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1945
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17.08.1945
Dortmund 17. Aug. 45
[Eingangsstempel: 23. Aug. 1945]
An den Oberbürgermeister
der Stadt Düren Rhld.
Ich bin Jüdin, war 3 Jahre im K.Z. und
gehöre zu den wenigen Überlebenden. Ich suche einen
Dürener Einwohner: Willi Hühnerbein*, soweit ich mich
entsinne, von Beruf: Sprengmeister. Der Genannte war 1943-44
auf einem Außenkommando, zu dem wir geführt wurden,
Feldwebel, und zwar bei dem Heeres-Feldzeugpark in Riga
(Lettland). Ich fühle mich verpflichtet, ihm meine
Dankbarkeit zu zeigen, da er sich, unbekümmert der etwa
daraus für ihn entstehenden Folgen, ständig
bemühte, uns das schwere Los in etwa zu erleichtern.
Ich bitte daher höflich um Ihre
gefällige Rückantwort, ob der Betreffende sich wieder
in Düren eingefunden und bitte weiter, mir für diesen
Fall seine Adresse mitzuteilen, damit ich mich mit ihm in
Verbindung setzen kann.
Hochachtend!
Frau Else Isaak
Dortmund
Felkestr. 26 I
*Anmerkung des Hg.: Vermutlich ist der 1898
in Düren geborene Wilhelm Hünerbein gemeint, von
Beruf Schachtmeister. Am 2. Dezember 1949 kam er aus russischer
Gefangenschaft nach Düren zurück. [StAD,
Einwohnerkartei bis 1978]
StAD, B 379, sub I; Domsta, Düren
1940-1947, S. 301
20. August 1945
Aufruf für die politischen Opfer der
Naziherrschaft des Kreises Düren
Nach sechsjähriger
Willkürherrschaft haben die Nazi-Verbrecher den bisher
furchtbarsten aller Kriege heraufbeschworen, der das deutsche
Volk nach sechs weiteren Jahren der Opfer und Entbehrungen an
den Rand des Abgrundes brachte. Schwere Schäden an Blut u.
Gut sind zu beklagen; doch sind diejenigen Männer, Frauen
und Kinder am schwersten betroffen, die den Mut aufbrachten,
sich gegen den Terror der Nazi-Verbrecher aufzulehnen.
Nur wenige dieser Standhaften haben die
furchtbaren Mißhandlungen und Entbehrungen in den
Konzentrationslagern und Zuchthäusern überlebt und
sind nach dem Zusammenbruch zu uns zurückgekehrt; sie
bedürfen unserer gemeinschaftlichen Hilfe.
Kreis- und Stadtverwaltung können
über den Rahmen des Wohlfahrtssatzes hinaus kein Geld an
die bedürftigen Opfer zahlen.
Wir rufen daher die Bevölkerung des
Kreises Düren auf, ihren Beitrag für die politischen
Opfer der Naziherrschaft zu leisten.
Geldspenden können bei der
Kreissparkasse Düren und deren Zweigstellen, sowie bei der
Stadtsparkasse Düren eingezahlt werden.
Zahlungen können auch erfolgen an die
Fürsorgestelle für die politischen Opfer der
Naziherrschaft, Düren, Hoeschplatz Nr. 7 (Konto Nr. 4699
bei der Kreissparkasse Düren).
Düren, den 20. August 1945.
Der Landrat des Kreises Düren: Seeger.
– der Bürgermeister der Stadt Düren: Stiegler.
- Fürsorgestelle für die politischen Opfer der
Naziherrschaft: Rankers, Unkelbach.
Aachener Nachrichten vom 4. September 1945
28. August 1945
Aufruf
Von der jüdischen Gemeinde Aachens,
die durch die Rassentheorien des Nazi-Regimes zerstört
wurde, hat sich nun einkleiner Teil der Überlebenden
zusammengeschlossen, um die Gemeinde wieder zu errichten. Es
stehen diesen jedoch keinerlei Mittel zur Verfügung. Es
fehlt an Geld, Büromaterial, Schreibmaschine usw.
Im Namen dieser kleinen Gemeinde richte ich
an die Aachener Bürgerschaft die Bitte, uns zu helfen.
Geldüberweisungen dankend erbeten auf Konto Nr. 3705 der
Dresdner Bank oder Konto Nr. 13176 der Städtischen
Sparkasse. Sach- und Bargeldspenden an den Unterzeichneten.
Im Namen der jüdischen Gemeinde
Alfred Loewendahl
Aachener Nachrichten vom 28. August 1945
06.09.1945
A b s c h r i f t !
Sonder-Dezernat Düren, den 6. Sept.
1945
Es erscheint der Uhrmachermeister Leo
Schapiro, geboren am 22.3.1898 in St. Georgen, wohnhaft zur
Zeit in St. Georgen im Attergau und erklärt an Eidesstatt:
Bis einschl. 16. Nov. v. Js. habe ich in
Düren, Kölnplatz 9 gewohnt. Ich bin jüdischer
Herkunft, jedoch bei meiner Heirat der evangelischen Kirche
beigetreten. Von einigen Stellen, insbesondere der Gestapo und
der NSDAP Kreisleitung wurden an das Dürener Meldeamt
dauernd Nachfragen über meine arische Abstammung
gerichtet, welche jedoch von den damaligen Sachbearbeitern
Herrn Oberinspektor Baumann sowie Herrn Obersekretär
Wilhelm Pikot, stets günstig ausgelegt wurden, trotzdem
beide Herren über meine jüdische Abstammung
unterrichtet waren. Unter Einsatz ihrer Person haben beide
Herren stets meine Abstammung verleugnet und sich dauernd
für mein und meiner ganzen Familie Wohlergehen eingesetzt.
Mir persönlich ist es bekannt, dass beide Herren das nicht
bloss für mich, sondern auch für viele anderen
jüdischen Familien getan haben und uns dadurch in der
schweren Zeit sehr geholfen haben. Erwähnen möchte
ich noch, dass Herr Pikot zwar zwangsweise Zellenleiter war, er
sich jedoch auch unter diesen Umständen noch dauernd
für mich bei der Kreisleitung eingesetzt hat und mich
dauernd über Angelegenheiten, welche bei der Kreisleitung
bearbeitet wurden, jedoch meine oder andere jüdischen
Personen betrafen, stets unterrichtet hat und mir geholfen hat,
Vorbeugungsmassregeln zu ergreifen.
v. g. u.
gez. Leo Schapiro
g. w. o.
gez. Hoffmann
Für die Richtigkeit der Abschrift:
Düren, den 6. Sept. 1945
Der Landrat
I.A.
(Unterschrift)
Nachlaß Mallmann, Kopie im GW-Archiv
27.11.1945
Düren, den 27. November 1945
Scharnhorststraße 145
Lebenslauf
Am 4. Jan. 1884 bin ich in Merken, Krs.
Düren geboren. Aus der Volksschule entlassen, trat ich am
18. Aug. 1897 als Verwaltungslehrling bei der Verwaltung in
Birkesdorf ein, wo ich bis zum 26. Sept. 1903 verblieb. Vom 1.
Okt. 1903-30. Sept. 1905 genügte ich meiner
Militärpflicht. Am 23. Okt. 1905 wurde ich von der
Stadtverwaltung Düren eingestellt. Wenn ich auch 1933 als
Mitglied der NSDAP beigetreten bin, so habe ich mich weiter
nicht betätigt, d.h. ich war nicht politischer Leiter und
habe auch kein Amt in der Partei bekleidet. Im Jahre 1943
erhielt ich vom Landratsamt Düren einen schriftlichen
Verweis wegen meiner Hilfeleistung den Juden gegenüber.
Kurz darauf wurde von mir das Mitgliedsbuch eingezogen, wodurch
ich seit diesem Zeitpunkte nicht mehr Mitglied der Partei war.
Meine Einstellung den Juden gegenüber geschah in vollem
Einverständnis mit meinem Dezernenten, dem Stadtdirektor
Heitzer.
Seit 1942 gehöre ich einer
Oppositionspartei an. Über meine Einstellung zur NSDAP
kann Auskunft geben:
a) von der KPD
Herr Mallmann
Herr Adams
Herr Kerres
b) von der SPD
Herr W. Ciesielski
Herr Josef Dahmen
c) von der Demokratischen Partei
Herr Jakob Schiffer
d) Sonstige Personen
[…]
B[…] [Unterschrift]
Nachlaß Mallmann, Kopie im GW-Archiv
03.12.1945
Düren, den 3. Dezember 1945
Anmerkung zum politischen Fragebogen
Leonhard R[…]
Ich bin der Partei beigetreten, weil der
Bürgermeister alle Beamten dazu aufforderte.
Gleich 1933 setzte man als politischen
Aufpasser den bekannten Engelbert H[…] in die Anstalt,
der meine Tätigkeit und Einstellung beobachten sollte. Mit
seinem Kollegen G[…] zusammen wurde mir ein Leidensweg
bereitet, über den man nicht berichten kann. […]
Während der ganzen Zeit meiner
Zugehörigkeit zur Partei war ich als Antinazi verschrien.
Weil ich in einem Judenlokal mit Juden Billard gespielt hatte
und freundlich mit denselben verkehrte, sollte ich der Gestapo
angezeigt werden. Als später eine Jüdin im
Krankenhaus aufgenommen wurde und ich angeordnet hatte, sie
höflich und freundlich zu behandeln, wurde ich wieder
einmal bei der Kreisleitung angezeigt und zur Rede gestellt.
Weil ich noch meinen religiösen Pflichten nachkam und im
Kirchenvorstande war, wurde ich vor den Ortsgruppenleiter
zitiert, der mich im Auftrage einer höheren Stelle
vernehmen sollte. […]
[handschr. Zusatz] Bis Mai 1933 war ich
Mitglied der Zentrums-Partei.
Nachlaß Mallmann, Kopie im GW-Archiv
05.12.1945
Wilhelm H[…] Düren, den 5.12.45
Düren Werderstraße 86
Politischer Lebenslauf!
Bis zum Jahre 1932 habe ich mich politisch
nicht betätigt. Lediglich aus geschäftlichen
Gründen und auf Drängen meines damaligen Arbeitgebers
bin ich 1932 in die Partei und S.A. eingetreten. Im Jahre 1936
wechselte ich meinen Arbeitsplatz und trat in Dienst bei der
hiesigen jüdischen Firma Bellerstein-Mayer. Auf Grund
dieser Dienstleistung bei der jüdischen Firma, welche ich
nach mehrmaliger Aufforderung nicht aufgab, wurde ich 1936 aus
Partei und S.A. ausgeschlossen, weil ich nicht mehr als
politisch einwandfrei betrachtet wurde. Im Jahre 1940 habe ich
wegen meines Herzleidens, welches mich zu öfterem
Krankfeiern zwang, einen eigenen Beruf und zwar als Gastwirt
erwählt. Ich hatte mit dem Besitzer, Jos. Pütz,
Birgel, einen Mietvertrag eingegangen, der nur dann
Gültigkeit erhielt, wenn ich die Konzession in Händen
hatte. Welche Schwierigkeiten mir zur Erlangung der Konzession
gemacht wurden, zumal ich die Befürwortung des damaligen
Ortsgruppenleiters, Bürgermeister Logauer haben musste,
dürfte Ihnen bekannt sein. Da ich nicht mehr als politisch
einwandfrei bekannt war, bin ich gezwungenermassen 1941 wieder
der Partei als zahlendes Mitglied beigetreten. Irgendwelche
Ämter habe ich in der Partei nicht bekleidet.
Ich bin katholisch und der Kirche durch die
Partei nie fern geblieben.
Wilh. H[…]
Düren Werderstr. 86
Nachlaß Mallmann, Kopie im GW-Archiv
21.12.1945
Köln-Nippes 21.12.45
Merheimerstr. 217
Vincenz-Hospital
[Eingangsstempel: 24. Dez. 1945]
An den Herrn Bürgermeister der Stadt
Düren
Rathaus
persönlich
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sicherlich werden Sie sich meiner noch
erinnern, denn ich war über 40 Jahre Dürener
Bürger. Ich wohnte s.Zt. in dem heute vollständig
zerstörten Hause Wirtelstraße 37, welches ich im
Jahre 1918 von der Dürener bank erwarb.
Als die Nazis zur Herrschaft gelangten und
die Judenverfolgungen einsetzten, wurde ich mit meiner Frau
kurzerhand aus meinem Hause herausgesetzt und weiterhin im
Jahre 1942 als Häftling im K.Z.-Lager Theresienstadt
interniert. Dort wurden wir, meine Frau und ich, nach
unbeschreiblichen Qualen und über 3jährigem
Aufenthalt am 15. Aug. a.c. durch die Russen befreit und sind
jetzt hier – betreut von der Stadt Köln – im
„Vincenz-Hospital“ untergebracht. Wir möchten
wieder in Düren Wohnung nehmen, zumal unsere jetzige
Unterkunft baldigst geräumt werden muß, da
sämtliche Räume für [die] Krankenstation
benötigt werden. Mit der dortigen Wohnungsabteilung stehen
wir in Verbindung, doch leider bis heute noch ohne Erfolg.
Gewiß, die Wohnungsnot ist groß und gerade unser
liebes Düren ist besonders schwer betroffen worden.
Andererseits hat man uns binnen 24 Stunden aus unserem
Besitztum gewiesen, unser Vermögen beschlagnahmt u.s.w.
Kurz, man hat viel an uns gutzumachen und Alles das nur, weil
wir Juden sind.
Ich möchte Sie nun bitten, sehr
geehrter Herr Bürgermeister, sich für meinen Fall zu
interessieren. Ich benötige als Wohnung: 1 Wohnzimmer, 1
Schlafzimmer (2 Personen), 1 Küche, 1 Badezimmer, also
sehr bescheiden.
Mit derselben Bitte beabsichtige ich mich
auch an den Herrn Landrat beziehungsweise an die neu
eingerichtete „Betreuungsstelle für politisch
Geschädigte“ zu wenden.
Hochachtungsvoll!
Salli Goldschmidt
StAD, B 380, sub G.; Domsta, Düren
1940-1947, S. 301
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