentz flüchtete sich in den
Steigerturm der in der Rurstraße gelegenen Feuerwehr,
wobei sich das gesamte Gebäude ebenfalls auf und ab
bewegte! Dieses ja auch von Hans Iven erlebte Phänomen
wird ebenso von dem damals siebenjährigen Gerd
Schlossmacher bestätigt, der sich zur Zeit des Angriffes
mit seinem Zwillingsbruder auf einer vor dem Elternhaus in
Düren-Gürzenich gelegenen Wiese befand, wo er sich
mit dem Bruder in kindlicher Naivität darüber
amüsierte, daß sie auf dem Weidengrund auf- und
abhüpften, wobei beide keinerlei Angst empfanden, auch
dann noch nicht, als sie den Turm der Annakirche
zusammenstürzen sahen. Daß man hingegen als
erwachsener Mensch angesichts eines solchen Bombardements ein
„Gefühl völliger Hilflosigkeit“
verspürte, bestätigt der damals 21jährige Edmund
Zalewski, der sich zum Zeitpunkt des Angriffes auf dem
Dürener Wirteltorplatz aufhielt und mit seinem Krad in
panischer, grenzenloser Angst die kaum bombardierte
Tivolistraße stadtauswärts fuhr.
Während die ihn begleitenden drei
anderen Hitlerjungen während des Infernos verschollen
gingen, überlebte Hans Iven „regelrecht
eingeschuttet“ auf dem Boden der Bonner Straße den
Angriff, lief, noch während Bomben fielen, wieder
zurück zur Riemann-Kaserne, wo er seinen Vorgesetzten und
Freund Paul Gollnest unverletzt vorfand, und mit ihm ging er
zurück in die brennende Stadt, getrieben von der Sorge um
Freunde und Verwandte. Zunächst suchte man das Schicksal
der in der Malteserstraße wohnenden Braut von Paul
Gollnest in Erfahrung zu bringen, die glücklicherweise
ebenfalls unverletzt geblieben war. Bei diesem damit
beginnenden Rundgang in und um das brennende Düren kam
Iven schon damals zu der durchaus einleuchtenden Vermutung,
daß das RAF-Bomber Command in Kenntnis alter Stadtkarten
von Düren gewesen sein muß, denn in nördlicher
Richtung war das Ecke Kuhgasse/Josef-Schregel-Straße
stehende „Parkhotel“ (und alle noch weiter
nördlich der Linie Arnoldsweilerstraße-Kuhgasse
stehenden Gebäude) ebenso unversehrt geblieben wie in
westlicher Richtung das Amtsgericht in der
August-Klotz-Straße, wobei auch das Finanzamt noch
unbeschädigt war und erst in der Nacht Feuer fing und
abbrannte. Im Osten bildete der Neue Wasserturm, der den
Angriff ebenfalls unbeschadet überstanden hatte (und erst
um die Jahreswende 1944/45 durch Artilleriebeschuß so
stark beschädigt wurde, daß er schließlich
doch abgebrochen werden mußte), die Grenze der
Zerstörungen, und die am südlichen Ende des alten
Düren stehenden Befestigungsmauern an der Bonner
Straße und Stürtzstraße existieren heute
noch!
Es muß gegen 18 Uhr gewesen sein, als
Iven und ein ihn begleitender Freund am Wirteltorplatz
Angehörigen der im völlig zerstörten
„Kaufhof“-Gebäude verschütteten Menschen
– größtenteils Frauen aus den umliegenden
Dörfern – bei der Bergung zu helfen versuchten, bei
welcher sich „Szenen schlimmster Hysterie“
abgespielt haben. Es waren dies im übrigen nur
„chaotische Rettungsversuche“, da von offizieller
Seite, sei es Stadt, Wehrmacht oder Feuerwehr – entgegen
der sonst doch immer wieder zu beobachtenden
Organisationsfähigkeit des nationalsozialistischen Staates
– niemand zur Stelle war: „Es wären viele
Menschen zu retten gewesen, wenn es organisierte
Rettungsaktionen gegeben hätte!“ Diese Feststellung
kann eigentlich nicht überraschen, da die oberste
NS-Führung kaum Wert auf die Rettung von Opfern des
Luftkrieges legte; schon der Erlaß vom 12. Oktober 1944,
der vorschrieb, „bei drohendem Feindeinbruch“ alle
wichtigen Akten zu vernichten, war allein deshalb
menschenverachtend, weil die schweren Bombenangriffe auf
Hamburg im Sommer 1943 gezeigt hatten, daß ohne
Personalakten die Versorgung der Zivilbevölkerung kaum zu
gewährleisten war. Daß dabei Hitler selbst der
schlimmste Menschenverachter war, beweist (neben vielen
anderen) ein Diktum des „Führers“ von Ende
November 1944, also zwei Wochen nach den Dürener
Geschehnissen: „Diese Fliegerangriffe können mich
nicht aufregen. Darüber lache ich nur [sic]. Je weniger
die Bevölkerung zu verlieren hat, um so fanatischer
kämpft sie (...) Gerade wer alles verloren hat, muß
alles gewinnen (...) Erst wenn die Menschen den Krieg vor der
Haustür haben, kämpfen sie fanatisch (...) Keine
Stadt wird dem Feind überlassen, bevor sie nicht ein
Trümmerhaufen ist.“ Diese Äußerung Hitlers
paßte nahtlos zu seinem Konzept der „Verbrannten
Erde“, demnach es keinem Deutschen erlaubt sein sollte,
die vom Gegner besetzten Gebiete zu bewohnen; wer trotzdem
blieb, sollte „(...) in einer Zivilisationswüste
vegetieren müssen“, wobei der Unterschied zur
Dürener „Zivilisationswüste“ darin
bestand, daß der „Strategie der Verbrannten
Erde“ zufolge die Deutschen den alliierten
Invasionsmächten die Arbeit der Zerstörung gleich
abnehmen sollten: „Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch
das deutsche Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf
die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten
Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil ist
es besser, selbst diese Dinge zu zerstören.“
Wirtelstraße/Ecke Hirschgasse lag das
Café Rey, in dessen Keller man von der
Wirtelstraße aus hineinschauen konnte, und was Hans Iven hier
sah, kam den erschreckendsten Visionen eines Pieter Breughel
d.J. gleich: Durch Brandbomben waren hier eingelagerte Briketts
zur Weißglut gebracht worden und hatten die im Keller
Schutz suchenden und in panischem Todeskampf verzweifelnden
Menschen zu nunmehr verkohlten, auf halbe Körperlänge
geschrumpften und ineinander verkrallten Skeletten
verglüht! Und Szenen dieser Art konnte man in der gesamten
Dürener Innenstadt noch tagelang beobachten:
„Unbeschreibliche Szenen spielten sich ab. Die zum
Einsammeln der Leichen und Leichenteile eingesetzten
Ostarbeiter ließen schon am ersten Tag ihre Arbeit im
Stich, weil eine Vielzahl von Leichen so grausam zugerichtet
war (.), daß es jede menschliche Vorstellungskraft
überstieg, und so blieben gewiß noch viele Leichen
unbeerdigt in den Trümmern liegen.“
An dieser ganz konkreten Grauenhaftigkeit
wird erst (in Ansätzen) nachvollziehbar, welches
Ausmaß an Schrecken der paraphrasierende Begriff
„moderner Luftkrieg“ eigentlich bedeutet, und es
ist schwer einsehbar, warum in anderen Schriften zur Geschichte
des Bombenkrieges Zeitzeugenberichte „(...) unter
Weglassung allzu schrecklicher Szenen und Beschreibungen von
Verwundungen und Verstümmelungen“ wiedergegeben
sind. Nein, eine solche „Weglassung allzu schrecklicher
Szenen“ wird dem Leiden der nach hunderttausenden
zählenden Luftkriegsopfer nicht gerecht, was schon die
Anfang der sechziger Jahre vom Bundesminister für
Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte
herausgegebenen „Dokumente deutscher
Kriegsschäden“ berücksichtigten: „Dort,
wo das Kohlenoxyd wirksam gewesen war, saßen die [toten]
Menschen friedlich um den Tisch und lagen ebenso friedlich auf
den Luftschutzbetten. Dort, wo das Feuer in die
Luftschutzräume eingedrungen war, wurden verkohlte
Überreste, Knochen und Asche geborgen.“ Nach den
schweren Luftangriffen auf Hamburg sind an den Opfern
pathologisch-anatomische Untersuchungen durchgeführt
worden, die in detaillierten, grausig klingenden pathologischen
Beschreibungen zwischen „Kellerleichen“,
„Hitze-Schrumpfleichen“ und
„Bomben-Brand-Schrumpfleichen“ – um nur
einige zu nennen – differenzieren: „Leichen wie
Stümpfe bis auf einen Meter zusammengeschrumpft, schwarz,
mit ganz kleinem Kopf (...).“ Entsprechend stark und
überwältigend lag der Verwesungsgeruch noch tage- und
wochenlang in der Luft, so daß man Dresden beispielsweise
nach der „nox diabola“ vom 13. Februar 1945 nur mit
einer Gasmaske oder mindestens einem nassen Tuch vor Mund und
Nase betreten konnte, da ‘der süßliche,
penetrante Geruch Übelkeit und Erbrechen
erzeugte.’
Und doch, es hätte n o c h schlimmer
kommen können, hätte nicht eine mit dem 17. November
1944 beginnende 29tägige Schlechtwetterperiode die
Erfüllung des Wunsches der 9. US-Armee unmöglich
gemacht, einen erneuten Angriff auf die zerstörten
Städte zu fliegen! Wohl aus Frustration über das sich
bereits am 16. November 1944 abzeichnende Scheitern ihrer
Ruroffensive und den damit verbundenen „Stellungskrieg an
der Rur“ wollten sie die sich ihrer Ansicht nach in
Düren und Jülich schon wieder neu bildenden
Verteidigungstruppen ein zweites Mal zusammenbomben (lassen),
obwohl diese „Verteidigungstruppen“ wohl eher die
schon am 17. November rege zwischen den beiden Städten hin
und her fahrenden Verwundetentransporter und Sanitätswagen
gewesen sein dürften. Zwar errangen die amerikanischen
Bodentruppen bis zum offiziellen Ende der „Operation
Queen“ entlang der Linie Düren-Eschweiler noch
einige geringfügige und unbedeutende Erfolge, so daß
das VII. Korps der 1. US-Armee alles in allem etwa ein Dutzend
Dörfer erobert und die Front einige Kilometer nach vorne
(Osten) geschoben hatte, jedoch war man an anderen Abschnitten
der Front im wahrsten Sinne des Wortes keinen Schritt weiter
gekommen: „The Allied hope of destroying the German
armies west of the Rhine had once again failed of realization,
despite very heavy expenditure of men and material.“
Wieviele Todesopfer zeitigte der etwa
zwanzigminütige Bombenangriff vom 16. November 1944? Trotz
aller emsigen und gutgemeinten Versuche wird sich die Zahl wohl
nie genau eruieren lassen, was schon der Dürener Stadtrat
im Vorfeld der Einweihung des Mahnmals zum 16. November 1944 zu
Anfang der sechziger Jahre feststellte, da zumindest die Zahl
der damals in Düren befindlichen Soldaten, Fremdarbeiter
und Nichtdürener wahrscheinlich nie genau bestimmt werden
kann, denn selbst von den 420 beerdigten Toten(!) konnte die
Aachener und Wuppertaler Kriminalpolizei nur 167
identifizieren! Während für die – ja bereits
evakuierte – Stadt Jülich vom damaligen
NSDAP-Kreisleiter Josef Kessel wohl relativ zutreffend 300 Tote
angegeben worden sind, reichen die Schätzungen von
gewiß übertriebenen 13000 über 12000 bis 10000
Opfer bis hin zu 2000 Zivil- und 350 Wehrmachtstoten, wobei
eine allzu exakt anmutende Angabe von insgesamt 3127 Opfern
(darunter 2403 Dürener Bürger, 398 auswärtige
Zivilisten und 326 nicht identifizierbare Opfer) –
hierunter mindestens 217 Soldaten – ausgeht: die Wahrheit
dürfte wie so oft bei historischen
Widersprüchlichkeiten irgendwo in der Mitte liegen, so
daß man wohl realistischerweise 4000 bis 5000
Luftkriegstote für den Dürener 16. November 1944 wird
annehmen können.
Als „Land des Todes“,
„Stadt der Toten“ und nicht zuletzt als „The
blackest area in Germany“ ist Düren nach dem Angriff
vom 16. November 1944 apostrophiert worden, Metaphern, die mehr
als zutreffend waren, denn an der Zahl der ehedem vorhandenen
Wohnungen gemessen, hatte Düren mit rund 99%(!) total oder
größtenteils zerstörter Wohnungen die
größten Verluste des Krieges erlitten: „Die
Industriestadt zwischen Köln und Aachen kann damit
den traurigen Ruhm beanspruchen, die am meisten zerstörte
deutsche Stadt des Zweiten Weltkrieges [kursiv vom Verfasser]
zu sein.“
Kein Zweifel, es war ein „Finis
Duriae“, also das Ende des (alten) Düren, standen
doch von 6431 Häusern noch ganze 13!, und „innerhalb
der mittelalterlichen Stadtmauern, über die Düren
erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jhdts. hinausgewachsen
war, wurden sämtliche Gebäude total zerstört, so
daß es in diesem Gebiet heute kein Gebäude gibt, das
vor 1945/46 gebaut worden ist.“ Zwar blieb in der
Nachbarstadt Jülich kein Haus unbeschädigt,
weshalb Jülich als zu 100%(!) vernichtet und am 19. April
1945 von der Zeitung „Die Welt“ mit einigem Recht
als Europas meist zerstörte Stadt deklariert werden
konnte, doch minderte hier die durch die glücklicherweise
rechtzeitig erfolgte Evakuierung bedingte weitaus niedrigere
Zahl von Todesopfern das Ausmaß der Katastrophe, die
Joseph Goebbels in seinem Tagebuch unter dem 8. März 1945
in immer noch propagandistischer Manier wie folgt beschrieb:
„Churchill hat zum ersten Male die Erfolge seines
Luftkrieges selbst in Augenschein genommen. Er war in
Jülich und hat (...) mit behaglicher Miene auf das
Trümmerfeld von Jülich hinuntergeschaut. Ein Ebenbild
Neros (...).“ Jedenfalls waren beide Städte im
wahrsten Sinne des Wortes zu „Steinwüsten“
geworden, deren Wiederaufbau noch im Frühjahr 1945
keineswegs feststand!
Es war in der Tat eine „area of
complete destruction“ innerhalb der alten Dürener
Stadtgrenzen, weshalb der Vorschlag, den „Pletzerturm“
als Mahnmal der zweimaligen Zerstörung von Düren 1543
und 1944 auszuweisen, durchaus opportun erscheint; ein
(weiteres) Mahnmal, welches für die Erinnerung an eine
abstruse (Kriegs-)Moral, die aus einem
(Glückwunsch-)Schreiben General Eisenhowers an
„Bomber“ Harris vom 6. März 1945 hervorgeht,
als vielleicht sogar notwendig deklariert werden kann:
„Ich bin von einem Besuch in der Gegend von Jülich,
Düren und Mönchengladbach zurückgekehrt. Auf
ihrem Vormarsch durch ein früher stark industrialisiertes
Gebiet des Rheinlandes stoßen die alliierten Armeen
überall auf schlagende Beweise der Wirksamkeit der
Bombardierungsfeldzüge (...) Eine Industriestadt nach der
anderen wurde systematisch zertrümmert. Unsere Artillerie
konnte zur Vervollständigung der Material-Zerstörung
kaum noch etwas hinzufügen. Da und dort sind gewisse Orte,
möglicherweise wegen ihrer relativen Bedeutungslosigkeit
als Industriezentren, verschont geblieben. Sie stellen einen
bemerkenswerten Gegensatz zu den Ruinen von Aachen, Jülich,
Düren, Köln und anderen Rheinlandstädten
dar (...) Wollen Sie allen Ihren Verbänden mitteilen,
daß die von ihnen gebrachten Opfer heute die Erringung
der Erfolge an allen Fronten erleichtern.“
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