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Deutschland im zweiten Weltkrieg, Band 6: Die Zerschlagung des Hitlerfaschismus und die Befreiung des deutschen Volkes (Juni 1944 bis zum 8. mai 1945), Köln, Pahl-Rugenstein 1985

3. Der Übergang zur Verteidigung am Westwall. Die Ardennenoffensive […]
3.1 Die Kämpfe an der Westgrenze Deutschlands
S. 108ff.: […] Entlang dem Rhein wurde ab 6. September eine Sperrlinie errichtet, und das vom OKH speziell in Marsch gesetzte Feldjägerkorps III blockierte alle Rheinübergänge. Ab 13. September verlegte das Feldjägerkorps III seine Sperrlinie weiter nach Westen; jenseits der Linie Nijkerk – Nijmegen – Venlo – Mönchengladbach – Jülich – Düren – Schleiden – St. Vith – Luxemburg – Saar und des Elsaß bis Basel durfte kein deutscher Soldat ohne Sondergenehmigung angetroffen werden. […] Unter Beteiligung von NSDAP-Funktionären, von Angehörigen der SS, SA, Polizei, des Zolls, NS-Führungsoffizieren und Feldgendarmen wurde im rückwärtigen Raum des OB West ein dichtes Netz gezogen, um die außer Kontrolle geratenen Teile des Westheeres militärisch und politisch wieder zu disziplinieren. Allein die SS-Einheiten des Höheren SS- und Polizeiführers West erschossen im Verlauf dieser Auffangaktion zwischen September und November 1944 108 flüchtende deutsche Soldaten. […]
Bereits am 7. September erschien auf Geheiß Hitlers im „Völkischen Beobachter“ ein Leitartikel, in dem es u.a. heißt: „Kein deutscher Halm soll den Feind nähren, kein deutscher Mund ihm Auskunft geben, keine deutsche Hand ihm Hilfe bieten. Jeden Steg soll er zerstört, jede Straße gesperrt vorfinden – nichts als Tod, Vernichtung und Haß wird ihm entgegentreten.“ […]
Die Aufklärungsabteilung des Alliierten Oberkommandos stellte Ende August fest: „Die deutsche Armee ist keine zusammenhängende Streitmacht mehr, sondern besteht nur noch aus versprengten, desorganisierten und sogar demoralisierten Gruppen, denen es an Waffen und Gerät mangelt.“ […] Der Chef der Operationsabteilung im britischen Kriegsministerium, General John Kennedy, notierte am 6. September: „Wenn wir im gleichen Tempo weitermachen wie in jüngster Zeit, müßten wir am 28. September in Berlin sein.“
[nach S. 112: Fotografien, „Die durch schwere Luftangriffe und Kämpfe im Aachener Raum zerstörte Stadt Düren, Dezember 1944“, „Deutsche Maschinengewehrstellung an der Rur, östlich von Aachen“]
Entspechend der Weisung Eisenhowers […] verfolgten die amerikanischen Armeen die deutschen Verbände auf breiter Front. Gegen 18.00 Uhr des 11. September drang die erste amerikanische Patrouille bei Stolzembourg auf deutsches Territorium vor. […] Am folgenden Tag [13.09.] brachen Verbände des VII. US-Korps südlich Aachen in die erste Stellungslinie des Westwalls, die sogenannte Scharnhorstlinie, ein. Weniger durch deutschen Widerstand als durch Straßensperren, schwieriges Gelände und deutsche Nachhuten behindert, kamen die Verbände der amerikanischen 1. Armee jedoch nur langsam voran. Der Hauptstoß erfolgte südlich von Aachen in Richtung Stolberg, um über Düren nach Köln durchzubrechen.
[Folgt Schilderung der mehrfachen Eroberung und Rückeroberung Aachens und des passiven, teilweise sogar aktiven Widerstands der Stadt- und Kreis-Aachener Bevölkerung gegen Evakuierung bzw. „Kampf bis zum letzten Mann“.]
Die faschistische Führung beabsichtigte, Aachen zum Symbol und zum Fanal des deutschen Widerstands, zu einem erneuten Stalingrad zu machen.
Doch um Aachen wurde gegen den Willen des größten Teils der Einwohner gekämpft. […]
Aachen war am Ausgang der Kämpfe zu 85 Prozent zerstört – ein Schicksal, das die faschistischen Machthaber nunmehr allen deutschen Städten bestimmt hatten. […]
Die Heeresgruppe B nutzte das zeitweilige Erstarren der äußeren Einschließungsfront im Raum Aachen zum Vorantreiben des Ausbaus der Hauptkampflinie im Raum Geilenkirchen – Jülich – Eschweiler – Düren, einem dichtbesiedelten hügligen Waldgelände, das von einem Gürtel von Fabriken und Zechen durchzogen war, die jeder Abwehrstellung besondere Stärke verliehen.
Die im Herbst viel Wasser führenden Flüsse Roer und Ir[=n]de, die überdies noch angestaut werden konnten, ware natürliche, schwer überwindbare Panzerhindernisse. […]
Der für den 5. November angesetzte Beginn der Offensive der 1. und 9. US-Armee verzögerte sich bis zum 16. November. […]
Der Hauptstoß sollte von der amerikanischen 1. und Teilen der 9. Armee geführt werden. Ihr Angriff wurde eingeleitet durch das schwerste taktische Luftbombardement des Krieges auf deutsche Stellungen von viermotorigen Bombenflugzeugen. 1191 Bomber der amerikanischen Luftflotte warfen 4120 t Bomben auf den Raum Eschweiler – Weisweiler ab, 1188 Bomber der RAF bombardierten mit 5640 t Bomben Düren, Jülich, Heinsberg. Neben Mittelstrecken- und Hunderten von Jagdbombern flogen über 1000 Jagdflugzeuge Luftunterstützung, denen sich lediglich vier deutsche Jagdflugzeuge stellten. Obwohl durch das Luftbombardement Jülich, Düren und Eschweiler total zerstört wurden, waren dessen Auswirkungen auf die deutsche Front unerheblich, wo sich bei den Divisionen die Verluste auf ein bis drei Prozent beliefen.
Am ersten Angriffstag wurde die Front nur drei bis vier Kilometer tief aufgerissen. Der Heeresgruppe B gelang es, den Zusammenhalt der Front zu wahren, wenn auch nur unter Rückgriff auf die bei der 5. Panzerarmee versammelten Reserven, die für die Dezemberoffensive aufgefrischt werden sollten. Sie erlitten schwere personelle und materielle Ausfälle, die bis Mitte Dezember nicht ersetzt werden konnten. Nunmehr entwickelten sich auf beiden Seiten zähe und erbitterte Infanteriegefechte, bei denen die amerikanischen Verbände nur meterweise vordrangen. Nach 31 Tagen waren die 1. und 9. Armee etwa zwölf Kilometer vorangekommen und hatten unter Verlust von etwa 28000 Mann am 16. Dezember die Roer bei Düren erreicht.


4. Luft- und Seekrieg im zweiten Halbjahr 1944.
4.1 Luftkrieg im Zeichen des Zusammenbruchs
S. 156ff.: […] In den Mittelpunkt des amerikanischen Tagesbombardements rückten im letzten Vierteljahr 1944 Verkehrsziele. Das Feldwirtschaftsamt im OKW mußte in einem ausführlichen Verkehrsbericht für den Monat Oktober eingestehen, daß sich die Eisenbahnverkehrslage „infolge der Luftangriffe krisenhaft“ zugespitzt habe. Als Schwerpunkte wurden erkannt: „1) Zerstörung des linksrheinischen Verkehrsnetzes, 2) Zerstörung der Rheinübergänge, 3) Abschnürung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets vom übrigen Reich, 4) Zerstörung wichtiger Verkehrsanlagen innerhalb des Industriegebiets, 5) Zerstörung einzelner wichtiger Knotenpunkte im übrigen Reichsgebiet.“
Wie der Luftwaffenführungsstab im Dezember 1944 urteilte, ging es den Alliierten in der hauptsache „um die Unterbindung des Nachschubverkehrs zur deutschen Westfront durch konzentrierte Angriffe gegen Knotenpunkte, Betriebsanlagen, Strecken und rollendes Material des westdeutschen Verkehrsnetzes (Schwerpunkt Köln - Frankfurt a. Main - Trier) und seiner Zulaufstrecken“. Daneben wurden zur Unterstützung der Landstreitkräfte Ölanlagen, Städte sowie Flugzeug- und Panzerbetriebe angegriffen. […]
Das britische Bomber Command war – wie die beiden strategischen amerikanischen Luftflotten – im Sommer vor allem zur Unterstützung der Landstreitkräfte in Frankreich eingesetzt. Es verfügte über 1100 einsatzbereite Bombenflugzeuge vom Typ Lancaster, Halifax, Stirling und Mosquito. […]
Im September 1944 verringerte sich – selbst für die Führung des Bomber Command überraschend – der Widerstand der deutschen Nachtluftverteidigung schlagartig. Bei zwölf Großangriffen auf elf Städte verloren die britischen Fernfliegerkräfte bei 3188 Einsätzen nur noch 69 Bombenflugzeuge (2,2 Prozent). Obgleich die Zahl der einsatzbereiten Nachtjäger von 418 im August auf 655 im September gestiegen war, am 17. November 905 Nachtjäger bereitstanden und schließlich im Dezember von 1355 Jägern 982 einsatzbereit waren, die sich in acht Front- und zwei Schulgeschwader gliederten, war die Kampfkraft der deutschen Nachtluftverteidigung gebrochen. Trotz wachsender Einsatzzahlen und einer im Vergleich zum ersten Halbjahr nur geringen Minderung der Flüge – 7035 im zweiten Halbjahr gegenüber 7751 im ersten – betrugen die britischen Verluste über Deutschland im letzten Vierteljahr 1944 nur noch 1,1 Prozent. Seit Juni ging das Bomber Command verstärkt auch zu Tagesangriffen über; dabei lagen ihre Verluste noch niedriger als bei Nacht.
Die nächtliche Luftschlacht über Deutschland hatte das Bomber Command damit endgültig zu seinen Gunsten entschieden, was in erster Linie den Operationen der alliierten Landstreitkräfte zu verdanken war. Im September hatte die deutsche Nachtluftverteidigung das Vorfeld ihres Verteidigungsraumes verloren, und damit brach das gesamte, jahrelang erprobte System der Früh- und Vorwarnung zusammen. […]
Das Bomber Command nutzte seine Überlegenheit aus, um im Herbst 1944 das Flächenbombardement in einem bisher nicht gekannten Ausmaß wieder aufzunehmen. Dies stand kaum im Zusammenhang mit militärischen Notwendigkeiten, sondern wurde allein von der Absicht diktiert, doch noch einen moralischen Zusammenbruch der Bevölkerung zu erzwingen. Zum anderen war das erneute Flächenbombardement Antwort auf den Fernwaffenbeschuß Londons durch die V1 seit Mitte Juni 1944.
Anfang Juli 1944 hatte der britische Premierminister Winston S. Churchill die alliierten Stabschefs aufgefordert, sich zu zwei militärischen Alternativplänen umgehend zu äußern, nämlich zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen gegen die Abschußrampen der V1 oder gegen deutsche Städte bzw. zur Bombardierung deutscher Kleinstädte als Vergeltung für den V-Waffen-Beschuß.
An Stelle der Verwendung chemischer Kampfstoffe plante die Führung der britischen Luftstreitkräfte ab 17. Juli 1944, die Innenstadt Berlins durch mehrere tausend englische und amerikanische schwere Bomber völlig zu vernichten. Der Plan „Thunderclap“ („Donnerschlag“) sah vor, in einem viertägigen Bombardement 110000 Berliner zu töten […]. Die britische Führung versprach sich davon nicht nur einen moralischen Zusammenbruch in Deutschland, sondern – angesichts der Vorgänge des 20. Juli 1944 – auch eine wachsende Bereitschaft der politischen und militärischen deutschen Führung zur Kapitulation. […] Das für September geplante Unternehmen mußte jedoch wegen des Verlaufs der Kampfhandlungen an der Westfront aufgegeben werden.
Das Bomber Command warf zwischen Oktober und Dezember 1944 eine Bombenlast über Deutschland ab, die größer war als die während des gesamten Jahres 1943. Nach britischen Angaben wurden 53 Prozent der 163000 t Bomben bei Flächenangriffen, 14 Prozent bei Angriffen auf Ölanlagen, 15 Prozent auf verschiedene Verkehrsziele, 13 Prozent zur Unterstützung der Land- und fünf Prozent zur Unterstützung der Seestreitkräfte abgeworfen.
Durch die verheerenden Luftangriffe schnellten die Bevölkerungsverluste empor, und das letzte Quartal 1944 wurde zur bis dahin mörderischsten Phase des Luftkrieges. […]

Auswirkungen des Luftkrieges auf die deutsche Bevölkerung
Der westalliierte Fernluftkrieg gegen das deutsche Hinterland wurde 1944 wesentlich ausgeweitet und stellte alle Anstrengungen der westlichen Partner der Antihitlerkoalition in den vergangenen Jahren weit in den Schatten. Erstmals wirkte sich der westalliierte Luftkrieg strategisch auf die deutsche Kriegswirtschaft aus, insbesondere auf die Treibstoffindustrie und das Verkehrs- und Transportsystem. 1944 wurden von den westalliierten Fernfliegern rund 1,2 Millionen t Bomben hinter der Frontlinie abgeworfen, davon etwa 600000 t auf Deutschland. Fast 60 Prozent aller während des Krieges abgeworfenen Bomben entfallen auf das Jahr 1944. Diese Bombenlast war damit fast viermal so groß wie die von 1939 bis 1943.
Die westalliierten Luftangriffe trafen mit größter Wucht die Großstädte, die vor allem durch Flächenangriffe, aber auch durch das Bombardement von Verkehrsanlagen und Rüstungswerken schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der vom faschistischen deutschen Imperialismus entfesselte Luftkrieg schlug 1944 unbarmherzig auf das deutsche Volk zurück.
Dies fand seinen Ausdruck besonders in der Höhe der Menschenverluste des Luftkrieges 1944. Nach Behördenberechnungen hatte dieser vom 1. September 1939 bis zum 31. Dezember 1943 in Deutschland etwa 110000 Menschen das Leben gekostet, vom 1. Januar bis 31. Dezember 1944 zwischen 100000 und 120000. […]
In gleicher Weise schnellten die Schäden an Wohnraum empor. Bis zum 31. Dezember 1943 waren rund 196000 Häuser total zerstört und 179000 schwer beschädigt worden. 1944 wurden weitere 190000 Häuser zerstört und 170000 schwer beschädigt.
Die Auswqirkungen des Luftkriegs waren zwiespältig: Einerseits gelangten infolge der Zerstörungen und Verluste immer größere Kreise des deutschen Volkes – in zwar unterschiedlichem Ausmaß – zu der Einsicht, daß der Krieg militärisch verloren und die Luftwaffe bereits besiegt worden sei. Das Tages- und Nachtbombrdement nahmen, wie der SD im Juli meldete, die meisten resigniert „als unabänderliche Tatsache“ hin: „Die Luftüberlegenheit der Gegner wird ohne Diskussion akzeptiert. An einem Aufholen in der Luft durch gesteigerte Produktion wird gezweifelt.“
Hilflosigkeit und Ohnmacht, Resignation, Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit, verbunden mit wachsender Nervosität und Unruhe, waren daher Folgen der ununterbrochenen Bombardements. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hatte sich im Sommer 1944 mit den Realitäten des Luftkrieges abgefunden und ihre Lebensweise den Bedingungen zerbombter, teilweise unbewohnbarer Großstädte angepaßt. „So schwer solche Terrorangriffe auch jetzt noch sein mögen“, heißt es in einem anderen SD-Bericht, „so haben sie an moralischer Wirkung auf weite Kreise der Bevölkerung erheblich verloren.“
Unter den Bedingungen des verschärften Luftbombardements in den letzten Monaten 1944 traten neben Fatalismus und Lethargie zwei weitere Tendenzen in der Stimmung deutlicher hervor. Die eine erläuterte der Oberstaatsanwalt in Darmstadt am 1. Dezember 1944 folgendermaßen: „Es gibt nur eine Frage, um die sich alles dreht, wann eine Wendung im Luftkrieg eintrete, während alle sonstigen Belastungen und Opfer des Krieges gegenüber dem Bombenterror zurücktreten. … Unverkennbar ist dabei, daß durch den Luftterror ein gesteigerter Haß gegen den Feind hervorgerufen wird, der den Widerstandswillen und die Einsatzbereitschaft nur noch stärken kann.“ Und die faschistische Propaganda nutzte die militärisch nicht zwingend notwendige Verschärfung des Flächenbombardements, um Haßgefühle gegen die westlichen Partner der Antihitlerkoalition zu schüren.
Andererseits schärfte sich unter dem Druck des Luftkrieges das kritische Bewußtsein vieler Deutscher gegenüber den Realitäten des Krieges. So meinte der Generalstaatsanwalt Frankfurt am Main Ende September in einem Bericht: „Vor allem haben die nervenaufreibenden Alarme bei Tag und bei Nacht, Bombenabwürfe und Tieffliegertätigkeit zeitweilige Reizzustände hervorgerufen, die sich bei einzelnen Volksgenossen auch in abfälligen Äußerungen auswirkten. Jedenfalls ist eine Zunahme der Verfahren gegen das Heimtückegesetz festzustellen.“
Besonders demoralisierend wirkten sich die Bombenangriffe stets dann aus, wenn Luftschutzbauten fehlten oder nur unzureichend waren. Die Verknappung an luftschutzsicheren Unterbringungsräumen ergab sich 1944 aus dem generellen Mangel an Baukapazitäten und dem seit Anfang 1944 von Reichsinnenminister Heinrich Himmler gesteuerten Kurs, Umquartierungen in nicht so luftkriegsgefährdete Gebiete auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken. Ausweichunterkünfte waren 1944 nur noch beschränkt vorhanden, und die Aufnahmekapazitäten der ländlichen Gebiete waren zum Teil bereits erschöpft. „Zu großzügig betriebene Umquartierungen“, heißt es im Februar in einer Weisung Himmlers, „führen zu Produktionsausfällen, zu unerwünschten Wandererscheinungen innerhalb des Heimatgebietes und zur Schwächung des Luftschutzes und des Abwehrkampfes der Bevölkerung.“
Die Möglichkeiten des Regimes Ende 1944 für einen Bevölkerungsschutz vor allem durch Evakuieren waren noch weiter beschnitten worden, da der Luftkrieg den größten Teil des Landes erfaßt hatte. Ebenso war durch die im Gefolge des Rückzuges in Gang gesetzten Umsiedlungen der Bevölkerung ganzer Landstriche die Aufnahmefähigkeit der verbliebenen Gebiete restlos erschöpft. Besonders für die in den Großstädten verbliebene Bevölkerung stellte sich nunmehr die Frage nach bombensicheren Unterkünften in größerer Dringlichkeit als je zuvor. Ähnlich wie in München km es 1944 offensichtlich in einer Reihe anderer deutscher Städte zu einer mehr oder minder offenen Konfrontation zwischen Dienststellen der NSDAp, die durch die Übernahme des Reichsluftschutzbundes am 25. Juli 1944 zunehmend alle Verantwortlichkeiten im Luftschutz an sich gezogen hatten, und der schutzsuchenden Bevölkerung. Anlaß dazu gab auch ein sogenannter Bunkererlaß des Reihsluftfahrtministeriums vom Mai 1944, der die Benutzung luftschutzsicherer Einrichtungen bestimmten Personengruppen vorbehielt. Bunkerkarten wurden ausgegeben und das Befolge diese Anordnungen durch Polizeimaßnahmen erzwungen. Wie die Reaktion z.B. der Rostocker Bevölkerung zeigte, wurde dieser Erlaß vor allem als eine Bevorzugung von Nazifunktionären angesehen, der nach Meinung des SD „ungeheuren Staub“ aufwirbelte und „Erbitterung“ gegen die NSDAP hervorrief.
Im Gegensatz zu den beträchtlichen Anstrengungen beim Wiederaufbau der Hydrierwerke oder beim Aufrechterhalten des Verkehrssystems gerieten die Aufwendungen für den Bevölkerungsschutz ins Hintertreffen, ein Symptom dafür, daß die faschistische Partei und ihre Gliederungen im Laufe des Jahres 1944 kaum noch ihren Aufgaben gerecht werden konnten, die moralischen Auswirkungen des Luftkrieges abzufangen.