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[…]
Die Schüler
Die Anordnung der Militärregierung,
den Schulunterricht zum 1. September 1945 zu beginnen, war
begründet mit der Notwendigkeit, der weiteren
Verwahrlosung der Jugend entgegenzuwirken. Die jahrelange
Bearbeitung durch die Jugendgliederungen der Partei, durch Lied
und Schrifttum, durch die allgegenwärtige Propaganda, war
doch nicht ohne Nachwirkung geblieben. Und wo das Elternhaus
und die Kirchen gegen den Einfluß der Nazis zu
immunisieren versuchten, war die Notwendigkeit des
„Mimens“ der Charakterbildung nicht gerade
förderlich. Auch nicht die vielen Einquartierungen, die
Ängste vor und während der Luftangriffe, die Keller-
und Bunkernächte, der Treck ins Ungewisse und die
Evakuierung in die Fremde, die oftmals widerwillige Aufnahme,
der Verlust von Hab und Gut, die Heimkehr in die
Trümmerwüste, wo die Not herrschte, und die
Unterscheidung von Mein und Dein so schwierig geworden war. Und
dann der Wechsel zwischen hartem Zupacken und dem
herumlungernden Ausspähen danach, wo etwas zu holen war!
Das Herumlungern sollte nun aufhören.
Viele Kinder ginge gern zur Schule, weil ihnen die lange Vakanz
doch zu lang geworden war. Es war kein angenehmer Aufenthalt.
Ein Mädchen aus Arnoldsweiler schrieb: „Die kalten
Tage des Winters 1945 auf 46 waren in der Schule doppelt
ungemütlich. Die kleinen (Bunker-)Öfen reichten
für die großen Räume nicht aus. Der Sturm
zerriß unsere Papierfenster, und der kalte Steinboden
erhöhte die Wärme keineswegs. Aber die Kinder hielten
tapfer aus und kamen regelmäßig, fanden es
vielleicht gemütlicher in unseren Schulsälen als in
ihrem notdürftig geflickten Zuhause, wo ihnen sehr oft der
regen auf den Tisch und aufs Bett tropfte.“
Wenn man in eine Klasse kam, machten die
Kinder auf den ersten Blick einen netten Eindruck, hatten sie
doch fast alle die sorgfältig bewahrten Sonntagskleider
angezogen. Aber wie blaß und schmal sahen die meisten
aus! Und das Schuhzeug! Der Schulleiter in L. meldete,
daß ein Drittel seiner Schüler ohne eigene Schuhe
sei. Bis zur Hälfte kam barfuß zur Schule, wenn das
Wetter es erlaubte. Andere behalfen sich mit abgetragenen
Schuhen der Großen, mit Pantoffeln oder Gummischuhen. Es
fehlte an Strümpfen und Unterzeug. Es gab Kinder, die
mußten sich ins Bett legen, wenn die einzige Garnitur
Leibwäsche gewaschen werden mußte.
Das Britische Rote Kreuz veranlaßte
im Januar 1946 eine Erhebung über Körpergewicht und
-größe in einigen repräsentativen Gemeinden.
Sogar in den bäuerlichen Gemeinden am Ostrand des Kreises
war ein Drittel der Schüler unterernährt. Der
Ernährungszustand der Kinder in der Stadt (besonders im
Grüngürtel), im Westen des Kreises und im Gebiet des
Hürtgenwaldes war erschreckend. Ein Viertel der
Schüler war stark unterentwickelt. Manche kamen ohne
Frühstück zur Schule. Körperpflege und
Sauberkeit litten unter den kläglichen Unterkünften
und am Mangel an Seife und Waschmitteln. Viele Kinder, bis
über die Hälfte, hatten Kopfläuse und Ausschlag,
einige sogar Kleiderläuse und Krätze. Gottlob wurden
wir von grassierenden Seuchen verschont, wenn auch im ersten
Nachkriegswinter einige Fälle von Diphterie in
Derichsweiler und Arnoldsweiler festgestellt wurden. […]
Um die Jahreswende 1945/46 begann die
Schulspeisung („Quäkerspeisung“) in Düren
und Birkesdorf. Über 600 Kinder bekamen täglich ein
viertel Liter warme Milch oder eine Suppe, außerdem gab
es ein Brötchen für diejenigen, die über 12
Jahre alt waren. Im September 1946 wurde die
Schülerspeisung auf die übrigen Schulen ausgedehnt.
Für 1,- RM wöchentlich gab es abwechselnd eine
Biskuit- und eine Erbsensuppe. Die Einrichtung der
Kochküche, die Besorgung von Kesseln, Heizmaterial und
Wasser hat manchmal Schwierigkeiten gemacht. Die Speisung war
übrigens ein wirksames Mittel gegen die
verhältnismäßig häufigen
Schulversäumnisse. Entschuldigungsgründe waren vor
allem Krankheit, Mangel an warmer Kleidung, besonders fehlendes
Schuhzeug. Einzelne Schulen meldeten bei schlechtem Wetter bis
zu einem Drittel fehlender Schüler. […]
Immer wieder wurden wir erschreckt durch
Meldungen, daß Kinder durch Auslösen von Minen,
durch Hantieren mit Handgranaten und anderer Munition
verunglückten. Ein typisches Unglück ereignete sich
vor Pfingsten 1945 in Wollersheim. Ein Bub von 7 Jahren, eben
erst aus der Evakuierung zurückgekehrt, freut sich, zwei
Spielkameraden wiederzusehen und macht gemeinsam mit ihnen
Entdeckungen in der Nachbarschaft. In der Scheune eines Onkels
sieht er auf einem Strohhaufen ein paar schöne weiße
Schnüre liegen: „Die kann ich für meine Schuhe
gut gebrauchen.“ Er zieht und zerrt daran – ein
Knall, und der Junge liegt mit zerschmettertem Kopf am Boden.
Die beiden Freunde rennen blutend davon. Drei Jungen aus
Arnoldsweiler laufen zur Autobahn und spielen da an einer
Granate herum. Ein furchtbarer Krach und eine schwarze Wolke
rufen einige Männer herbei. Sie finden einen gewaltigen
Trichter, aber die Jungen finden sie nicht. […]
Viel stärker als gelegentliche
Care-Pakete und Schweizerspenden wirkten sich der Mangel, der
Tausch- und Schwarzhandel, die Sorgen der Eltern auf die Kinder
aus. Eine neue Verwahrlosung drohte. Im Sommer 1946 wurde
über Schülerbanden aus der Stadt geklagt, welche
Felder und Gärten, vor allem im Neffeltal, heimsuchten,
bettelten, stahlen, in Scheunen und Schuppen eindrangen um zu
übernachten. Und in den jugendlichen Rabbatzkolonnen, die
Kaffee aus Belgien schmuggelten, waren auch Schüler aus
dem Westen des Kreises. […]
Lehrerinnen und Lehrer
Schon vor dem Waffenstillstand waren einige
Lehrer in ihre Dienstorte zurückgekehrt, dann kamen sie
nach und nach von diesseits, von jenseits des Rheins. […]
Alle bekamen bei der Rückmeldung den CIC-(Counter
Intelligence Corps) Fragebogen zur Vorlage beim
Entnazifizierungsausschuß und bei der
Militärregierung. An Einstellung dachte angesichts der
Trümmer noch niemand; jeder hatte genug damit zu tun, sich
notdürftig einzurichten. Die meisten Dienstwohnungen waren
von frühen Heimkehrern besetzt. Dann kam der für uns
verfrühte Neubeginn. Die britischen Behörden wollten
in ihrem Bestreben, die deutsche Jugend vom Nazigeist zu
befreien, jeden „Nazi“ von ihr fernhalten. Deshalb
sollten nur Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt werden, die
nicht Mitglieder der NSDAP gewesen waren. Die Briten konnten
sich den Druck und Zwang nicht vorstellen, den ein
totalitärer Staat auszuüben vermag. Jeder
Parteigenosse war eben ein Nazi, also zumindest ein
potentieller Verbrecher.
Nun waren im Kreis Düren nur sechs
oder sieben Lehrer, die nicht Mitglied der Partei gewesen
waren, und etwa 20 Lehrerinnen. Die Frauen hatten
kräftiger widerstanden, waren aber auch als freiwillige
Zölibatärinnen unabhängiger als die Lehrer, die
fast alle für eine Familie zu sorgen hatten. So wahr es
sein mag, daß keine Gruppe innerhalb des Lehrstandes
soviel Parteigenossen gestellt hat wie die
Volksschullehrerschaft, so wahr ist es, daß keine unter
so starkem Druck gestanden hat, besonders von den rabiaten
„kleinen Hitlers“, den Ortsgruppenleitern. Alte
Kämpfer, also Leute, die schon vor der
„Machtergreifung“ in die NSDAP eingetreten waren,
gab es bei uns, soviel ich weiß, keine. Der große
Umfall hat in der Kreisdürener Lehrerschaft nicht
stattgefunden. Wer sich damit beeilte, das waren irgendwie
Anfällige: Leichtgläubige, Opportunisten,
Ängstliche, kirchlich Abständige, Zukurzgekommene,
welche eine Chance witterten, Leute mit völkischen Ideen
und militärischen Neigungen. Der weitaus größte
Teil der Lehrerschaft bestand aus „Muß-PGs“
und stand dem Führer und seinen Leuten mit wachsender
Reserve gegenüber. Denn die meisten blieben treue
Christen. […]
Es waren wenige, vor denen wir uns in acht
nehmen mußten, und die waren bekannt. Sie waren von den
Nazis in leitende Stellen in Partei und Schule gehievt worden,
wo sie ihre Kollegen unter Druck setzen konnten. Mehrmals
drohte die Partei mit Entlassung aus dem Schuldienst, wenn wir
nicht bis zu einem gewissen Stichtag Parteigenossen
würden. […] Manche widerstanden dem Parteieintritt
jahrelang bis 1937, als die NSDAP den Beamten und Lehrern alle
Konsequenzen androhte, wenn sie nicht bis zum unwiderruflich
letzten Termin in die Partei einträten. Aber gerade die
„37er“ galten den Briten anfangs als schlimme
Nazis, weil sie in vier Jahren gesehen haben mußten,
wohin der Karren lief. […] Ärgerlich war es,
daß die gefährlichen Nazilehrer, welche die braune
Uniform getragen, Propagandareden gehalten, das Beflaggen der
Häuser und den Empfang der „Feindsender“
kontrolliert hatten, sich in Gegenden verzogen, wo sie als
Braunhemden unbekannt waren. Mitunter waren sie früher im
Amt als ihre Kollegen. […]
Mit den wenigen Lehrerinnen und Lehrern,
die nicht in die NSDAP eingetreten waren, ließen sich die
Schulen nicht aufbauen. Der Kreiskommandant war nun doch
genötigt, ehemalige PG’s zu beschäftigen. Es
kamen für die Neueröffnung im September 1945 nur
solche in Frage, welche kein Amt gehabt hatten, für die
der Amtsbürgermeister und der Pfarrer die Bürgschaft
übernahmen und die der Erziehungsbeirat befürwortet
hatte. Außerdem wurde am 26. September in der Schule
Rölsdorf jeder dieser braven Muß-PGs vom
Erziehungs-Kontroll-Offizier, Major Claeve, aus Aachen
[…] über die Motive seines Parteieintritts
vernommen. Ich erschrak, als der Major nachher den Leuten
erklärte, er sei leider zur Zeit auf ihre Dienste
angewiesen, sie müßten aber mit ihrer Entlassung
rechnen, sobald junge Leute zur Verfügung ständen.
[…]
Zu der am 26. September angedrohten
Entlassung der vorläufig genehmigten Lehrer ist es nur
für wenige und nur zeitweise gekommen. Und zwar aufgrund
des Fragebogens des CIC. Der Fragebogen hat jahrelang unser
Schulwesen bestimmt. Er war eine sehr unerfreuliche Sache
– oder er wurde unerfreulich gehandhabt. Wir hatten
anfangs an eine Art Ehrengericht gedacht, das in kurzer Zeit
das knappe Dutzend gefährlicher Leute ausgeschaltet
hätte. Statt dessen kam der Fragebogen. Wir hatten den
Eindruck, daß der CIC anfangs rein formell nach einem
Punktsystem urteilte: Eintritt in die NSDAP – PG ohne
Amt, mit Amt – Mitglied oder Amtsträger einer
Parteigliederung, eines angeschlossenen Verbandes … Nur
allmählich sah man ein, wie schwierig die politische
Beurteilung eines Lehrers, eines Beamten im totalen Staat war.
Es gab krasse Fehlurteile. Der Lehrer H. in O., alss
gläubiger Christ entschiedener Gegner der Nazis, hatte auf
Drängen seines Pfarrers die Jugend seines Dorfes als
Hitlerjugend weitergeführt. Nach kurzer Genehmigung wurde
er wieder entlassen, und er hat elf Monate auf seine
Wiedergenehmigung warten müssen. Während dieser Zeit
hat er seine große Familie mit Landarbeit ernähren
müssen, der er gesundheitlich nicht gewachsen war.
Solche Entlassungen bereits genehmigter
Lehrer waren häufig. Im August 1946 wurden nicht weniger
als 15 Lehrer und 7 Lehrerinnen wieder entlassen. Nach Wochen
oder Monaten wurden sie wieder genehmigt. […] Mit der
Zeit kamen alle Belasteten wieder ins Amt – auch solche,
die man lieber draußen gesehen hätte. Es war die
Zeit der „Persilscheine“, bei deren Ausfertigung
manche katholischen Pfarrer aus mißverstandener
Nächstenliebe und aus Freude über die Heimkehr des
verlorenen Sohnes allzu entgegenkommend waren. Als der
Erziehungsoffizier, major Claeve, abgelöst wurde und sich
nach England verabschiedete, sagt er: „Ich bin gekommen,
allen Nazis den Garaus zu machen, und nun habe ich geholfen,
sie alle wieder in die Schule zu holen.“ […]
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