|
|
||||
![]() |
|
|||
|
|
|
|||
|
|
||||
|
|
|
|||
|
|
||||
|
|
||||
|
Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im
Bombenkrieg 1940-1945, München,
Propyläen, 10. Aufl. 2002
S. 141ff.: Als
Courtney Hodges sein VII. Corps nach Würselen befahl, traf
er auch Vorsorge für seinen rechten Flügel. Da war
der Hürtgenwald, ein knapp zwanzig Quadratkilometer
großes Dreieck zwischen Eschweiler, Düren und
Schmidt. Schmidt ist ein Dorf oberhalb der Stauseen von
Schwammenauel und der Urft. Wer Schmidt hat, hat die Stauseen,
wer die Stauseen nicht hat, kann mit dem Hürtgenwald
militärisch nichts anfangen. Das hatten Hodges, sein Chef
Bradley und dessen Chef Eisenhower übersehen, die
Deutschen nicht. Rechts vom Hürtgenwald fließt die
Rur, die überqueren muß, wer vom Westen zum Rhein
will. Flutet der Verteidiger danach die Staudämme, ist der
Eindringling zwischen Rur und Rhein gefangen, denn das Wasser
stürzt von den Seen die Rur hinab und überschwemmt
die Nachschubwege. Der Angreifer verfährt sein Benzin,
verschießt seine Munition, dann wird er abgeschlachtet.
Aber so ist es nicht gekommen. Denn
spätestens bei einem der blutigsten Gefechte einer
US-Division im Zweiten Weltkrieg, dem von Schmidt, gewahrte
Hodges, daß der Gegner mit einem Hintersinn die Ortschaft
nicht lassen wollte. Solange der die Dämme mit ihrer 100
Millionen Kubikmeter Füllung kontrollierte, kam die ganze
1. US-Armee nicht über die Rur. Als die Erkenntnis
dämmerte, waren im Hürtgenwald so viele Soldaten
gefallen, verletzt und erschöpft, daß die Kraft
nicht mehr ausreicht, Schmidt einzunehmen, zumal der Winter
eintrat und Hitlers Gegenoffensive. All das trug sich im
Oktober und November [1944] zu und ist, aus der Warte zweier
Rurstädtchen, Düren und Jülich, die unsinnige
Kulisse ihres Unterganges.
Der Hürtgenwald ist düster,
unwegsam, naß und nicht panzergängig. Die Tannen
messen hier zwanzig, dreißg Meter, verschlingen ihre
unteren Äste in Mannshöhe, Bäche und
Tümpel, Schluchten und Kämme teilen das Gelände,
der Oktober läßt das Wasser schwellen, es sickert
durch den Morast und tropft von dem Nadeldach. Die Deutschen
bewegten sich sicher im Gelände, hatten es dicht vermint
und lauerten an allen Sichtpunkten. Sie fanden keine rechte
Erklärung, was der Gegner hier suchte, wo er sich so
kraß in Nachteil setzte.
Hodges und Collins, der Kommandeur des
XXVIII. Corps, hatten im Ersten Weltkrieg in der weiteren
Umgebung gedient, im Argonner Wald. Hodges als Kommandeur einer
MG-Kompanie, der sich im Sterben auskennt. der Stellungskrieg
schreckte beide nicht weiter; sie hielten sich von der
Kampflinie fern und muteten knochig den Zwanzigjährigen
zu, sich für die Säuberung dieser Einöde von den
Deutschen hinzugeben. Das hatten sie auch einmal riskiert. Die
Aachen-Operation, um derentwillen dies vonnöten war,
löste sich in die Hürtgenwaldschlacht auf, wo die
Deutschen so rüstig waren, daß man sie hier
festzunageln und aufzureiben gedachte. Dennoch bildete Hodges
keinen Angriffsschwerpunkt, sondern pumpte bis Mitte November,
der schütteren Logistik wegen, unwirsch Ersatz für
die Ausgefallenen in die Gefechte, die ewig unentschieden
blieben.
Schmidt, das Niemandsland geworden war,
wechselte von einer Hand in die andere. Eigentlich waren es nur
vier Straßen, die sich an einem Punkt schnitten, das war
die Dorfmitte. Tags patroullierten die Amerikaner die leeren
Häuser, nachts die Deutschen. Da diese die
Außenpfade des Hürtgenwaldes kontrollierten, konnten
sie ihre Kräfte geschmeidig verlagern. So fügten sie
dem XXVIII. Corps in Schmidt und seinen nördlichen
Zugängen Vossenack und Kommerscheid 6184 Mann Verluste zu.
Was sagt die Zahl von den Szenen der Panik,
der dauerfurcht vor den Tretminen, die oberhalb des Knies das
Bein abrissen, von den Infanteristen, in schlammige
Schützenlöcher tauchend, Tag um Tag dem Granatdonner
ausgesetzt, bis sie schluchzten wie Kinder und, gelähmt,
zum Essen angehalten wurden. „Es war der traurigste
Anblick, der mir je untergekommen ist“, berichtet
Lieutenant J. Condon über das Gefecht an der
Kommerscheider Höhe vom 6. November. „Von Osten
kamen die Männer die Straße hinabgerannt,
stießen und drängelten, warfen ihre
Ausrüstungen fort, versuchten die
Artillerieeinschläge und einander zu überholen.
Einige im Schockzustand, andere halfen den Leichtverwundeten
mitzurennen. Viele Schwerverwundete, wahrscheinlich von der
Artillerie getroffen, lagen auf der Straße, da wo sie
gefallen waren, und brüllten um Hilfe. Es war ein
herzzerreißendes und demoralisierendes Bild.“
Man hatte die Deutschen auf den Fersen, nur
nicht im Visier. An den dämmrig werdenden Tagen befanden
sie sich stets in einem Schwaden an ständig derselben
Stelle, im Rücken. Unter solchen Umständen wurde der
Ausbruch beschlossen, heraus aus dem Wald zur Rur, wohl
wissend, daß man das Westufer nicht erreichte. Hodges
hatte die Briten gebeten, die Dämme aus der Luft zu
sprengen. Seit der Möhnetalsperre galt Bomber Command als
Spezialist in dieser Disziplin, an der Schelde hatte man
jüngst die Deiche des Eilandes Walcheren gespalten und es
glatt unter Wasser gesetzt. Nur im Nebel des Hürtgenwaldes
war alle Kunst vergebens.
Das Versäumnis, die Talsperren in
konzentriertem Angriff entweder zu erobern oder zu sprengen,
wurde nach der Aachen-Schlacht zum nächsten Fluch. Mit
einer gefluteten Rur wären nämlich die Deutschen vom
Nachschub getrennt, mit intakt eroberten Dämmen wiederum
die ganze Schlacht überflüssig gewesen. Die Deutschen
ließen sich ja nur darauf ein, weil sie den Gegner hier
in der Falle hatten. So blieb auch dieser Einmarschversuch
stecken. Statt dessen ballte sich die Entschlossenheit, dies
widersetzliche Land aus der Luft nochmals zu maßregeln,
daß es die Okkupation duldete.
Hodges hatte mit der neugebildeten 9. Armee
unter Lt. General Simpson einen Nebenmann erhalten. Beide waren
im Frühjahr noch zu hohen Waffentaten berufen, der Beginn
ließ davon feilich nichts erahnen. Man wollte den Wald
hinter sich bringen, das Ufer besetzen, Schmidt
zurückerobern, die Dämme an sich nehmen und zur
Vorbereitung all dessen das Material präsentieren, das man
aus den Lüften abzuladen fähig war.
Am Mittag des 16. November erschienen
schwere Bomber der 8. US-Flotte am Himmel und leiteten die
Operation „Corona“ ein. Viertausend Flugzeuge
warfen an diesem Tag über zehntausend Tonnen Bomben auf
die deutschen Stellungen im Hürtgenwald, die darin
befindlichen Dörfer und Städte wie Eschweiler und
Langerwehe, die Rurstädte Düren, Jülich und
Heinsberg. Es war die größte
Bodenunterstützungsoperation der Kombinierten
Luftstreitkräfte mit einem Schadensaufkommen wie 12.500
V2. Die Hälfte der Tonnage ging auf die Rurstädte,
ein Viertel davon auf die 45.000-Seelen-Gemeinde Düren,
4.600 Spreng- und 50.000 Brandbomben, für jeden Einwohner
mindestens eine.
Dieser Verkehrsangriff auf die
Nachschubwege zum Hürtgenwald bedachte Düren mit der
gleichen Tonnage wie das vierzigfach kopfstärkere Hamburg.
Von 9322 Gebäuden blieben dreizehn unbeschädigt.
Düren, Jülich und Kleve sind die im Zweiten Weltkrieg
meistzerstörten Städte. Düren verlor 3127
Personen. Auf Eschweiler, Weisweiler und Langerwehe gehen
viertausend Bombentonnen nieder, Jülich wurde zu
siebenundneunzig Prozent vernichtet. Von 1700 Häusern
waren 1400 total und 150 stark beschädigt. Die
fünfhundertjährigen Glocken der Propsteikirche aus
dem 12. jahrhundert fand man geschmolzen in den Trümmern
auf. Nur Haupt und Gebeine der seligen Christina hielten in
einem Mauereinlaß der Christinakapelle stand, dazu die
Außenmauern der 1548 durch Alexander pasqualini
errichteten Zitadelle. Ihretwegen war die Stadt in
amerikanischen und französischen Karten als Festung
verzeichnet, und die Jülicher vermuteten, daß man
aus einem Irtum heraus die einst römische Siedlung im
Rurtal, von Herzog Wilhelm dem Reihen im 16. Jahrhundert
befestigt, in sechzig Minuten dem Erdboden gleichmachte.
Die älteren Gemäuer von
Jülich und Düren waren keineswegs der Angriffszweck.
Sie standen nur quer auf einer Ebene, die tote Zone werden
mußte, damit der Ausbruch aus der Hölle des
Hürtgenwaldes nicht in die nächste Barrikade rannte.
Jülich am östlichen Rurufer war bis nach Koslar auf
der Westseite eingewoben in Verteidigungsstellungen, Bunker,
Betonblenden, Flugabwehrbatterien, Verschanzungen,
Panzerabwehrgeschütze, Minengürtel. Zehntausende
Schanzer hatten hier seit September den Westwall um die
Rurstellung erweitert. Sie maß fünf Kilometer Tiefe,
auch wurden Truppen am Bahnhof verladen. Die Wehranlagen
wären mangels Flugabwehr – die Amerikaner hatten
nicht einen Maschinenverlust, die Briten vier –
präzise zu beseitigen gewesen. Doch wurden Einzelheiten
längst nicht mehr wahrgenommen. Den Verbündeten stand
so viel im Weg, daß Beiseiteräumen das einzig
Vernünftige schien.
|
|
|||
|
|
|
|
|
|