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Kapitel XIII: Stadt und Kreis Düren
zur Stunde Null
Der Hürtgenwald, die Voreifel und die
Kreisstadt selbst waren nur noch verbrannte Erde. Tag und Nacht
jagte amerikanische Artillerie ihre Granaten in das
Trümmerchaos, um auch noch allerletzte Spuren von Leben zu
vernichten. Schwere Geschosse eines Eisenbahngeschützes,
das bei Eschweiler stand und sich nach jedem Abschuss in die
sichere Deckung des Tunnels zurückzog, jaulten weit
in’s Hinterland und trieben immer mehr Dorfbewohner in
die Flucht. Immer mehr hochbepackte Leiterwagen rollten nachts
in Richtung Köln und von dort über den Rhein. Es gab
Bauern, die mit Wagen und Vieh in das Ahrtal zogen.
Währenddessen schob die amerikanische Infanterie ihre
Hauptkampflinie bis zum linken Ufer der Rur heran. Die
umfangreichen Vorbereitungen zum Flussübergang zogen sich
durch Wochen hin, denn noch immer befürchtete die
amerikanische Armeeführung eine katastrophale
Überschwemmung des Rurtales durch heimtückische
Sprengung der Talsperren. Um die Weihnachtszeit 1944
verstärkte die amerikanische Luftwaffe ihre Tätigkeit
und belegte alle Kleinstädte und wichtigen Punkte des
deutschen Hinterlandes bis zum Rhein mit einer Unzahl von
Bomben.
Während amerikanische Granaten
hartnäckig die verbrannte Erde durchwühlten, die
einstmals Düren war, durchkämmten am 17.1.45 Beamte
der Kölner Gestapo das Trümmerchaos. Hierbei ging es
keineswegs um Bergung von Toten oder Verletzten, sondern um die
restlose Räumung des Stadtgebietes von jeglicher
Bevölkerung. Ein Landesverräter, wer versuchen
wollte, sich von der Front überrollen zu lassen. Jeder
Deutsche hatte zu kämpfen und als Volkssturmmann für
Führer und Reich zu sterben. Nur vier Männer
entgingen dieser genauen Fahndungsaktion. Einer von ihnen war
der Heizungstechniker Alfred Stiegler aus Reichenbach im
Vogtland. Erst am 18. und 19. Februar wagten sich amerikanische
Stoßtrupps bei Niederau über die Rur. Der erwartete
Großangriff mit Überschreiten der Rur in breiter
Front durch Teile der 1. und 9. amerikanischen Armee erfolgte
am 23.2. nach einer besonders starken Beschießung mit
gewaltigem Materialeinsatz. Erst zwei Tage später
besetzten Truppen des 13. amerikanischen Infanterie-Regiments
die Trümmerfläche, die einstmals Düren war. Vor
ihrem Abzug aus Düren am 24.2. sprengten die deutschen
Einheiten den bereits durch Granaten schwerbeschädigten
Wasserturm und zogen sich hinter die Panzersperre an der
Kölner Landstrasse in Höhe von Merzenich zurück.
Nur zögernd folgten die an Menschen und Material vielfach
überlegenen Amerikaner dem langsam nach Osten
zurückweichenden Gegner. Die vier im Trümmerfeld
verbliebenen Deutschen krochen aus ihren Verstecken an’s
Tageslicht. Einer von ihnen, der bereits erwähnte Alfred
Stiegler wurde durch die amerikanische Militärregierung am
1. März 45 zum Bürgermeister von Düren
eingesetzt. Sein Büro hatte er im Hause Paradiesplatz 4
ausserhalb des eigentlichen Zerstörungsgebietes.
Um dieselbe Zeit lebten im ganzen Landkreis
Düren nur noch 3.469 Einwohner. Mehr als 120.000 Menschen
hatten gezwungen oder auch freiwillig vor den einsetzenden
Lampfhandlungen Haus und Heimat verlassen. Im Laufe des Monats
März, besonders aber nach dem Handstreich der Amerikaner
auf die Rheinbrücke bei Remagen mit Bildung eines
Brückenkopfes auf dem rechten Stromufer, kamen nach und
nach die versprengten Menschen wieder in ihre Heimat
zurück. Der kaufmännische Angestellte W. Seeger aus
Düren wurde als Landrat an die Spitze der Kreisverwaltung
gestellt. Bis Ende März 45 waren in Düren wieder 180
Einwohner registriert. Sie bekamen als Verpflegung drei Pfund
Schwarzbrot und ein vorerst noch ksotenloses Mittagessen, das
in einer Küche am Paradiesplatz bereitet wurde. Im Keller
des Hauses Paradiesplatz 3 richtete sich das Dürener
Standesamt ein. Ebenfalls gab es ab 2. April wieder ein
Dürener Arbeitsamt, bestehend aus einem Tisch und einem
Stuhl. Dort meldete sich als erster Rückkehrer zum
Wiederaufbau der Dürener Industrie Mitte April der
Betriebsleiter Hans Hansen in Firma Pohl & Co.
Das ebenfalls recht primitiv eingerichtete
Einwohnermeldeamt bekam jetzt laufend Arbeit, denn im Laufe des
Monats April 45 kehrten rund 1.000 Dürener zurück und
richteten sich recht bescheiden in den Häusern des weniger
zerstörten Randgebietes ein, besonders i Nord-Düren.
Am 22.4. veranstaltete Jesuitenpater Braun den ersten
katholischen Gottesdienst im zertrümmerten Düren. Die
Bäckereien Josef Schröder, Karlstrasse und Werner
Ramacher Zülpicher Strasse heizten am 1. Mai wieder ihre
Backöfen ein. Die Aufsicht über das Schulwesen als
Schulrat für den ganzen Kreis bekam im Mai 45 Lehrer Hans
Hilger übertragen, während der zum Dechanten ernannte
Pfarrer Josef Adolph die Verwaltung der verwaisten Pfarreien
der Stadt übernahm. Unter Leitung von Dr. Schüller
standen ab 8. Mai die Städtischen Kraneknanstalten wieder
der Bevölkerung zur Verfügung – soweit Platz
vorhanden. Die Dürener Bank eröffnete ihre Schalter
am 10.5. und die Kreissparkasse am 22.5. Vorerst arbeiteten die
Geldinstitute in Notunterkünften. Am Monatsende begann Dr.
Heinrich Appel mit den Aufräumungsarbeiten und der Bergung
wertvoller Sammlungen im teilzerstörten
Leopold-Hoesch-Museum. Die Militärregierung bestimmte den
Dürener Fabrikanten Ersnt Hammans zum Beigeordneten und
Vertreter des Bürgermeisters Stiegler. Die Städtische
Sparkasse, von Hämmern nach Düren zurückverlegt,
durfte ab 29.6. wieder arbeiten. Inzwischen hatte man das
Amtsgericht, das ausserhalb der Zerstörungszone vom
16.11.44 lag und daher in seiner Substanz erhalten geblieben
war, zur Aufnahme der Kreis- und Stadtverwaltung wieder
notdürrftig hergerichtet.
Für die Opfer des 16.11.44 und die
vielen Gefallenen aus Stadt und Land veranstalteten die
inzwischen heimgekehrten 6.025 Dürener am 1. Juli 45 eine
große Totenfeier. Vor dem Amtsgericht wurde ein
Pontifikalamt gehalten. In Ansprachen gedachten
Bürgermeister Stiegler, Dechant Adolph und Bischof
Johannes J. van der Velden aus Aachen der Toten. Dann stiegen
die Menschen über Trümmerberge und durch
Bombentrichter zu ihren zerstörten Häusern, um
Kränze, Blumen und Gedenktafeln für die Toten unter
dem Chaos aus eingedrückten Kellern und verschütteten
Bunkern niederzulegen. An diesem Abend glich der ehemalige
Stadtkern von Düren einem riesigen Friedhof; denn
überall flackerten – wie zu Allerheiligen –
die Totenlichter des Gedenkens.
Nach und nach wurde auch wieder die
Wasserversorgung durch Pumpwerke des Randgebietes gesichert.
Roelsdorf bekam Wasser vom Wasserwerk Birgel, der Ostrand der
Stadt wurde durch Pumpwerk Merzenich versorgt, Ost-Düren
durch das Pumpwerk der Blindenanstalt. Das Pumpwerk der
Teppichfabrik Gebrüder Schoeller lieferte Wasser für
Nord-Düren, West- und Süd-Düren waren ebenfalls
an Fabrik-Pumpwerke angeschlossen. Es wurde recht viel
gearbeitet in diesem Monat Juli 45. Das Wohlfahrts- und
Jugendamt begannen ihre Arbeit, ebenso das Postam, das in der
Gutenbergstrasse im Gebäude der Postkraftfahrstelle seine
Schalter eröffnete. Die schwerangeschlagene Bahnstrecke
nach Aachen und Bonn konnte ab 27.7. wieder befahren werden,
vorerst allerdings nur mit einigen wenigen Personenzügen.
Und zum Monatsende barg man die im Bergfried zu Nideggen
ausgelagerten Archiv- und Museums-Bestände. Obschon die
Anna-Kirche nur ein Trümmerhaufen war, feierte Düren
vom 29.7. bis 1.8.45 das St. Anna-Fest, wobei die Reliquie in
der St. Josefkirche ausgestellt wurde. Dem beim Angriff am
16.11.44 getöteten Dechanten Fröls, dem Fabrikanten
Laurenz Ludwigs und dem Kaplan Jakob Schneider verdankte
Düren die Erhaltung der Reliquie und anderer Kostbarkeiten
der St. Anna-Kirche.
Auch der Monat August war eine gutgenutzte
Zeit des Wiederaufbaues, nicht nur durch Arbeitsbeginn der
Ortskrankenkasse und der Innungskrankenkasse, sondern durch
Inbetriebnahme größerer Teilstrecken der Kreisbahn.
Am 18.8. wurde die Gründung der „Vereinigten
Industrie-Verbände von Düren, Jülich und
Umgebung“ durch Dürener Industrielle in
Zusammenarbeit mit der Handelskammer Aachen vollzogen. Als
Folge des Krieges muss die Typhus-Seuche betrachtet werden, die
Ende August im ganzen Landkreis ausbrach. Im August nahm auch
die Kreishandwerkerschaft wieder ihre Tätigkeit auf. Mit
dem 3.9.45 eröffneten kirchliche und weltliche
Behörden das Volksschuljahr für Düren in der
Schule zu Roelsdorf. Ebenfalls im September tagte wieder das
Dürener Amtsgericht. Die Bevölkerung war inzwischen
auf rund 20.000 Köpfe angewachsen, da die meisten
evakuierten Dürener lieber primitiv in Kellern und
zwischen Trümmern oder sonstwie beengt hausen wollten, als
noch länger fern der Heimat zu bleiben. Auch die
Bevölkerung der Landbezirke strömte in die
Dörfer zurück. Bereits im Frühjahr, nach dem
Verhallen der Gefechte um den Rheinübergang, waren viele
Landwirte zurückgekehrt, um ihre Äcker zu bestellen,
zusammen mit den Unentwegten, die sich geweigert hatten, Haus,
Hof und Vieh im Stich zu lassen. Überall, in allen Teilen
des Landkreises sah man die Menschen bei emsiger Arbeit auf den
Feldern und bei Hausreparaturen in den Dörfern. Es war,
als hätte sich jede Gemeinde die rasche Überwindung
der Stunde Null zur heiligen Pflicht gemacht.
Anfang Oktober übernahm der
Beigeordnete Ernst Hamanns den Posten eines Bürgermeisters
von Düren. Der bisherige Bürgermeister Stiegler war
Ende September zurückgetreten. Auch auf dem Gebiet des
Verkehrs wurde erstaunlich viel geleistet, so die Strecke nach
Köln bis Sindorf durchgeführt und die Strecke nach
Jülich vollendet. Das RWE machte bis Ende Oktober wieder
80 Transformatorenstationen und 120 km Hochspannungsstrecken
betriebsfähig. Den Strom lieferte vorerst das Kraftwerk
„Zukunft“. Mit Jahresende 1945 verkehrte auch
wieder die Dürener Eisenbahn A.G. bis Birkesdorf, und die
Strecke nach Heimbach wurde bis Friedenau benutzbar. Seit der
ersten Einwohnerzählung am 1.3. hatte sich die
Bevölkerung der Kreisstadt von vier auf 276.109 Einwohner
vermehrt. Überraschend schnell hatte auch der Landkreis
seine Bevölkerungsziffer erhöht. Während die
Kreisstadt am 1. Mai erst 1.218 Einwohner hatte, waren bereits
13.623 Menschen im Landkreis ansässig. Und innerhalb eines
Monats verdoppelte sich diese Zahl. Am Jahresende hatten wieder
93.078 Einwohner des Kreises heimgefunden. Getragen von
Heimatliebe und Glauben an eine bessere Zukunft packten alle
Wiedergekehrten tatkräftig an, um die Stunde Null mit
ihrer Trostlosigkeit zu überwinden. […]
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