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Kapitel V.: Hoffnungen und Enttäuschung
Der Neubeginn 1945

Als im September 1944 amerikanische Panzer bis in die Eifel vorgedrungen waren, wurden bereits Indizien der Braunen-Mittäterschaft entsorgt. Parteibücher wurden verbrannt, Hitlerbilder von der Wand genommen, und gelegentlich sah man auch braune Uniformen in der Rur schwimmen. Obwohl Deutschland „am Ende“ war, sorgten die Machtmittel der SS und die deutsche Disziplin dafür, daß der Kelch bis zur bitteren Neige geleert werden mußte.
Große Teile des Volkes glaubten noch bis in die letzten Wochen des Krieges an ein Wunder, womit sich die Kriegsgunst zum Endsieg der Nazis wenden würde. Alte Männer und 16jährige Hitlerjungen lieferten im Volkssturm stellenweise noch einen verbissenen Verteidigungskampf. Männer des Widerstandes gegen Hitler vom 20. Juli 1944 wurden im März und April 1945 noch hingerichtet. Mit ihnen gingen Persönlichkeiten in den Tod, die für den Aufbau eines neuen Deutschlands unersetzlich waren.
Die bedingungslose Kapitulation am 7./8. Mai 1945 und die Aufhebung der deutschen Souveränität waren eine logische Folge der Gewaltherrschaft, denn in Deutschland gab es zunächst niemand mehr, mit dem die Siegermächte verhandeln mochten. Ein Alliierter Kontrollrat mit Sitz in Berlin übernahm für das in Sektoren und Zonen aufgeteilte Land die Regierungsgeschäfte. Ein Zustand, den es seit den Eroberungskriegen der Römer vor 2000 Jahren in Europa nicht mehr gegeben hatte.
Ein ausgeblutetes Land mit zerstörten Städten und Fabriken, verwüstete Landschaften in der Eifel und an der Rur waren die Hinterlassenschaften des „Tausendjährigen Reiches“, wie Hitler es in seinem Wahnsinn verkündet hatte.
Millionen Menschen irrten in den ersten Nachkriegsmonaten auf deutschen Landstraßen. Soldaten, die der Gefangenschaft entkamen oder geflohen waren, Häftlinge, die aus den Konzentrationslagern befreit waren, hunderttausende ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, Evakuierte und aus ihrer Heimat Vertriebene, alle versuchten, nach Hause zu gelangen. Die wenigen noch oder wieder intakten Eisenbahnstrecken standen nur für Militärtransporte zur Verfügung.
Als die Dürener und Jülicher im Frühjahr und Sommer 1945 zu Fuß, mit Leiterwagen, per Anhalter auf Militärfahrzeugen oder im Güterzug in ihre Heimatstadt zurückkehrten, waren Düren und Jülich ein nicht wiederzuerkennendes Trümmerfeld. Die historischen Stadtkerne waren von der Bildfläche verschwunden. Was die schweren Luftangriffe vom 16. November 1944 noch übrig gelassen hatten, wurde in den darauffolgenden Kriegsmonaten restlos zerstört.

Die Bilanz der Zerstörung:
Von 6.431 Wohn- und Geschäftshäusern, die es 1939 in Düren gab, wurden 5.220 zu 75% und mehr zerstört; nur 13 Gebäude hatten den Krieg unbeschädigt überstanden.
In Jülich wurden von den 1.663 Wohn- und Geschäftshäusern, die es dort 1939 gab, 1.450 zu 75% und mehr zerstört. In Jülich blieb kein Haus unbeschädigt.
Der Gesamtschaden im Kreis Düren wurde 1947 auf 286,1 Millionen Reichsmark geschätzt. Im Kreis Jülich auf 162,8 Millionen Reichsmark.
75% der Gewerbe- und Industriebetriebe wurden in beiden Kreisen zerstört.
Düren und Jülich wurden zu Notstandsgebieten erklärt.
Trotzdem strömten die Menschen in ihre Heimat zurück. Bereits im Juli 1945 waren wieder rd. 12.000 Bürger nach Düren und ca. 3.000 Bürger nach Jülich zurückgekehrt. Aber was erwartete sie?!
Eine halbwegs bewohnbare Unterkunft mußte zuerst von Schutt und Trümmern geräumt und mit Holz- und Pappverschlägen dicht gemacht werden. Fließendes Wasser, Strom und Gas gab es in den ersten Monaten noch nicht. Wer eine Wasserpumpe im Garten hatte, war glücklich dran, ansonsten mußte das Wasser in Kanistern weit hergeholt werden. Abends saß man bei Kerzenlicht oder Karbidlampen, solange der Vorrat reichte.
Auch die Kanalisation funktionierte zum größten Teil nicht, die Infrastruktur war völlig zerstört. Weite Gebiete im Umland an der Rur waren noch vermint, wodurch häufig Unfälle mit Todesfolge oder Verstümmelungen auftraten. Krankheiten durch Unterernährung grassierten, denn es gab kaum etwas zu essen.
Der Hungerwinter 1945/1946, in dem es dazu noch fürchterlich kalt war, ist vielen Menschen als Katastrophe in Erinnerung geblieben.
Es war der nackte Überlebenskampf.
Die letzten entbehrlichen Wertgegenstände wurden bei den Bauern in den umliegenden Dörfern gegen Brot, Eier oder ein Stück Speck eingetauscht. Beim Stöbern nach Heizmaterial in der Trümmerlandschaft stieß man hier und da noch auf Tote.
Am 1. Juli 1945 fand auf dem Hoeschplatz ein Gedenkgottesdienst für die Toten vom 16. November 1944 statt. Der Bischof von Aachen zelebrierte ein Pontifikalamt, und der Domchor sang mit Orchesterbegleitung ein Requiem.
Bürgermeister Stiegler, der erste von der Militärregierung eingesetzte Dürener Bürgermeister, hielt eine Ansprache. Dechant Adolphs ermahnte die Dürener, „mit christlichem Mut an die schwere Aufgabe des Wiederaufbaues zu gehen“. Bei dem Luftangriff vom 16. November 1944 waren Schätzungen zufolge rd. 5.000 Tote zu beklagen, von denen viele erst nach 1945 nach Einstellung der Kämpfe aus den Trümmern geborgen wurden. Andere Schätzungen beziffern die Zahl der Toten auf 8.000 - 10.000 wegen der vielen Soldaten und Fremdarbeiter, die zum Zeitpunkt in der Stadt waren. Genau wird man es wohl nie erfahren.
Vom Kölnplatz (heute Friedrich-Ebert-Platz) konnte man quer über die Schuttberge den Bahnhof oder das Amtgerichtsgebäude sehen, und vom Hoeschplatz sah man die Ruine des Neuen Wasserturms auf dem Kölnplatz. Alles schien unwirklich nah, als ob die Entfernungen geschrumpft seien.
Durch die Trümmerwüste hatten die Amerikaner mit Bulldozern über die Kölnstraße-Markt-Oberstraße eine Schneise freigemacht, und an manchen Trümmergrundstücken stand ein Brett mit der Aufschrift „Hier lebt keiner mehr“ oder z. B. „Oma und die Kinder sind in XYZ“.
Und trotz der geschilderten Zustände geschah das Erstaunliche. Die zurückgekehrten Arbeiter und Angestellten gingen mit neuem Mut in den Fabriken und Stadtwerken an den Wiederaufbau, und dies gegen wertloses Geld als Lohn, denn es galt die „Zigarettenwährung“. Eine „Aktive“, dies war eine amerikanische Zigarette, wurde mit 7,– RM bewertet. Vorrang beim Aufbau hatten Eisenbahnen, Straßen, kommunale Versorgungseinrichtungen und der Bergbau. Ehemalige Mitglieder der NSDAP wurden von der Militärregierung zum Schutträumen und Enttrümmern der Straßen eingesetzt.
Sitz der Militärregierung in Düren war das Amtsgerichtsgebäude, worin im Juli 1945 auch das Bürgermeisteramt und zunächst auch das Landratsamt untergebracht wurden.
In dieser Zeit, in der jeder mit seinen eigenen Problemen schon völlig ausgelastet war, trafen sich bereits einige Sozialdemokraten in Düren, Jülich und verschiedenen Orten des Kreisgebietes, welche die 12 Jahre Diktatur recht und schlecht überlebt hatten, zu ersten Beratungen über den Wiederaufbau der Parteiorganisation vor Ort und der kommunalen Selbstverwaltung.
Die Initiative ging in Düren von Josef Hecker aus (langjähriger Leiter des Fuhrparks und der Dürener Feuerwehr nach dem Kriege). Die Kontaktaufnahme gestaltete sich natürlich ohne funktionierendes Telefonnetz und ohne Post äußerst schwierig. Zudem hatten sich meistens die Anschriften geändert, weil die alte Wohnung zerstört war. Auch die bange Frage, ob der eine oder andere überhaupt noch lebte, schwebte im Raum.
Zu den ersten Genossen, die im Sommer 1945 zu diesen ersten Gesprächen im Fuhrpark an der Rurstraße zusammenkamen, gehörten neben Josef Hecker: Franz Ciesielskie, Hubert Frank, Josef Dahmen, Josef Begasse, Arnold Michels, Peter Geuer, Jean Römer, Peter Ramacher und Josef Coenen. Aus Birkesdorf kamen Martin Laven und Fritz Pley, aus Derichsweiler der aus dem KZ Sachsenhausen befreite Hubert Gasper und aus Lendersdorf/Krauthausen Gerhard Fuß. […]
Hubert Gasper und Gerhard Fuß bemühten sich als erste auch wieder um den Aufbau eines neuen SPD-Kreisverbandes und stellten die Kontakte her. Zusammen mit Willi Esser aus Kreuzau reiste Gerhard Fuß in einem klapprigen, mit Holzgas betriebenen Auto durch das Kreisgebiet, wobei er auch Stützpunkte für den Wiederaufbau des Verbandes der Kriegsinvaliden einrichtete. Hubert Gasper begann zusammen mit Maria Kaufhold und Klara Hecker im Herbst 1945, die Arbeiterwohlfahrt wieder aufzubauen. Auf dem Fuhrparkgelände an der Rurstraße konnte zu diesem Zweck der Bau einer Baracke organisiert werden. […]
Die Versorgung der Menschen mit den notwendigsten Grundnahrungsmitteln, die Reparatur und Winterfestmachung der zerstörten Wohnungen, die Versorgung mit Hausbrand, die Wiederherstellung der Wasserversorgung und vieles mehr waren Sorgen, welche im Vordergrund standen. Dazu mußten Kontakte mit der Militärregierung hergestellt werden und für jede Zuteilung und Maßnahme Anträge gestellt und Genehmigungen eingeholt werden. Nachdem der Alliierte Kontrollrat im September 1945 die offizielle Tätigkeit von demokratischen Parteien in Deutschland wieder zugelassen hatte, konnte die SPD wieder Ortsgruppen bilden und mit Genehmigung der Militärregierung öffentlich auftreten.
Schon am 28. Oktober 1945 organisierte Josef Hecker eine Kundgebung der SPD in einer Halle des Schlachthofes in Düren. Es sprachen Oberregierungsrätin Hanna Meuter (SPD) und der Chefredakteur Wilhelm Kindermann, beide aus Aachen. Für den Regierungsbezirk Aachen hatte die Militärbehörde Ludwig Philipp Lude, SPD, als Regierungspräsident eingesetzt (1945-1950). Lude war bereits vor 1933 SPD-Mitglied und während der Nazizeit Leiter einer illegalen Widerstandsgruppe in Aachen. Die letzten Kriegsjahre hatte er im KZ verbracht. […]
Dieses Thema [Vereinigung KPD und SPD] hat die Parteigremien in den Wintermonaten und im Frühjahr 1946 noch intensiv beschäftigt. Auch in unserem Raum war dies in den Versammlungen von SPD und KPD Gegenstand der Diskussionen. Die Initiative pro Vereinigung ging hier von den KPD-Lokalgrößen Max Eichler und Michael Braun aus.
Hans Iven erinnert sich an Diskussionen innerhalb der SPD in Birkesdorf, die pro und kontra Vereinigung geführt wurden, und an eine von der KPD initiierte Großveranstaltung bei Kuckertz, wo er nach einer Wortmeldung zu diesem Thema als „Dr. Schumacher-Embryo“ ausgeschimpft wurde. Die Kommunisten im Kreis Düren feierten die Vereinigung in der Ostzone 1946 mit einer Feierstunde im Kinosaal in Birkesdorf, wo auch die neue SED-Fahne gehißt wurde. In den ersten Januarwochen 1946 verabschiedeten Delegiertenkonferenzen in Hannover und Frankfurt Entschließungen, die sich gegen eine Vereinigung mit der KPD aussprachen.
Unterdessen konstituierten sich auch im Kreis Düren die SPD-Gruppen wieder neu. In Birkesdorf fand z. B. nach einer ersten öffentlichen Versammlung im November die Neugründung des traditionsreichen Ortsvereins am 1. Dezember 1945 im Restaurant Kuckertz statt. Martin Laven, der in den Gefängnissen der Nazis schwer gelitten hatte, wurde zum 1. Vorsitzenden gewählt.
Schon 1946 hatte der Ortsverein wieder 136 Mitglieder. Auch in Arnoldsweiler und Derichsweiler wurden bereits Ende 1945 die Ortsvereine neu gegründet.
In Arnoldsweiler kamen 20 Mitglieder zusammen und wählten Michael Kraus zu ihrem 1. Vorsitzenden, und in Derichsweiler wurde Hubert Gasper zum Vorsitzenden gewählt.
Um die Jahreswende 1945/1946 setzten sich SPD-Mitglieder aus dem Kreisgebiet zusammen und besprachen die Neubildung eines Kreisverbandes. Zu dieser Gruppe gehörten Gerhard Fuß, Hubert Gasper, Josef Hecker, Dr. Meisenheimer, Jakob Hackenbroich, Martin Laven, Lehrer Linden und Jean Römer.
In einer Ausgabe der „Aachener Nachrichten“, 2. Jahrgang Nr. 4 vom 15. Januar 1946 steht die Mitteilung: „Am Sonntag, 20. Januar 1946 findet die erste SPD-Delegiertenkonferenz des Kreises Düren statt, in Birkesdorf, Kinosaal.“ Leider existiert von dieser Konferenz kein Protokoll mehr, es ist aber anzunehmen, daß sich der erste Vorstand aus den vorher genannten Personen zusammensetzte. Erinnerungen älterer SPD-Mitglieder zufolge soll es in der Aufbauphase 1946 drei gleichberechtigte Vorsitzende gegeben haben: Fuß, Gasper und Hecker.
Thema der Konferenz waren sicher auch die neu eingesetzten Gemeinderäte und Kreistage. Zu den ersten jungen Mitgliedern, die neu zur SPD kamen, zählten der aus englischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Hermann Koch, der mit dem weiteren Aufbau der Arbeiterwohlfahrt betraut wurde, der spätere Landtagsabgeordnete Josef Heinrichs, welcher sich zuerst der christlichen Arbeiterjugend angeschlossen hatte, dann aber enttäuscht zur SPD kam, und der spätere Bundestagsabgeordnete Hans Iven, der mit dem Aufbau einer Jugendorganisation „Die Falken“ beauftragt wurde.
Iven erinnert sich daran, daß zunächst noch die Gründung politischer Jugendverbände verboten war, er beantragte deshalb mit Hilfe von Bert Biergans beim englischen Kommandanten die Gründung des „Jugendring Eifelland“. Fritz Heusgen – der Sohn des Dürener SPD-Gründers Josef Heusgen – stellte sein Wochenendhaus in Obermaubach zur Verfügung, wo die Jugendgruppe Wochenendveranstaltungen durchführte und von den Engländern mit zusätzlichen Lebensmitteln versorgt wurde.
Ebenfalls in den „Aachener Nachrichten“ vom 20. Januar 1946 steht eine Notiz, wonach die SPD-Kreisgruppe in der Geschäftsstelle Rurstraße 51 (Baracke am Fuhrpark) mit Josef Hecker Sprechstunden abhält.
Die Militärregierung der britischen Zone hatte um diese Zeit Bürger, die unbelastet vom Nationalsozialismus waren, zu Stadt- und Gemeinderäten sowie Kreistagsabgeordneten ernannt. Am 15. Dezember 1945 und am 26. Januar 1946 fanden die beiden ersten Kreistagssitzungen in einem Saal des Amtsgerichtes Düren statt. Die Räte setzten sich zusammen aus Vertretern der neu zugelassenen Parteien, Vertretern von Verbänden, Gewerkschaften, Kirchen und Berufsständen (Innungen).
Im Dürener Kreistag war die SPD vertreten mit: Josef Hecker, Düren, Jean Römer, Düren, Gerhard Fuß, Lendersdorf/Krauthausen, Hubert Gasper, Derichsweiler, Maria Kaufhold, Rölsdorf, Franz Ciesilskie, Düren, und Heinrich Heinen.
Landrat Seeger, den die Militärregierung schon im März 1945, also noch vor Kriegsende, ernannt hatte, begrüßte 55 Bürgerinnen und Bürger aus dem Kreisgebiet, und Oberst Wilkens von der Militärregierung sagte zur Eröffnung unter anderem:
„Sie haben einen verantwortungsvollen Posten und übernehmen damit eine sehr schwere Arbeit. Bei Ihrer schwierigen Aufgabe dürfen Sie der Tatsache versichert sein, daß die Militärregierung Ihnen ihre Unterstützung geben wird. Sie sollen das Wirtschaftsleben im Kreis Düren wieder in Gang bringen, auf der Grundlage, wie es die gegenwärtige Zeit erfordert. Die Militärregierung wird Ihnen dabei ihre Unterstützung nicht versagen …“. […]
Die ernannten Gemeinde- und Stadträte traten in den ersten drei Monaten des Jahres 1946 zur ersten Sitzung zusammen. Der Dürener Stadtrat tagte zum ersten Mal am 5. März 1946 im Amtsgerichtsgebäude. Bei den 29 Dürener Bürgerinnen und Bürger waren für die SPD dabei: Josef Dahmen, Peter Geuer, Klara Hecker, Franz Ciesielskie, Hubert Schlepütz und Fritz Schwitzer. Der Stadtkommandant Robert Wilkens begrüßte die Anwesenden, und Regierungspräsident Lude aus Aachen hielt eine Ansprache. In dieser Sitzung wurde Herr Hammans als Bürgermeister bestätigt; Hammans wurde im Oktober 1945 als Nachfolger von Alfred Stiegler zum Bürgermeister ernannt. […]
Aufgaben und Arbeit dieser ersten Räte sind unter heutigen Verhältnissen kaum noch zu begreifen. In den Städten und einigen Dörfern, z. B. in Hürtgenwald, herrschte das absolute Chaos, spärlichste Hilfsmittel, schlecht geheizte Sitzungsräume, Hunger und abgewetzte Kleidung und ein unübersehbarer Berg schier unlösbarer kommunaler Probleme. In kleinen Schritten begann man mit der Reparatur der Wasserversorgung und Stromleitungen, der Herrichtung von Schulräumen, Reparatur von Einrichtungen für die Krankenversorgung usw. Aber auch die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Hausbrand, Glas, Dachziegeln und anderem gehörte zu den Aufgaben, denn alles wurde in Kontingenten über ein Bezugscheinsystem zugeteilt. Drei bis vier Stunden in der Schlange anstehen, um in einem Lebensmittelladen 1/4 Pfund Butter oder 5 Pfund Kartoffeln mit Bezugscheinen zu kaufen, war keine Seltenheit.
Stadtbaurat Dauer schlug in einer Ratssitzung am 27. Mai 1946 in Düren vor, die Stadt an ihrer alten Stelle wieder aufzubauen und zunächst einmal von Nord nach Süd und von Ost nach West die Hauptstraßenzüge freizulegen. Es gab aber auch Stimmen, die vorschlugen, die Stadt auf einem freien Gelände am Stadtrand völlig neu zu bauen. Der englische Publizist Victor Gollancz besuchte 1946 das zerstörte Deutschland und kam auf seiner Reise auch nach Jülich und Düren. In Jülich besichtigte er mit Stadtdirektor Stadthagen die Stadt. Gollancz war entsetzt über das Ausmaß der Zerstörungen und das Leid der Bevölkerung. Seinen Eindruck hat er in dem Buch „In Darkest Germany“ festgehalten. Der Stadt Jülich ist in dem Buch ein Kapitel „Little Jülich“ gewidmet. Straßennamen in Düren und Jülich erinnern an den Sozialisten und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels. […]
In Düren sammelten sich die Mitglieder des Ortsvereins nach Erinnerung von Arnold Michels im März oder April 1946 zum ersten Mal. Das genaue Datum ist nicht bekannt. Zum 1. Vorsitzenden nach dem Krieg wurde der Buchdruckermeister Hubert Frank gewählt und zum Stellvertreter Josef Hecker.
Weitere Mitglieder des ersten Vorstandes waren: Peter Geuer, Josef Dahmen, Arnold Michels, Franz Ciesielski, Jean Römer, Fritz Heusgen und Emil Nather.
Aus einer Aufzeichnung von Jean Römer vom 26. November 1946 geht hervor, daß die Ortsgruppe Düren der SPD zu diesem Zeitpunkt etwa 1.200 Mitglieder hatte. Diese Zahl verblüfft. Sie wird aber aus folgendem Umstand verständlich: Die politischen Organisationen hatten auch Einfluß auf die Verteilung von Sonderzuteilungen, wie z. B. Maismehl, Heringe oder auch Care-Pakete aus amerikanischen Hilfslieferungen. Die Mitgliederzahl ging folgerichtig nach der Währungsreform 1948 wieder zurück.
Die „Aachener Nachrichten“ berichten am 10. März 1946 über die erste Versammlung des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ Kreis Düren.
Unter der Leitung von Josef Hecker wurde Arnold Michels zum 1. Vorsitzenden gewählt, 2. Vorsitzender Josef Koch, Kassierer Alfred Gerhard und Schriftführerin Käthe Nöllgen.
In einer Kreistagssitzung am 14. März 1946 stellte Landrat Armin Renker, der im Januar Nachfolger des 1. Landrates Seeger wurde, den neuen Oberkreisdirektor Dr. Alfred Grube (SPD), Düsseldorf, vor. Grube war auch bereits vor 1933 Mitglied der SPD.
In der gleichen Sitzung wurde – wie in allen Kreistagen – der Entnazifizierungsausschuß gewählt.
Die Entnazifizierung war eine besondere Geschichte im Jahr 1946. Alle Personen über 18 Jahre erhielten einen Fragebogen mit 133 Fragen, die beantwortet werden mußten und Auskunft über das Verhalten während der Nazizeit geben sollten.
Die Entnazifizierung war nach einem Gesetz des Alliierten Kontrollrates angeordnet worden. Danach mußten im Frühjahr 1946 bei allen Kreisverwaltungen Entnazifizierungsausschüsse eingerichtet werden. Daneben gab es bei allen Amtsgemeinden im Kreisgebiet noch Unterausschüsse, die dem Hauptausschuß zuarbeiteten. Darüberhinaus existierte bei der Bezirksregierung in Aachen noch ein Revisionsausschuß zur Bearbeitung von Einsprüchen gegen Urteile bzw. Einstufungen.
Die Mitglieder der Ausschüsse wurden von den Parteien vorgeschlagen und kamen aus allen Gesellschaftsschichten. Da der Hauptausschuß bei der Kreisverwaltung permanent tagte, d.h. über die normale Wochenarbeitszeit wie die Verwaltung arbeitete, mußten sich die Ausschußmitglieder von ihrer beruflichen Tätigkeit freistellen lassen. Für die Kosten mußte der Kreis eine besondere Haushaltsposition einrichten.
Der Ausschuß arbeitete die einzelnen Fälle nach Einstufungsgraden auf. Es gab insgesamt 5 Kategorien: Hauptschuldige bzw. Kriegsverbrecher, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Unbelastete. Die letzte Entscheidung lag bei der Militärregierung, welche die Oberaufsicht führte.
Die Strafen konnten vom Ausschluß aus öffentlichen Ämtern und Aberkennung des Wahlrechts bis zu zehn Jahren Gefängnis und Einziehung des Eigentums reichen. Auch in den Kreisen Düren und Jülich gab es zahlreiche Personen, die sich während des „Tausendjährigen Reiches“ als braune Herrenmenschen gebrüstet und wie Sklaventreiber benommen hatten und nun aus ihren Ämtern, vornehmlich in den öffentlichen Verwaltungen der Kommunen, Bahn und Post, die sie zum Teil wieder eingenommen hatten, entfernt wurden.
Es gab Verhaftungen, darunter z.B. der ehem. Kreisleiter Binz, und Zurückstufungen vom Beamtenverhältnis in ein Lohnverhältnis, welches mit dem Arbeitseinsatz an einem anderen Ort verbunden war.
Den Betroffenen wurde über ihre Einstufung eine Bescheinigung ausgestellt. Das Verfahren erzeugte viel Ärger wegen Ungleichbehandlung und unterschiedlicher Handhabung der Einstufungsrichtlinien, die vom Alliierten Kontrollrat festgelegt worden waren. Auch spielten persönliche Rachemotive von Ausschußmitgliedern eine Rolle, in Zweifelsfällen mußten Betroffene auch persönlich vor dem Ausschuß erscheinen. Auf jeden Fall schuf die Maßnahme die Voraussetzung dafür, daß die politische Bühne, bis auf Ausnahmen, von den Nazigrößen gesäubert wurde.
Erst nach Bildung einer Regierung im neuen Bundesland NRW wurde Anfang 1948 das Entnazifizierungsverfahren ganz auf deutsche Behörden übertragen. Die Folge war eine Flut von Berufungsverfahren, in denen bisher Belastete jetzt als Mitläufer eingestuft wurden. Über alte „Seilschaften“ wurden jede Menge Entlastungszeugen beigebracht, um in den Besitz des begehrten „Persilscheins“ (im Volksmund für „reingewaschen von Schuld“) zu kommen. Das ganze Verfahren verlor zunehmend an Glaubwürdigkeit. Mitte 1949 wurden die meisten Entnazifizierungsausschüsse wieder aufgelöst.
Die Ausschüsse waren sehr stark mit Sozialdemokraten und Kommunisten besetzt, weil diese unbelastet waren. Dies wirkte sich im Wahlverhalten der Masse Entnazifizierter für die SPD zunächst nachteilig aus, wie sich schon im Herbst 1946 bei den ersten freien Kommunalwahlen zeigen sollte.
Die Lebensmittelversorgung brach 1946 zeitweise völlig zusammen. Nach der schwerwiegenden Entscheidung der Amerikaner und Briten in Potsdam im Juli 1944 wurde die deutsche Bevölkerung aus den preußischen Ostprovinzen vertrieben. Die britische und die amerikanische Zone mußten 5,9 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, in der russischen Zone blieben zunächst rd. 3 Millionen Flüchtlinge. Insgesamt fast 9 Millionen Menschen mußten ihre Heimat verlassen. Die Franzosen schotteten ihre Zone gegen den Zustrom ab, weil sie in Potsdam nicht mit am Verhandlungstisch gesessen hatten.
Hermann Koch erinnert sich an das „Schweizer Hilfswerk“, welches Baracken aufbaute, z. B. auf dem Freiheitsplatz in Düren, wo mit Hilfe der Arbeiterwohlfahrt Kinderspeisungen durchgeführt wurden. An den Schulen wurden mit ausländischer Hilfe „Schulspeisungen“ eingeführt. Die Versorgungslage war je nach „Beziehungsgrad“ in den einzelnen Familien unterschiedlich; es gab Kinder, die zur Frühstückspause nur eine trockene Scheibe Brot oder nichts dabei hatten und andere, die mit Wurst oder Käse belegte Stullen mitbrachten. […]
Am 15. September 1946 fand die erste freie Kommunalwahl statt. Das erste Flugblatt der SPD für die Wahlwerbung nach dem Krieg zeigt eine junge Mutter mit ihrem Kind, Symbol für die Not, aber auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Auftakt zum Wahlkampf war in Düren eine Großkundgebung der SPD am 15. August 1946.
Aus dem überfüllten Saal des Amtsgerichtes wurde eine Rede von Senator Wolters aus Bremen mit Lautsprecher nach draußen übertragen. Marschmusik war bei diesen Veranstaltungen noch üblich, und Josef Dahmen sprach über die Dürener Probleme.
Die Wahl, welche noch nach englischem Mehrheitswahlrecht abgehalten wurde, war eine herbe Enttäuschung für die SPD. Von den 27 Stadtratsmandaten erhielt sie nur 4: Josef Dahmen, Peter Geuer, Johann Kalmuth und Josef Wild. […]
Auch die erste freie Kreistagswahl, die am 13. Oktober 1946 stattfand, brachte ein ähnliches Ergebnis für die SPD. Von den 42 Mandaten des Dürener Kreistages erhielt sie nur 4 Mandate. Dies waren Jean Römer und Adolf Eschweiler, beide aus Düren, Hubert Gasper, Derichsweiler, und Johann Kappert aus Kreuzau. Besonders politisch tragisch war z.B. bei dieser Wahl das Schicksal von Gerhard Fuß, der als Widerstandskämpfer und KZ-Häftling kein Mandat erhielt. Durch Verzicht von Adolf Eschweiler konnte er etwas später nachrücken. […]
Die Genossen stellten sich die Frage, warum die Sozialdemokraten, die unter dem Naziterror tausendfach gelitten hatten, geringere Chancen bei der Wahl hatten.
In einigen Landgemeinden war die SPD erfolgreicher. So errang sie z. B. in Arnoldsweiler die absolute Mehrheit und stellte mit Theo Fuß den 1. Bürgermeister. Auch in Inden wurde der bereits von der Militärregierung eingesetzte Bürgermeister Robert Bott (SPD) durch die Mehrheit der Stimmen im Amt bestätigt.
In Birkesdorf kam die SPD auf 47,8% der Stimmen und stellte mit Wilhelm Melcher den Bürgermeister; Fritz Pley (SPD) wurde Amtsdirektor.
Aus der Kandidatenliste der SPD für die Kreistagswahl, veröffentlicht in den Aachener Nachrichten vom 9. Oktober 1946, sind die Namen von weiteren SPD-Mitgliedern ersichtlich, die in den Dörfern des Kreises in dieser schweren Zeit für die SPD schon aktiv waren. Sie sind deshalb nachstehend aufgeführt: Hubert Braun, Gürzenich, Jakob Hackenbroich, Weisweiler, Jakob Meisen, Langerwehe, Matthias Kesseler, Frauwüllesheim, Wilhelm Rühe, Niederzier, Michael Kraus, Arnoldsweiler, Heinrich Pingen und Severin Böhr, Merzenich, Peter Nöllgen und Jakob Jungherz, Rölsdorf, Heinrich Schmitz, Morschenich, Karl Schmitz, Köttenich, Friedrich Dick, Merken, Johann Voiß und Hubert Gasper, Derichsweiler, Johann Kappert und Heinrich Pauly, Kreuzau, Johann Meier, Winden, Peter Schiffer, Drove, Karl Koll, Hürtgen, Matthias Huppertz, Gey, Lorenz Karl, Birgel, Martin Vogel, Obermaubach, Friedrich Kobertz und Peter Hamacher, Pier.
Als eine der ersten Amtshandlungen des neuen Dürener Stadtrates beschloß dieser, die Firma Mielke, Soest, mit der Enttrümmerung der Stadt zu beauftragen. Im folgenden Jahr 1947 begann die Firma, mit Bagger und Kleinbahnloren die Schuttberge abzutragen. Über viele Monate durchzog ein Netz von Kleinbahnschienen die Innenstadt. Sie führten über eine Aufbereitungsanlage in der Nähe des Jesuitenhofes zum Rand des Burgauer Waldes, wo Schuttberge entstanden. Heute befindet sich dort zwischen den Hügeln eine Schießsportanlage.

Das Jahr 1946 wäre aber unvollständig beschrieben, fände der Kriegsverbrecherprozeß keine Erwähnung. Vom 14. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 fand in Nürnberg der Prozeß gegen 24 führende NSDAP-Politiker und Militärbefehlshaber statt. Täglich wurde im Radio, viele hatten noch einen alten „Volksempfänger“, über den Fortgang des Prozesses berichtet. Erstmals wurden detailliert Kriegsverbrechen und Greueltaten in von Deutschland besetzten Gebieten während des Krieges bekanntgegeben, sowie Einzelheiten über den millionenfachen Mord an Juden und anderen Häftlingen in Konzentrationslagern. Untaten, welche deutsche Menschen, Bürger aus unserem Land begangen hatten, man konnte es kaum glauben.
Und so war es auch, viele wollten es nicht glauben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Der Chronist erinnert sich an Gespräche, wo es hieß, dies seien alles Erfindungen der Siegermächte, speziell für den Prozeß. Der biedere Bürger konnte es nicht fassen, „man hatte ja nichts gewußt“. Im Bewußtsein war zwar die Existenz von „KZ“, aber da kamen ja nur Leute hin, die gegen Hitler waren, und der „Führer“ sorgte dafür, „daß die dort mal hart arbeiteten und auf den richtigen Weg gebracht wurden“.
Kritische Fragen nach der großen Zustimmung für Hitler in den 30er Jahren wurden meist mit Schweigen und einem vorwurfsvollen Blick beantwortet. Im übrigen hatte nach eigenem Bekunden kaum noch jemand Hitler gewählt.
Die schreckliche Wahrheit dämmerte erst langsam in den meisten Köpfen, obwohl fast jede zweite Familie Hitlers Buch „Mein Kampf“ besessen hatte. Zugunsten dieser Generation wollen wir annehmen, daß es die meisten nicht gelesen haben. Erinnerungen von noch lebenden Zeitzeugen, also heute 80- bis über 90jährigen, wurzeln zum großen Teil in den persönlichen Erlebnissen, gute, aber auch leidvolle Erinnerungen aus den Jahren des Krieges. Dahinter sind die Ursachen verdrängt.

Damals hörte man immer wieder den Satz: „Mit Politik will ich nichts mehr zu tun haben, ich habe endgültig die Schnauze voll“. Aber auch die Jugend stand der neuen Situation – bis auf wenige Ausnahmen – weitgehend skeptisch und orientierungslos gegenüber. Sie war plötzlich ihrer Vorbilder beraubt und um ihren Glauben an die Allmacht des NS-Regimes betrogen. Der Chronist erinnert sich aus seiner Jugendzeit, daß man im weiten Umfeld der Gesellschaft, in Schulen, Verwaltungen, Lehrwerkstätten und Ausbilderstätten nur das Allerbeste über Hitler und das politische System gehört hatte. Selbst der Dechant betete am Ende einer jeden Messe für Führer, Volk und Vaterland. In der Schule wurde die preußische Geschichte glorifiziert, die über Bismarck nahtlos zu Hitler führte. Die Weimarer Republik existierte im Geschichtsunterricht nicht.
Daß es auch große Künstler, Erfinder, Schriftsteller, Musiker und Weltmeister im Sport anderer Völker gab, hörten wir erst nach dem Kriege.
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß endete mit 12 Todesurteilen, dreimal lebenslänglich Gefängnis, zweimal 20 Jahre Gefängnis, einmal 15 Jahre und einmal 10 Jahre Gefängnis sowie drei Freisprüchen.
Im Juli 1946 verkündete der Oberbefehlshaber der britischen Zone, Luftmarschall Sir Sholto Douglas, die Entscheidung über den Zusammenschluß der Nordrheinprovinz und Westfalens zum neuen Land „Nordrhein-Westfalen“ mit der Hauptstadt Düsseldorf. Wirtschaftliche Gründe waren für diese Entscheidung maßgebend. Wahlen für den Landtag dieses neuen Landes wurden auf den 20. April 1947 festgesetzt. Der Wahlkampf hierzu hatte seinen Höhepunkt im April 1947.
Der SPD-Kreisverband Düren organisierte für den 11. April 1947 eine Großveranstaltung auf dem Gelände des Fuhrparks. Gerhard Fuß hatte dazu den Parteivorsitzenden Dr. Schumacher gewonnen. Das Gelände war dicht gefüllt mit Menschen. Schumacher führte in seiner Rede u. a. aus: „Die KPD ist die Staatspartei einer Siegermacht und steht außerhalb des deutschen Parteiensystems“, und zur CDU gewandt sagte er: „Die Feinde des Christentums sind diejenigen Leute, die mit dem Christentum politische Geschäfte zugunsten ihres Geldbeutels machen“.
Größere politische Veranstaltungen fanden in der Regel in Düren in einer leeren Halle der Metallwerke statt. Im Vorfeld dieser ersten Landtagswahl trat dort im April 1947 auch der spätere Bundeskanzler Dr. Adenauer auf.
Widerstand und ablehnende Haltung der Kirchen gegen die Sozialdemokratie, ein Zustand, den die SPD nach den tausendfachen gemeinsamen Opfern während der Nazi-Diktatur für begraben hielt, waren in diesem Wahlkampf plötzlich wieder aufgetaucht. Im Protokoll über eine Kreiskonferenz der SPD vom 19. Januar 1947 in Jülich unter dem Vorsitz von Franz Müller wird folgende Situation geschildert (Protokollauszug):
„Von den einzelnen Debattenrednern wurde scharf kritisiert, daß von bestimmten Kreisen die Geistlichkeit in den Wahlkampf eingespannt worden sei, was den Genossen der SPD, insbesondere auf dem platten Lande, besondere Schwierigkeiten bereite.
Als dann inzwischen auch Genosse Lude (Anm.: Reg.Präs. Aachen) zur Konferenz erschienen war, wurde die Frage gestellt, was die Regierung für eine Stellungnahme zeige, daß die Geistlichkeit in den Wahlkampf eingreife? Genosse Lude erklärte zu dieser Frage, daß es jedem Bürger gestattet sei, nach seiner Überzeugung sich im Wahlkampf zu beteiligen, obwohl es angebracht erscheine, daß nach seiner persönlichen Meinung die Geistlichkeit sich aus der Politik heraushalten solle.
Wer die Kämpfe der SPD aus den Jahren vor 1914 nicht nur erlebt, sondern persönlich aktiv mit ausgetragen habe, sei von diesen Dingen nicht überrascht, diese Schwierigkeiten aus den Jahren bis 1914 sind alten Parteigenossen hinreichend bekannt. Aber es sei bedauerlich, wenn heute, nach 12 Jahren Hitlerregime, die Bürger sich von der Geistlichkeit in ihrer politischen Auffassung bedrängen ließen, denn in einem demokratischen Lande sei jedem Staatsbürger volle Meinungsfreiheit gewährleistet und somit auch seine politische Überzeugung unantastbar.“ […]
Im April 1947 konnte der SPD-Kreisverband Düren auch endlich ein neues Büro für die Geschäftsstelle in der Holzstraße 52 beziehen. Heinz Meisen aus Birkesdorf wurde als erster Parteisekretär eingesetzt. Aus den nur spärlich vorhandenen Zeitungsberichten über die Arbeit des SPD-Kreisverbandes in dieser Zeit und Hinweisen in erhaltenen Protokollen einiger Ortsvereine, z. B. Arnoldsweiler, sind Fakten über eine weitere Kreiskonferenz am 22. Februar 1948 bekannt. In der Konferenz, welche im Amtsgerichtssaal in Düren stattfand, berichtete Gerhard Fuß und Heinz Meisen über die Arbeit des Kreisverbandes und Kreiskassierer Peter Geuer gab den Kassenbericht.
Bei der Vorstandswahl wurde Gerhard Fuß zum Vorsitzenden gewählt und Peter Geuer zum Kassierer. Mitglied im Vorstand waren noch:
Josef Hecker und Jean Römer, Düren, Dr. Meisenheimer, Düren, Matthias Kesseler, Frauwüllesheim, Hubert Gasper, Derichsweiler, Martin Laven, Birkesdorf, Josef Heinrichs, Lendersdorf, Michael Kraus, Arnoldsweiler, Jakob Hackenbroich, Weisweiler und Emma Schurig, Krauthausen.
Als politische Themen beschäftigten die Konferenz zwei aktuelle Probleme: Einmal die Demontagepolitik der Besatzungsmacht und zum anderen der Rücktritt von Landrat Renker (CDU) wegen seiner Einstellung zum Fall des früheren Kreisleiters Binz (NSDAP). […]
Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 wurde die alte Reichsmark von der Deutschen Mark abgelöst. Jeder Erwachsene erhielt ein „Kopfgeld“ von sechzig Mark und jeder Unternehmer zusätzlich pro Beschäftigten 60,– DM. Die Sparguthaben wurden im Verhältnis 100 : 5 abgewertet; Geld, das zu Hause im Sparstrumpf lag, wurde wertlos. Die Aktien behielten ihren Wert.
Unmittelbar nach Einführung der „DM“ waren die Läden wieder voll mit Waren, die man ohne Bezugschein kaufen konnte.
Heinz Kühn prangerte in einer Wahlkampfveranstaltung der Dürener SPD am 6. Oktober 1948 im Schauburg-Kino am Wirteltorplatz die Hortung von Warenpolstern vor der Währungsreform an. „Die Maßnahme stellt sich jetzt als größter Betrug am schaffenden Volk heraus“, sagte er, „Werte wurden für wertloses Geld geschaffen, womit Unternehmer sich in kurzer Zeit bereichern konnten. Unternehmer verwandeln eine RM in 3 DM, während dem arbeitenden Volk die Spargroschen verlorengingen“. […]
Der neue Landtag hatte unter anderem ein neues Kommunalwahlgesetz beschlossen, das Verhältniswahlsystem wurde damit eingeführt. Die ersten Kommunalwahlen nach diesem neuen Wahlsystem fanden am 17. Oktober 1948 statt. Die Zahl der Mandate stieg für die SPD in den Räten wieder steil nach oben.
Das Wahlergebnis für den Kreistag in Düren bei einer Wahlbeteiligung von 68,9% lautete:
SPD 37% = 16 Sitze
CDU 47,9% = 21 Sitze
RVP 9,5% = 4 Sitze.
Die KPD war mit 4,9% an der neuen 5%-Hürde gescheitert.
Gewählt wurden für die SPD:
Gerhard Fuß, Geschäftsführer, Niederau, Stellv. Landrat
Jean Römer, Angestellter, Düren, Fraktionsvorsitzender
Peter Geuer, Gewerkschaftssekretär, Düren
Josef Heinrichs, Angestellter, Lendersdorf
Arnold Michels, Gewerkschaftssekretär, Düren
Josef Coslar, Maschinist, Winden
Peter Hamacher, Metallarbeiter, Pier/Pommenich
Martin Laven, Invalide, Birkesdorf
Peter Lothmann, Kaufmann, Derichsweiler
Heinz Meisen, Parteisekretär, Birkesdorf
Wilhelm Melcher, Kaufmann, Birkesdorf
Emma Schurig, Hausfrau, Niederau
Wilhelm Rühe, Angestellter, Niederzier
Michael Kraus, Werkmeister, Arnoldsweiler
Engelbert Keller, Industriekaufmann, Gürzenich
Wilhelm Glier, Arbeiter, Langerwehe […]
Bei der Stadtratswahl erzielte die SPD in Düren 8 Mandate.
Dies waren:
Peter Geuer, Stellv. Bürgermeister
Josef Dahmen, Fraktionsvorsitzender
Arnold Michels, Ludwig Erdmann, Frau Meltzow, Jakob Jungherz, Heinz Richter und der gerade aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Hans Frenken. […]
Nach der Wahl vom 17. Oktober 1948 wurden im Kreis Düren folgende Amtsbürgermeister der SPD gewählt:
Amt Birkesdorf: Martin Laven; Amt Merken: Josef Melcher; Amt Merzenich: Severin Böhr; Amt Niederzier: Wilhelm Rühe
In folgenden Dörfern des Kreises stellte die SPD nach der Wahl den Ortsbürgermeister:
Birkesdorf: Willi Melcher; Merken: Fritz Dick; Morschenich: Christian Olbertz; Oberzier: Hubert Busch; Derichsweiler: Hubert Gasper; Gey: Matthias Huppertz; Frauwüllesheim: Matthias Kesseler; Pier: Peter Hamacher; Füssenich: Heinrich Ohrem; Binsfeld: Josef Ornoth; Müddersheim: Christian Schüller; Vettweiß: Josef Jöntgen; Luchem: Wilhelm Voßen; Lucherberg: Hubert Sieven; Frenz: Alfons Becker; Arnoldsweiler: Theo Fuß; Brandenberg: Matthias Stolz.
Die meisten waren bereits seit 1946 Bürgermeister in ihrem Ort.
Am 27. November 1948 feierte der Ortsverein Derichsweiler sein 30jähriges Bestehen mit einer Festveranstaltung und Bunten Abend im Saal Müller. Die Presse und eine Festschrift des Ortsvereins berichteten über die Ereignisse. […]
Das Wirtschaftswunder ließ auch nach der Währungsreform noch auf sich warten.
Ende des Jahres 1949 gab es wieder viele erwerbslose Menschen im Kreis Düren, und Anfang 1950 registrierte man über 2 Millionen Arbeitslose in Westdeutschland.
Die Aufnahmewelle bei der SPD in den ersten Nachkriegsjahren ebbte nach der Währungsreform zunächst wieder ab. Mit der beginnenden Aufbauphase fanden jedoch auch wieder mehr junge Menschen zur SPD. Einige übernahmen schon bald Funktionen in der Partei und den Kommunalparlamenten.