|
|
||||
![]() |
|
|||
|
|
|
|||
|
|
||||
|
|
|
|||
|
|
||||
|
|
||||
|
Kapitel V.: Hoffnungen und
Enttäuschung
Der Neubeginn 1945
Als im September 1944 amerikanische Panzer
bis in die Eifel vorgedrungen waren, wurden bereits Indizien
der Braunen-Mittäterschaft entsorgt. Parteibücher
wurden verbrannt, Hitlerbilder von der Wand genommen, und
gelegentlich sah man auch braune Uniformen in der Rur
schwimmen. Obwohl Deutschland „am Ende“ war,
sorgten die Machtmittel der SS und die deutsche Disziplin
dafür, daß der Kelch bis zur bitteren Neige geleert
werden mußte.
Große Teile des Volkes glaubten noch
bis in die letzten Wochen des Krieges an ein Wunder, womit sich
die Kriegsgunst zum Endsieg der Nazis wenden würde. Alte
Männer und 16jährige Hitlerjungen lieferten im
Volkssturm stellenweise noch einen verbissenen
Verteidigungskampf. Männer des Widerstandes gegen Hitler
vom 20. Juli 1944 wurden im März und April 1945 noch
hingerichtet. Mit ihnen gingen Persönlichkeiten in den
Tod, die für den Aufbau eines neuen Deutschlands
unersetzlich waren.
Die bedingungslose Kapitulation am 7./8.
Mai 1945 und die Aufhebung der deutschen Souveränität
waren eine logische Folge der Gewaltherrschaft, denn in
Deutschland gab es zunächst niemand mehr, mit dem die
Siegermächte verhandeln mochten. Ein Alliierter
Kontrollrat mit Sitz in Berlin übernahm für das in
Sektoren und Zonen aufgeteilte Land die
Regierungsgeschäfte. Ein Zustand, den es seit den
Eroberungskriegen der Römer vor 2000 Jahren in Europa
nicht mehr gegeben hatte.
Ein ausgeblutetes Land mit zerstörten
Städten und Fabriken, verwüstete Landschaften in der
Eifel und an der Rur waren die Hinterlassenschaften des
„Tausendjährigen Reiches“, wie Hitler es in
seinem Wahnsinn verkündet hatte.
Millionen Menschen irrten in den ersten
Nachkriegsmonaten auf deutschen Landstraßen. Soldaten,
die der Gefangenschaft entkamen oder geflohen waren,
Häftlinge, die aus den Konzentrationslagern befreit waren,
hunderttausende ausländische Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene, Evakuierte und aus ihrer Heimat Vertriebene,
alle versuchten, nach Hause zu gelangen. Die wenigen noch oder
wieder intakten Eisenbahnstrecken standen nur für
Militärtransporte zur Verfügung.
Als die Dürener und Jülicher im
Frühjahr und Sommer 1945 zu Fuß, mit Leiterwagen,
per Anhalter auf Militärfahrzeugen oder im Güterzug
in ihre Heimatstadt zurückkehrten, waren Düren und
Jülich ein nicht wiederzuerkennendes Trümmerfeld. Die
historischen Stadtkerne waren von der Bildfläche
verschwunden. Was die schweren Luftangriffe vom 16. November
1944 noch übrig gelassen hatten, wurde in den
darauffolgenden Kriegsmonaten restlos zerstört.
Die Bilanz der Zerstörung:
Von 6.431 Wohn- und
Geschäftshäusern, die es 1939 in Düren gab,
wurden 5.220 zu 75% und mehr zerstört; nur 13 Gebäude
hatten den Krieg unbeschädigt überstanden.
In Jülich wurden von den 1.663 Wohn-
und Geschäftshäusern, die es dort 1939 gab, 1.450 zu
75% und mehr zerstört. In Jülich blieb kein Haus
unbeschädigt.
Der Gesamtschaden im Kreis Düren wurde
1947 auf 286,1 Millionen Reichsmark geschätzt. Im Kreis
Jülich auf 162,8 Millionen Reichsmark.
75% der Gewerbe- und Industriebetriebe
wurden in beiden Kreisen zerstört.
Düren und Jülich wurden zu
Notstandsgebieten erklärt.
Trotzdem strömten die Menschen in ihre
Heimat zurück. Bereits im Juli 1945 waren wieder rd.
12.000 Bürger nach Düren und ca. 3.000 Bürger
nach Jülich zurückgekehrt. Aber was erwartete sie?!
Eine halbwegs bewohnbare Unterkunft
mußte zuerst von Schutt und Trümmern geräumt
und mit Holz- und Pappverschlägen dicht gemacht werden.
Fließendes Wasser, Strom und Gas gab es in den ersten
Monaten noch nicht. Wer eine Wasserpumpe im Garten hatte, war
glücklich dran, ansonsten mußte das Wasser in
Kanistern weit hergeholt werden. Abends saß man bei
Kerzenlicht oder Karbidlampen, solange der Vorrat reichte.
Auch die Kanalisation funktionierte zum
größten Teil nicht, die Infrastruktur war
völlig zerstört. Weite Gebiete im Umland an der Rur
waren noch vermint, wodurch häufig Unfälle mit
Todesfolge oder Verstümmelungen auftraten. Krankheiten
durch Unterernährung grassierten, denn es gab kaum etwas
zu essen.
Der Hungerwinter 1945/1946, in dem es dazu
noch fürchterlich kalt war, ist vielen Menschen als
Katastrophe in Erinnerung geblieben.
Es war der nackte Überlebenskampf.
Die letzten entbehrlichen
Wertgegenstände wurden bei den Bauern in den umliegenden
Dörfern gegen Brot, Eier oder ein Stück Speck
eingetauscht. Beim Stöbern nach Heizmaterial in der
Trümmerlandschaft stieß man hier und da noch auf
Tote.
Am 1. Juli 1945 fand auf dem Hoeschplatz
ein Gedenkgottesdienst für die Toten vom 16. November 1944
statt. Der Bischof von Aachen zelebrierte ein Pontifikalamt,
und der Domchor sang mit Orchesterbegleitung ein Requiem.
Bürgermeister Stiegler, der erste von
der Militärregierung eingesetzte Dürener
Bürgermeister, hielt eine Ansprache. Dechant Adolphs
ermahnte die Dürener, „mit christlichem Mut an die
schwere Aufgabe des Wiederaufbaues zu gehen“. Bei dem
Luftangriff vom 16. November 1944 waren Schätzungen
zufolge rd. 5.000 Tote zu beklagen, von denen viele erst nach
1945 nach Einstellung der Kämpfe aus den Trümmern
geborgen wurden. Andere Schätzungen beziffern die Zahl der
Toten auf 8.000 - 10.000 wegen der vielen Soldaten und
Fremdarbeiter, die zum Zeitpunkt in der Stadt waren. Genau wird
man es wohl nie erfahren.
Vom Kölnplatz (heute
Friedrich-Ebert-Platz) konnte man quer über die
Schuttberge den Bahnhof oder das Amtgerichtsgebäude sehen,
und vom Hoeschplatz sah man die Ruine des Neuen Wasserturms auf
dem Kölnplatz. Alles schien unwirklich nah, als ob die
Entfernungen geschrumpft seien.
Durch die Trümmerwüste hatten die
Amerikaner mit Bulldozern über die
Kölnstraße-Markt-Oberstraße eine Schneise
freigemacht, und an manchen Trümmergrundstücken stand
ein Brett mit der Aufschrift „Hier lebt keiner
mehr“ oder z. B. „Oma und die Kinder sind in
XYZ“.
Und trotz der geschilderten Zustände
geschah das Erstaunliche. Die zurückgekehrten Arbeiter und
Angestellten gingen mit neuem Mut in den Fabriken und
Stadtwerken an den Wiederaufbau, und dies gegen wertloses Geld
als Lohn, denn es galt die
„Zigarettenwährung“. Eine
„Aktive“, dies war eine amerikanische Zigarette,
wurde mit 7,– RM bewertet. Vorrang beim Aufbau hatten
Eisenbahnen, Straßen, kommunale Versorgungseinrichtungen
und der Bergbau. Ehemalige Mitglieder der NSDAP wurden von der
Militärregierung zum Schutträumen und
Enttrümmern der Straßen eingesetzt.
Sitz der Militärregierung in
Düren war das Amtsgerichtsgebäude, worin im Juli 1945
auch das Bürgermeisteramt und zunächst auch das
Landratsamt untergebracht wurden.
In dieser Zeit, in der jeder mit seinen
eigenen Problemen schon völlig ausgelastet war, trafen
sich bereits einige Sozialdemokraten in Düren, Jülich
und verschiedenen Orten des Kreisgebietes, welche die 12 Jahre
Diktatur recht und schlecht überlebt hatten, zu ersten
Beratungen über den Wiederaufbau der Parteiorganisation
vor Ort und der kommunalen Selbstverwaltung.
Die Initiative ging in Düren von Josef
Hecker aus (langjähriger Leiter des Fuhrparks und der
Dürener Feuerwehr nach dem Kriege). Die Kontaktaufnahme
gestaltete sich natürlich ohne funktionierendes
Telefonnetz und ohne Post äußerst schwierig. Zudem
hatten sich meistens die Anschriften geändert, weil die
alte Wohnung zerstört war. Auch die bange Frage, ob der
eine oder andere überhaupt noch lebte, schwebte im Raum.
Zu den ersten Genossen, die im Sommer 1945
zu diesen ersten Gesprächen im Fuhrpark an der
Rurstraße zusammenkamen, gehörten neben Josef Hecker:
Franz Ciesielskie, Hubert Frank, Josef Dahmen, Josef Begasse,
Arnold Michels, Peter Geuer, Jean Römer, Peter Ramacher
und Josef Coenen. Aus Birkesdorf kamen Martin Laven und Fritz
Pley, aus Derichsweiler der aus dem KZ Sachsenhausen befreite
Hubert Gasper und aus Lendersdorf/Krauthausen Gerhard
Fuß. […]
Hubert Gasper und Gerhard Fuß
bemühten sich als erste auch wieder um den Aufbau eines
neuen SPD-Kreisverbandes und stellten die Kontakte her.
Zusammen mit Willi Esser aus Kreuzau reiste Gerhard Fuß
in einem klapprigen, mit Holzgas betriebenen Auto durch das
Kreisgebiet, wobei er auch Stützpunkte für den
Wiederaufbau des Verbandes der Kriegsinvaliden einrichtete.
Hubert Gasper begann zusammen mit Maria Kaufhold und Klara
Hecker im Herbst 1945, die Arbeiterwohlfahrt wieder aufzubauen.
Auf dem Fuhrparkgelände an der Rurstraße konnte zu
diesem Zweck der Bau einer Baracke organisiert werden.
[…]
Die Versorgung der Menschen mit den
notwendigsten Grundnahrungsmitteln, die Reparatur und
Winterfestmachung der zerstörten Wohnungen, die Versorgung
mit Hausbrand, die Wiederherstellung der Wasserversorgung und
vieles mehr waren Sorgen, welche im Vordergrund standen. Dazu
mußten Kontakte mit der Militärregierung hergestellt
werden und für jede Zuteilung und Maßnahme
Anträge gestellt und Genehmigungen eingeholt werden.
Nachdem der Alliierte Kontrollrat im September 1945 die
offizielle Tätigkeit von demokratischen Parteien in
Deutschland wieder zugelassen hatte, konnte die SPD wieder
Ortsgruppen bilden und mit Genehmigung der
Militärregierung öffentlich auftreten.
Schon am 28. Oktober 1945 organisierte
Josef Hecker eine Kundgebung der SPD in einer Halle des
Schlachthofes in Düren. Es sprachen
Oberregierungsrätin Hanna Meuter (SPD) und der
Chefredakteur Wilhelm Kindermann, beide aus Aachen. Für
den Regierungsbezirk Aachen hatte die Militärbehörde
Ludwig Philipp Lude, SPD, als Regierungspräsident
eingesetzt (1945-1950). Lude war bereits vor 1933 SPD-Mitglied
und während der Nazizeit Leiter einer illegalen
Widerstandsgruppe in Aachen. Die letzten Kriegsjahre hatte er
im KZ verbracht. […]
Dieses Thema [Vereinigung KPD und SPD] hat
die Parteigremien in den Wintermonaten und im Frühjahr
1946 noch intensiv beschäftigt. Auch in unserem Raum war
dies in den Versammlungen von SPD und KPD Gegenstand der
Diskussionen. Die Initiative pro Vereinigung ging hier von den
KPD-Lokalgrößen Max Eichler und Michael Braun aus.
Hans Iven erinnert sich an Diskussionen
innerhalb der SPD in Birkesdorf, die pro und kontra Vereinigung
geführt wurden, und an eine von der KPD initiierte
Großveranstaltung bei Kuckertz, wo er nach einer
Wortmeldung zu diesem Thema als „Dr.
Schumacher-Embryo“ ausgeschimpft wurde. Die Kommunisten
im Kreis Düren feierten die Vereinigung in der Ostzone
1946 mit einer Feierstunde im Kinosaal in Birkesdorf, wo auch
die neue SED-Fahne gehißt wurde. In den ersten
Januarwochen 1946 verabschiedeten Delegiertenkonferenzen in
Hannover und Frankfurt Entschließungen, die sich gegen
eine Vereinigung mit der KPD aussprachen.
Unterdessen konstituierten sich auch im
Kreis Düren die SPD-Gruppen wieder neu. In Birkesdorf fand
z. B. nach einer ersten öffentlichen Versammlung im
November die Neugründung des traditionsreichen Ortsvereins
am 1. Dezember 1945 im Restaurant Kuckertz statt. Martin Laven,
der in den Gefängnissen der Nazis schwer gelitten hatte,
wurde zum 1. Vorsitzenden gewählt.
Schon 1946 hatte der Ortsverein wieder 136
Mitglieder. Auch in Arnoldsweiler und Derichsweiler wurden
bereits Ende 1945 die Ortsvereine neu gegründet.
In Arnoldsweiler kamen 20 Mitglieder
zusammen und wählten Michael Kraus zu ihrem 1.
Vorsitzenden, und in Derichsweiler wurde Hubert Gasper zum
Vorsitzenden gewählt.
Um die Jahreswende 1945/1946 setzten sich
SPD-Mitglieder aus dem Kreisgebiet zusammen und besprachen die
Neubildung eines Kreisverbandes. Zu dieser Gruppe gehörten
Gerhard Fuß, Hubert Gasper, Josef Hecker, Dr.
Meisenheimer, Jakob Hackenbroich, Martin Laven, Lehrer Linden
und Jean Römer.
In einer Ausgabe der „Aachener
Nachrichten“, 2. Jahrgang Nr. 4 vom 15. Januar 1946 steht
die Mitteilung: „Am Sonntag, 20. Januar 1946 findet die
erste SPD-Delegiertenkonferenz des Kreises Düren statt, in
Birkesdorf, Kinosaal.“ Leider existiert von dieser
Konferenz kein Protokoll mehr, es ist aber anzunehmen,
daß sich der erste Vorstand aus den vorher genannten
Personen zusammensetzte. Erinnerungen älterer
SPD-Mitglieder zufolge soll es in der Aufbauphase 1946 drei
gleichberechtigte Vorsitzende gegeben haben: Fuß, Gasper
und Hecker.
Thema der Konferenz waren sicher auch die
neu eingesetzten Gemeinderäte und Kreistage. Zu den ersten
jungen Mitgliedern, die neu zur SPD kamen, zählten der aus
englischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Hermann Koch, der
mit dem weiteren Aufbau der Arbeiterwohlfahrt betraut wurde,
der spätere Landtagsabgeordnete Josef Heinrichs, welcher
sich zuerst der christlichen Arbeiterjugend angeschlossen
hatte, dann aber enttäuscht zur SPD kam, und der
spätere Bundestagsabgeordnete Hans Iven, der mit dem
Aufbau einer Jugendorganisation „Die Falken“
beauftragt wurde.
Iven erinnert sich daran, daß
zunächst noch die Gründung politischer
Jugendverbände verboten war, er beantragte deshalb mit
Hilfe von Bert Biergans beim englischen Kommandanten die
Gründung des „Jugendring Eifelland“. Fritz
Heusgen – der Sohn des Dürener SPD-Gründers
Josef Heusgen – stellte sein Wochenendhaus in Obermaubach
zur Verfügung, wo die Jugendgruppe
Wochenendveranstaltungen durchführte und von den
Engländern mit zusätzlichen Lebensmitteln versorgt
wurde.
Ebenfalls in den „Aachener
Nachrichten“ vom 20. Januar 1946 steht eine Notiz, wonach
die SPD-Kreisgruppe in der Geschäftsstelle Rurstraße
51 (Baracke am Fuhrpark) mit Josef Hecker Sprechstunden
abhält.
Die Militärregierung der britischen
Zone hatte um diese Zeit Bürger, die unbelastet vom
Nationalsozialismus waren, zu Stadt- und Gemeinderäten
sowie Kreistagsabgeordneten ernannt. Am 15. Dezember 1945 und
am 26. Januar 1946 fanden die beiden ersten Kreistagssitzungen
in einem Saal des Amtsgerichtes Düren statt. Die Räte
setzten sich zusammen aus Vertretern der neu zugelassenen
Parteien, Vertretern von Verbänden, Gewerkschaften,
Kirchen und Berufsständen (Innungen).
Im Dürener Kreistag war die SPD
vertreten mit: Josef Hecker, Düren, Jean Römer,
Düren, Gerhard Fuß, Lendersdorf/Krauthausen, Hubert
Gasper, Derichsweiler, Maria Kaufhold, Rölsdorf, Franz
Ciesilskie, Düren, und Heinrich Heinen.
Landrat Seeger, den die
Militärregierung schon im März 1945, also noch vor
Kriegsende, ernannt hatte, begrüßte 55
Bürgerinnen und Bürger aus dem Kreisgebiet, und
Oberst Wilkens von der Militärregierung sagte zur
Eröffnung unter anderem:
„Sie haben einen verantwortungsvollen
Posten und übernehmen damit eine sehr schwere Arbeit. Bei
Ihrer schwierigen Aufgabe dürfen Sie der Tatsache
versichert sein, daß die Militärregierung Ihnen ihre
Unterstützung geben wird. Sie sollen das Wirtschaftsleben
im Kreis Düren wieder in Gang bringen, auf der Grundlage,
wie es die gegenwärtige Zeit erfordert. Die
Militärregierung wird Ihnen dabei ihre Unterstützung
nicht versagen …“. […]
Die ernannten Gemeinde- und Stadträte
traten in den ersten drei Monaten des Jahres 1946 zur ersten
Sitzung zusammen. Der Dürener Stadtrat tagte zum ersten
Mal am 5. März 1946 im Amtsgerichtsgebäude. Bei den
29 Dürener Bürgerinnen und Bürger waren für
die SPD dabei: Josef Dahmen, Peter Geuer, Klara Hecker, Franz
Ciesielskie, Hubert Schlepütz und Fritz Schwitzer. Der
Stadtkommandant Robert Wilkens begrüßte die
Anwesenden, und Regierungspräsident Lude aus Aachen hielt
eine Ansprache. In dieser Sitzung wurde Herr Hammans als
Bürgermeister bestätigt; Hammans wurde im Oktober
1945 als Nachfolger von Alfred Stiegler zum Bürgermeister
ernannt. […]
Aufgaben und Arbeit dieser ersten Räte
sind unter heutigen Verhältnissen kaum noch zu begreifen.
In den Städten und einigen Dörfern, z. B. in
Hürtgenwald, herrschte das absolute Chaos,
spärlichste Hilfsmittel, schlecht geheizte
Sitzungsräume, Hunger und abgewetzte Kleidung und ein
unübersehbarer Berg schier unlösbarer kommunaler
Probleme. In kleinen Schritten begann man mit der Reparatur der
Wasserversorgung und Stromleitungen, der Herrichtung von
Schulräumen, Reparatur von Einrichtungen für die
Krankenversorgung usw. Aber auch die Versorgung der
Bevölkerung mit Lebensmitteln, Hausbrand, Glas,
Dachziegeln und anderem gehörte zu den Aufgaben, denn
alles wurde in Kontingenten über ein Bezugscheinsystem
zugeteilt. Drei bis vier Stunden in der Schlange anstehen, um
in einem Lebensmittelladen 1/4 Pfund Butter oder 5 Pfund
Kartoffeln mit Bezugscheinen zu kaufen, war keine Seltenheit.
Stadtbaurat Dauer schlug in einer
Ratssitzung am 27. Mai 1946 in Düren vor, die Stadt an
ihrer alten Stelle wieder aufzubauen und zunächst einmal
von Nord nach Süd und von Ost nach West die
Hauptstraßenzüge freizulegen. Es gab aber auch
Stimmen, die vorschlugen, die Stadt auf einem freien
Gelände am Stadtrand völlig neu zu bauen. Der
englische Publizist Victor Gollancz besuchte 1946 das
zerstörte Deutschland und kam auf seiner Reise auch nach
Jülich und Düren. In Jülich besichtigte er mit
Stadtdirektor Stadthagen die Stadt. Gollancz war entsetzt
über das Ausmaß der Zerstörungen und das Leid
der Bevölkerung. Seinen Eindruck hat er in dem Buch
„In Darkest Germany“ festgehalten. Der Stadt
Jülich ist in dem Buch ein Kapitel „Little
Jülich“ gewidmet. Straßennamen in Düren
und Jülich erinnern an den Sozialisten und
Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels. […]
In Düren sammelten sich die Mitglieder
des Ortsvereins nach Erinnerung von Arnold Michels im März
oder April 1946 zum ersten Mal. Das genaue Datum ist nicht
bekannt. Zum 1. Vorsitzenden nach dem Krieg wurde der
Buchdruckermeister Hubert Frank gewählt und zum
Stellvertreter Josef Hecker.
Weitere Mitglieder des ersten Vorstandes
waren: Peter Geuer, Josef Dahmen, Arnold Michels, Franz
Ciesielski, Jean Römer, Fritz Heusgen und Emil Nather.
Aus einer Aufzeichnung von Jean Römer
vom 26. November 1946 geht hervor, daß die Ortsgruppe
Düren der SPD zu diesem Zeitpunkt etwa 1.200 Mitglieder
hatte. Diese Zahl verblüfft. Sie wird aber aus folgendem
Umstand verständlich: Die politischen Organisationen
hatten auch Einfluß auf die Verteilung von
Sonderzuteilungen, wie z. B. Maismehl, Heringe oder auch
Care-Pakete aus amerikanischen Hilfslieferungen. Die
Mitgliederzahl ging folgerichtig nach der Währungsreform
1948 wieder zurück.
Die „Aachener Nachrichten“
berichten am 10. März 1946 über die erste Versammlung
des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ Kreis
Düren.
Unter der Leitung von Josef Hecker wurde
Arnold Michels zum 1. Vorsitzenden gewählt, 2.
Vorsitzender Josef Koch, Kassierer Alfred Gerhard und
Schriftführerin Käthe Nöllgen.
In einer Kreistagssitzung am 14. März
1946 stellte Landrat Armin Renker, der im Januar Nachfolger des
1. Landrates Seeger wurde, den neuen Oberkreisdirektor Dr.
Alfred Grube (SPD), Düsseldorf, vor. Grube war auch
bereits vor 1933 Mitglied der SPD.
In der gleichen Sitzung wurde – wie
in allen Kreistagen – der Entnazifizierungsausschuß
gewählt.
Die Entnazifizierung war eine besondere
Geschichte im Jahr 1946. Alle Personen über 18 Jahre
erhielten einen Fragebogen mit 133 Fragen, die beantwortet
werden mußten und Auskunft über das Verhalten
während der Nazizeit geben sollten.
Die Entnazifizierung war nach einem Gesetz
des Alliierten Kontrollrates angeordnet worden. Danach
mußten im Frühjahr 1946 bei allen Kreisverwaltungen
Entnazifizierungsausschüsse eingerichtet werden. Daneben
gab es bei allen Amtsgemeinden im Kreisgebiet noch
Unterausschüsse, die dem Hauptausschuß zuarbeiteten.
Darüberhinaus existierte bei der Bezirksregierung in
Aachen noch ein Revisionsausschuß zur Bearbeitung von
Einsprüchen gegen Urteile bzw. Einstufungen.
Die Mitglieder der Ausschüsse wurden
von den Parteien vorgeschlagen und kamen aus allen
Gesellschaftsschichten. Da der Hauptausschuß bei der
Kreisverwaltung permanent tagte, d.h. über die normale
Wochenarbeitszeit wie die Verwaltung arbeitete, mußten
sich die Ausschußmitglieder von ihrer beruflichen
Tätigkeit freistellen lassen. Für die Kosten
mußte der Kreis eine besondere Haushaltsposition
einrichten.
Der Ausschuß arbeitete die einzelnen
Fälle nach Einstufungsgraden auf. Es gab insgesamt 5
Kategorien: Hauptschuldige bzw. Kriegsverbrecher, Belastete,
Minderbelastete, Mitläufer und Unbelastete. Die letzte
Entscheidung lag bei der Militärregierung, welche die
Oberaufsicht führte.
Die Strafen konnten vom Ausschluß aus
öffentlichen Ämtern und Aberkennung des Wahlrechts
bis zu zehn Jahren Gefängnis und Einziehung des Eigentums
reichen. Auch in den Kreisen Düren und Jülich gab es
zahlreiche Personen, die sich während des
„Tausendjährigen Reiches“ als braune
Herrenmenschen gebrüstet und wie Sklaventreiber benommen
hatten und nun aus ihren Ämtern, vornehmlich in den
öffentlichen Verwaltungen der Kommunen, Bahn und Post, die
sie zum Teil wieder eingenommen hatten, entfernt wurden.
Es gab Verhaftungen, darunter z.B. der
ehem. Kreisleiter Binz, und Zurückstufungen vom
Beamtenverhältnis in ein Lohnverhältnis, welches mit
dem Arbeitseinsatz an einem anderen Ort verbunden war.
Den Betroffenen wurde über ihre
Einstufung eine Bescheinigung ausgestellt. Das Verfahren
erzeugte viel Ärger wegen Ungleichbehandlung und
unterschiedlicher Handhabung der Einstufungsrichtlinien, die
vom Alliierten Kontrollrat festgelegt worden waren. Auch
spielten persönliche Rachemotive von
Ausschußmitgliedern eine Rolle, in Zweifelsfällen
mußten Betroffene auch persönlich vor dem
Ausschuß erscheinen. Auf jeden Fall schuf die
Maßnahme die Voraussetzung dafür, daß die
politische Bühne, bis auf Ausnahmen, von den
Nazigrößen gesäubert wurde.
Erst nach Bildung einer Regierung im neuen
Bundesland NRW wurde Anfang 1948 das Entnazifizierungsverfahren
ganz auf deutsche Behörden übertragen. Die Folge war
eine Flut von Berufungsverfahren, in denen bisher Belastete
jetzt als Mitläufer eingestuft wurden. Über alte
„Seilschaften“ wurden jede Menge Entlastungszeugen
beigebracht, um in den Besitz des begehrten
„Persilscheins“ (im Volksmund für
„reingewaschen von Schuld“) zu kommen. Das ganze
Verfahren verlor zunehmend an Glaubwürdigkeit. Mitte 1949
wurden die meisten Entnazifizierungsausschüsse wieder
aufgelöst.
Die Ausschüsse waren sehr stark mit
Sozialdemokraten und Kommunisten besetzt, weil diese unbelastet
waren. Dies wirkte sich im Wahlverhalten der Masse
Entnazifizierter für die SPD zunächst nachteilig aus,
wie sich schon im Herbst 1946 bei den ersten freien
Kommunalwahlen zeigen sollte.
Die Lebensmittelversorgung brach 1946
zeitweise völlig zusammen. Nach der schwerwiegenden
Entscheidung der Amerikaner und Briten in Potsdam im Juli 1944
wurde die deutsche Bevölkerung aus den preußischen
Ostprovinzen vertrieben. Die britische und die amerikanische
Zone mußten 5,9 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, in
der russischen Zone blieben zunächst rd. 3 Millionen
Flüchtlinge. Insgesamt fast 9 Millionen Menschen
mußten ihre Heimat verlassen. Die Franzosen schotteten
ihre Zone gegen den Zustrom ab, weil sie in Potsdam nicht mit
am Verhandlungstisch gesessen hatten.
Hermann Koch erinnert sich an das
„Schweizer Hilfswerk“, welches Baracken aufbaute,
z. B. auf dem Freiheitsplatz in Düren, wo mit Hilfe der
Arbeiterwohlfahrt Kinderspeisungen durchgeführt wurden. An
den Schulen wurden mit ausländischer Hilfe
„Schulspeisungen“ eingeführt. Die
Versorgungslage war je nach „Beziehungsgrad“ in den
einzelnen Familien unterschiedlich; es gab Kinder, die zur
Frühstückspause nur eine trockene Scheibe Brot oder
nichts dabei hatten und andere, die mit Wurst oder Käse
belegte Stullen mitbrachten. […]
Am 15. September 1946 fand die erste freie
Kommunalwahl statt. Das erste Flugblatt der SPD für die
Wahlwerbung nach dem Krieg zeigt eine junge Mutter mit ihrem
Kind, Symbol für die Not, aber auch Hoffnung auf eine
bessere Zukunft. Auftakt zum Wahlkampf war in Düren eine
Großkundgebung der SPD am 15. August 1946.
Aus dem überfüllten Saal des
Amtsgerichtes wurde eine Rede von Senator Wolters aus Bremen
mit Lautsprecher nach draußen übertragen.
Marschmusik war bei diesen Veranstaltungen noch üblich,
und Josef Dahmen sprach über die Dürener Probleme.
Die Wahl, welche noch nach englischem
Mehrheitswahlrecht abgehalten wurde, war eine herbe
Enttäuschung für die SPD. Von den 27
Stadtratsmandaten erhielt sie nur 4: Josef Dahmen, Peter Geuer,
Johann Kalmuth und Josef Wild. […]
Auch die erste freie Kreistagswahl, die am
13. Oktober 1946 stattfand, brachte ein ähnliches Ergebnis
für die SPD. Von den 42 Mandaten des Dürener
Kreistages erhielt sie nur 4 Mandate. Dies waren Jean
Römer und Adolf Eschweiler, beide aus Düren, Hubert
Gasper, Derichsweiler, und Johann Kappert aus Kreuzau.
Besonders politisch tragisch war z.B. bei dieser Wahl das
Schicksal von Gerhard Fuß, der als
Widerstandskämpfer und KZ-Häftling kein Mandat
erhielt. Durch Verzicht von Adolf Eschweiler konnte er etwas
später nachrücken. […]
Die Genossen stellten sich die Frage, warum
die Sozialdemokraten, die unter dem Naziterror tausendfach
gelitten hatten, geringere Chancen bei der Wahl hatten.
In einigen Landgemeinden war die SPD
erfolgreicher. So errang sie z. B. in Arnoldsweiler die
absolute Mehrheit und stellte mit Theo Fuß den 1.
Bürgermeister. Auch in Inden wurde der bereits von der
Militärregierung eingesetzte Bürgermeister Robert
Bott (SPD) durch die Mehrheit der Stimmen im Amt
bestätigt.
In Birkesdorf kam die SPD auf 47,8% der
Stimmen und stellte mit Wilhelm Melcher den Bürgermeister;
Fritz Pley (SPD) wurde Amtsdirektor.
Aus der Kandidatenliste der SPD für
die Kreistagswahl, veröffentlicht in den Aachener
Nachrichten vom 9. Oktober 1946, sind die Namen von weiteren
SPD-Mitgliedern ersichtlich, die in den Dörfern des
Kreises in dieser schweren Zeit für die SPD schon aktiv
waren. Sie sind deshalb nachstehend aufgeführt: Hubert
Braun, Gürzenich, Jakob Hackenbroich, Weisweiler, Jakob
Meisen, Langerwehe, Matthias Kesseler, Frauwüllesheim,
Wilhelm Rühe, Niederzier, Michael Kraus, Arnoldsweiler,
Heinrich Pingen und Severin Böhr, Merzenich, Peter
Nöllgen und Jakob Jungherz, Rölsdorf, Heinrich
Schmitz, Morschenich, Karl Schmitz, Köttenich, Friedrich
Dick, Merken, Johann Voiß und Hubert Gasper,
Derichsweiler, Johann Kappert und Heinrich Pauly, Kreuzau,
Johann Meier, Winden, Peter Schiffer, Drove, Karl Koll,
Hürtgen, Matthias Huppertz, Gey, Lorenz Karl, Birgel,
Martin Vogel, Obermaubach, Friedrich Kobertz und Peter
Hamacher, Pier.
Als eine der ersten Amtshandlungen des
neuen Dürener Stadtrates beschloß dieser, die Firma
Mielke, Soest, mit der Enttrümmerung der Stadt zu
beauftragen. Im folgenden Jahr 1947 begann die Firma, mit
Bagger und Kleinbahnloren die Schuttberge abzutragen. Über
viele Monate durchzog ein Netz von Kleinbahnschienen die
Innenstadt. Sie führten über eine Aufbereitungsanlage
in der Nähe des Jesuitenhofes zum Rand des Burgauer
Waldes, wo Schuttberge entstanden. Heute befindet sich dort
zwischen den Hügeln eine Schießsportanlage.
Das Jahr 1946 wäre aber
unvollständig beschrieben, fände der
Kriegsverbrecherprozeß keine Erwähnung. Vom 14.
November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 fand in Nürnberg der
Prozeß gegen 24 führende NSDAP-Politiker und
Militärbefehlshaber statt. Täglich wurde im Radio,
viele hatten noch einen alten
„Volksempfänger“, über den Fortgang des
Prozesses berichtet. Erstmals wurden detailliert
Kriegsverbrechen und Greueltaten in von Deutschland besetzten
Gebieten während des Krieges bekanntgegeben, sowie
Einzelheiten über den millionenfachen Mord an Juden und
anderen Häftlingen in Konzentrationslagern. Untaten,
welche deutsche Menschen, Bürger aus unserem Land begangen
hatten, man konnte es kaum glauben.
Und so war es auch, viele wollten es nicht
glauben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Der
Chronist erinnert sich an Gespräche, wo es hieß,
dies seien alles Erfindungen der Siegermächte, speziell
für den Prozeß. Der biedere Bürger konnte es
nicht fassen, „man hatte ja nichts gewußt“.
Im Bewußtsein war zwar die Existenz von „KZ“,
aber da kamen ja nur Leute hin, die gegen Hitler waren, und der
„Führer“ sorgte dafür, „daß
die dort mal hart arbeiteten und auf den richtigen Weg gebracht
wurden“.
Kritische Fragen nach der großen
Zustimmung für Hitler in den 30er Jahren wurden meist mit
Schweigen und einem vorwurfsvollen Blick beantwortet. Im
übrigen hatte nach eigenem Bekunden kaum noch jemand
Hitler gewählt.
Die schreckliche Wahrheit dämmerte
erst langsam in den meisten Köpfen, obwohl fast jede
zweite Familie Hitlers Buch „Mein Kampf“ besessen
hatte. Zugunsten dieser Generation wollen wir annehmen,
daß es die meisten nicht gelesen haben. Erinnerungen von
noch lebenden Zeitzeugen, also heute 80- bis über
90jährigen, wurzeln zum großen Teil in den
persönlichen Erlebnissen, gute, aber auch leidvolle
Erinnerungen aus den Jahren des Krieges. Dahinter sind die
Ursachen verdrängt.
Damals hörte man immer wieder den Satz:
„Mit Politik will ich nichts mehr zu tun haben, ich habe
endgültig die Schnauze voll“. Aber auch die Jugend
stand der neuen Situation – bis auf wenige Ausnahmen
– weitgehend skeptisch und orientierungslos
gegenüber. Sie war plötzlich ihrer Vorbilder beraubt
und um ihren Glauben an die Allmacht des NS-Regimes betrogen.
Der Chronist erinnert sich aus seiner Jugendzeit, daß man
im weiten Umfeld der Gesellschaft, in Schulen, Verwaltungen,
Lehrwerkstätten und Ausbilderstätten nur das
Allerbeste über Hitler und das politische System
gehört hatte. Selbst der Dechant betete am Ende einer
jeden Messe für Führer, Volk und Vaterland. In der
Schule wurde die preußische Geschichte glorifiziert, die
über Bismarck nahtlos zu Hitler führte. Die Weimarer
Republik existierte im Geschichtsunterricht nicht.
Daß es auch große
Künstler, Erfinder, Schriftsteller, Musiker und
Weltmeister im Sport anderer Völker gab, hörten wir
erst nach dem Kriege.
Der Nürnberger
Kriegsverbrecherprozeß endete mit 12 Todesurteilen,
dreimal lebenslänglich Gefängnis, zweimal 20 Jahre
Gefängnis, einmal 15 Jahre und einmal 10 Jahre
Gefängnis sowie drei Freisprüchen.
Im Juli 1946 verkündete der
Oberbefehlshaber der britischen Zone, Luftmarschall Sir Sholto
Douglas, die Entscheidung über den Zusammenschluß
der Nordrheinprovinz und Westfalens zum neuen Land
„Nordrhein-Westfalen“ mit der Hauptstadt
Düsseldorf. Wirtschaftliche Gründe waren für
diese Entscheidung maßgebend. Wahlen für den Landtag
dieses neuen Landes wurden auf den 20. April 1947 festgesetzt.
Der Wahlkampf hierzu hatte seinen Höhepunkt im April 1947.
Der SPD-Kreisverband Düren
organisierte für den 11. April 1947 eine
Großveranstaltung auf dem Gelände des Fuhrparks.
Gerhard Fuß hatte dazu den Parteivorsitzenden Dr.
Schumacher gewonnen. Das Gelände war dicht gefüllt
mit Menschen. Schumacher führte in seiner Rede u. a. aus:
„Die KPD ist die Staatspartei einer Siegermacht und steht
außerhalb des deutschen Parteiensystems“, und zur
CDU gewandt sagte er: „Die Feinde des Christentums sind
diejenigen Leute, die mit dem Christentum politische
Geschäfte zugunsten ihres Geldbeutels machen“.
Größere politische
Veranstaltungen fanden in der Regel in Düren in einer
leeren Halle der Metallwerke statt. Im Vorfeld dieser ersten
Landtagswahl trat dort im April 1947 auch der spätere
Bundeskanzler Dr. Adenauer auf.
Widerstand und ablehnende Haltung der
Kirchen gegen die Sozialdemokratie, ein Zustand, den die SPD
nach den tausendfachen gemeinsamen Opfern während der
Nazi-Diktatur für begraben hielt, waren in diesem
Wahlkampf plötzlich wieder aufgetaucht. Im Protokoll
über eine Kreiskonferenz der SPD vom 19. Januar 1947 in
Jülich unter dem Vorsitz von Franz Müller wird
folgende Situation geschildert (Protokollauszug):
„Von den einzelnen Debattenrednern
wurde scharf kritisiert, daß von bestimmten Kreisen die
Geistlichkeit in den Wahlkampf eingespannt worden sei, was den
Genossen der SPD, insbesondere auf dem platten Lande, besondere
Schwierigkeiten bereite.
Als dann inzwischen auch Genosse Lude (Anm.:
Reg.Präs. Aachen) zur Konferenz erschienen war, wurde die
Frage gestellt, was die Regierung für eine Stellungnahme
zeige, daß die Geistlichkeit in den Wahlkampf eingreife?
Genosse Lude erklärte zu dieser Frage, daß es jedem
Bürger gestattet sei, nach seiner Überzeugung sich im
Wahlkampf zu beteiligen, obwohl es angebracht erscheine,
daß nach seiner persönlichen Meinung die
Geistlichkeit sich aus der Politik heraushalten solle.
Wer die Kämpfe der SPD aus den Jahren
vor 1914 nicht nur erlebt, sondern persönlich aktiv mit
ausgetragen habe, sei von diesen Dingen nicht überrascht,
diese Schwierigkeiten aus den Jahren bis 1914 sind alten
Parteigenossen hinreichend bekannt. Aber es sei bedauerlich,
wenn heute, nach 12 Jahren Hitlerregime, die Bürger sich
von der Geistlichkeit in ihrer politischen Auffassung
bedrängen ließen, denn in einem demokratischen Lande
sei jedem Staatsbürger volle Meinungsfreiheit
gewährleistet und somit auch seine politische
Überzeugung unantastbar.“ […]
Im April 1947 konnte der SPD-Kreisverband
Düren auch endlich ein neues Büro für die
Geschäftsstelle in der Holzstraße 52 beziehen. Heinz
Meisen aus Birkesdorf wurde als erster Parteisekretär
eingesetzt. Aus den nur spärlich vorhandenen
Zeitungsberichten über die Arbeit des SPD-Kreisverbandes
in dieser Zeit und Hinweisen in erhaltenen Protokollen einiger
Ortsvereine, z. B. Arnoldsweiler, sind Fakten über eine
weitere Kreiskonferenz am 22. Februar 1948 bekannt. In der
Konferenz, welche im Amtsgerichtssaal in Düren stattfand,
berichtete Gerhard Fuß und Heinz Meisen über die
Arbeit des Kreisverbandes und Kreiskassierer Peter Geuer gab
den Kassenbericht.
Bei der Vorstandswahl wurde Gerhard
Fuß zum Vorsitzenden gewählt und Peter Geuer zum
Kassierer. Mitglied im Vorstand waren noch:
Josef Hecker und Jean Römer,
Düren, Dr. Meisenheimer, Düren, Matthias Kesseler,
Frauwüllesheim, Hubert Gasper, Derichsweiler, Martin
Laven, Birkesdorf, Josef Heinrichs, Lendersdorf, Michael Kraus,
Arnoldsweiler, Jakob Hackenbroich, Weisweiler und Emma Schurig,
Krauthausen.
Als politische Themen beschäftigten
die Konferenz zwei aktuelle Probleme: Einmal die
Demontagepolitik der Besatzungsmacht und zum anderen der
Rücktritt von Landrat Renker (CDU) wegen seiner
Einstellung zum Fall des früheren Kreisleiters Binz
(NSDAP). […]
Mit der Währungsreform am 20. Juni
1948 wurde die alte Reichsmark von der Deutschen Mark
abgelöst. Jeder Erwachsene erhielt ein
„Kopfgeld“ von sechzig Mark und jeder Unternehmer
zusätzlich pro Beschäftigten 60,– DM. Die
Sparguthaben wurden im Verhältnis 100 : 5 abgewertet;
Geld, das zu Hause im Sparstrumpf lag, wurde wertlos. Die
Aktien behielten ihren Wert.
Unmittelbar nach Einführung der
„DM“ waren die Läden wieder voll mit Waren,
die man ohne Bezugschein kaufen konnte.
Heinz Kühn prangerte in einer
Wahlkampfveranstaltung der Dürener SPD am 6. Oktober 1948
im Schauburg-Kino am Wirteltorplatz die Hortung von
Warenpolstern vor der Währungsreform an. „Die
Maßnahme stellt sich jetzt als größter Betrug
am schaffenden Volk heraus“, sagte er, „Werte
wurden für wertloses Geld geschaffen, womit Unternehmer
sich in kurzer Zeit bereichern konnten. Unternehmer verwandeln
eine RM in 3 DM, während dem arbeitenden Volk die
Spargroschen verlorengingen“. […]
Der neue Landtag hatte unter anderem ein
neues Kommunalwahlgesetz beschlossen, das
Verhältniswahlsystem wurde damit eingeführt. Die
ersten Kommunalwahlen nach diesem neuen Wahlsystem fanden am
17. Oktober 1948 statt. Die Zahl der Mandate stieg für die
SPD in den Räten wieder steil nach oben.
Das Wahlergebnis für den Kreistag in
Düren bei einer Wahlbeteiligung von 68,9% lautete:
SPD 37% = 16 Sitze
CDU 47,9% = 21 Sitze
RVP 9,5% = 4 Sitze.
Die KPD war mit 4,9% an der neuen
5%-Hürde gescheitert.
Gewählt wurden für die SPD:
Gerhard Fuß,
Geschäftsführer, Niederau, Stellv. Landrat
Jean Römer, Angestellter, Düren,
Fraktionsvorsitzender
Peter Geuer, Gewerkschaftssekretär,
Düren
Josef Heinrichs, Angestellter, Lendersdorf
Arnold Michels, Gewerkschaftssekretär,
Düren
Josef Coslar, Maschinist, Winden
Peter Hamacher, Metallarbeiter,
Pier/Pommenich
Martin Laven, Invalide, Birkesdorf
Peter Lothmann, Kaufmann, Derichsweiler
Heinz Meisen, Parteisekretär,
Birkesdorf
Wilhelm Melcher, Kaufmann, Birkesdorf
Emma Schurig, Hausfrau, Niederau
Wilhelm Rühe, Angestellter, Niederzier
Michael Kraus, Werkmeister, Arnoldsweiler
Engelbert Keller, Industriekaufmann,
Gürzenich
Wilhelm Glier, Arbeiter, Langerwehe
[…]
Bei der Stadtratswahl erzielte die SPD in
Düren 8 Mandate.
Dies waren:
Peter Geuer, Stellv. Bürgermeister
Josef Dahmen, Fraktionsvorsitzender
Arnold Michels, Ludwig Erdmann, Frau
Meltzow, Jakob Jungherz, Heinz Richter und der gerade aus
russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Hans Frenken.
[…]
Nach der Wahl vom 17. Oktober 1948 wurden
im Kreis Düren folgende Amtsbürgermeister der SPD
gewählt:
Amt Birkesdorf: Martin Laven; Amt Merken:
Josef Melcher; Amt Merzenich: Severin Böhr; Amt Niederzier:
Wilhelm Rühe
In folgenden Dörfern des Kreises
stellte die SPD nach der Wahl den Ortsbürgermeister:
Birkesdorf: Willi Melcher; Merken: Fritz
Dick; Morschenich: Christian Olbertz; Oberzier: Hubert Busch;
Derichsweiler: Hubert Gasper; Gey: Matthias Huppertz;
Frauwüllesheim: Matthias Kesseler; Pier: Peter Hamacher;
Füssenich: Heinrich Ohrem; Binsfeld: Josef Ornoth;
Müddersheim: Christian Schüller; Vettweiß:
Josef Jöntgen; Luchem: Wilhelm Voßen; Lucherberg:
Hubert Sieven; Frenz: Alfons Becker; Arnoldsweiler: Theo
Fuß; Brandenberg: Matthias Stolz.
Die meisten waren bereits seit 1946
Bürgermeister in ihrem Ort.
Am 27. November 1948 feierte der Ortsverein
Derichsweiler sein 30jähriges Bestehen mit einer
Festveranstaltung und Bunten Abend im Saal Müller. Die
Presse und eine Festschrift des Ortsvereins berichteten
über die Ereignisse. […]
Das Wirtschaftswunder ließ auch nach
der Währungsreform noch auf sich warten.
Ende des Jahres 1949 gab es wieder viele
erwerbslose Menschen im Kreis Düren, und Anfang 1950
registrierte man über 2 Millionen Arbeitslose in
Westdeutschland.
Die Aufnahmewelle bei der SPD in den ersten
Nachkriegsjahren ebbte nach der Währungsreform
zunächst wieder ab. Mit der beginnenden Aufbauphase fanden
jedoch auch wieder mehr junge Menschen zur SPD. Einige
übernahmen schon bald Funktionen in der Partei und den
Kommunalparlamenten.
|
|
|||
|
|
|
|
|
|