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Gerstenmühle (Forts.)
[…] Nach 1820 ist die
Gerstenmühle ausschließlich Tuchfabrik. Seit 1817/18
ist sie im Besitz von Franz und Ernest Schoeller, denen
Heinrich Wilhelm Schoeller die Mühle am 4. August 1823
für 12.884 Taler verkauft. Später geht sie auf
Kom.-Rat Friedrich Schoeller und die Erben Prym über.
Friedrich Schoeller verpachtet am 12. Mai 1841 die
Gerstenmühle mit Gebäuden, Wasserlauf und
Gerätschaften […] den Gebr. Franz Paul und Ernest
Schoeller für 1.250 Taler jährlich. Heute [1959]
besteht die Gerstenmühle nicht mehr. Sie wurde 1935,
nachdem sie noch verschiedenen Zwecken gedient hat,
niedergelegt.
Geuenich, Papierindustrie, S. 505
Am 29. Januar 1936 erschien in der
Dürener Zeitung ein Artikel mit der Überschrift:
„Abschied von einem malerischen Winkel. Der
größte Teil der alten Dürener Gerstenmühle
wird abgerissen“. Begründet wurde der Abriss der
Mühle, die an dem Fußpfad zwischen
Stürtzstraße und dem Sportplatz am Obertor lag, mit
Baufälligkeit. Nur ein kleiner Teil sollte für
Wohnzwecke erhalten bleiben.
Eine große Anzahl Dürener Juden
hat die Gerstenmühle nicht als „malerischen
Winkel“, sondern als Sammellager auf dem Weg in die
Deportation kennengelernt, zunächst nach dem
Novemberpogrom 1938 in die Konzentrationslager Buchenwald,
Sachsenhausen und Dachau, später dann zu den sog.
„Arbeitseinsätzen“ und in die
Vernichtungslager Polens sowie nach Theresienstadt. Es wird von
Zeitzeugen übereinstimmend angeführt, dass bereits
bei der unmittelbar nach dem Novemberpogrom einsetzenden
Verhaftungswelle die Gerstenmühle als Auffanglager diente.
Nach der offiziellen NS-Berichterstattung
in der Dürener Zeitung vom 11. November 1938 wurden im
Laufe des Tages „etwa 40 Juden in Schutzhaft
genommen“. In Darstellungen zur Geschichte Dürens
findet sich später die Zahl von 102 Mitgliedern der
jüdischen Gemeinde, die „spontan“ verhaftet
und in die Gerstenmühle verbracht worden seien.
Die Gerstenmühle wird als Sammellager
benutzt, beschönigend „Obdach“ genannt. Was
mit den „obdachlosen“ Juden geschah, zeigt die von
Bürgermeister Schmitz vorgelegte Entschließung in
der Ratssitzung vom 20. Dezember 1940:
„Überplanmäßig wird für Verpflegung
und Fortschaffung von Polizeisträflingen und Obdachlosen
der ursprüngliche Ansatz von 800 RM auf 1.800 RM
erhöht.“ Schon im Rechenschaftsbericht für das
Jahr 1939 hatte die Liegenschaftsverwaltung über die
„recht schwierige Verwaltung“ der 112 polizeilich
eingerichteten Obdache geklagt und auf die Kostensteigerung bei
der Unterbringung Obdachloser hingewiesen.
Im Zuge der Brutalisierung des Vorgehens
wird auch in den Ratsprotokollen die Farce der Obdachlosigkeit
fallengelassen. In einer weiteren Entschließung des
Bürgermeisters vom Juli 1941 heißt es:
„Es wurden unter 62/621/1036
außerplanmäßig 4.000 RM unter der Bezeichnung
„Aufwendung anlässlich der Judenumsiedlung“
bereitgestellt.“
Gefüllt haben dürfte sich die
Gerstenmühle wie die anderen Lager im heutigen Stadtgebiet
im Mai 1941, als die Ausweisung der Juden des Kreises und der
Stadt aus ihren Wohnungen stattfand und die Zentrierung in
Lagern erfolgte. Es handelte sich hier wie im übrigen
Reich um eine von der Gestapo verfügte
„Zusammenlegung der Juden“, die bis zum 1. Juli
1941 durchgeführt sein musste.
Die Nazis waren sich der Effektivität
ihrer Maßnahmen so sicher, dass der NSDAP-Kreisleiter
Peter Binz bereits Anfang April 1941 verkünden konnte,
„dass Düren nach dem 30. April judenfrei sein
würde.“
Stelen-Führer
Das Sammellager vor der Deportation in die
Todeslager war für Juden aus Düren und Umgebung die
„Gerstenmühle“ in der Oberstraße 76 b.
Die „Gerstenmühle“, die seit Anfang des 19.
Jahrhunderts als Papiermühle, Tuchfabrik, Bordell und
Obdachlosenasyl gedient hatte, taucht in Dokumenten über
ermordete Dürener Juden als letzte Adresse auf. Ein
unwürdiges Heim des Elends für ca. 200 Menschen.
Nachdem das „Gesetz über Mietverhältnisse mit
Juden“ vom 30. April 1939 den gesetzlichen Mieterschutz
für Juden aufhob, verloren Juden nicht nur ihre Wohnungen
und wurden in „Judenhäusern“
zusammengepfercht, sondern sie konnten nun auch in die
Unterkunft für Obdachlose gesteckt werden. Auf diese Weise
müssen Dürener Verantwortliche die Forderung
desselben Gesetzes nach einer „anderweitigen
Unterbringung“ ausgelegt haben. […]
Anfang April 1941 gab der Kreisleiter der
NSDAP, Peter Binz, „unter lebhaftem Beifall bekannt,
daß Düren nach dem 30. April judenfrei sein
würde. Das gesamt deutsche Volk werde sich frei von ihnen
machen und sich die Seele entlasten.“
Zu dieser Zeit sah die
eingeschüchterte jüdische Bevölkerung einem
ungewissen Schicksal entgegen. Die Mehrheit wurde bereits,
völlig ausgeplündert und verarmt, in den Sammellagern
gefangengehalten, wenige lebten noch in
„Judenhäusern“, vereinzelte noch in ihren
Wohnungen.
1942, im Jahr der Deportationen aus
Düren, warteten die einheimischen Juden in den
Sammellagern in Düren und Umgebung auf ihren Abtransport.
Es läßt sich heute nicht mehr rekonstruieren, ob
tatsächlich alle Juden über die Sammellager zur
Deportation kamen. Herr Stock beispielsweise wurde von seiner
Wohnung aus zum Dürener Bahnhof beordert, wo er gemeinsam
mit anderen Dürener und Lendersdorfer Juden am 25.7.1942
in den Tod deportiert wurde.
Mit diesem Deportationszug wurden auch die
letzten jüdischen Gefangenen aus der
„Gerstenmühle“ verschleppt. Eine schweigende
Menge verängstigter Menschen ging unter Bewachung am
hellen Tag durch ihre Stadt, gedemütigt und gebrochen, dem
Tod entgegen.
Naor/Robrock, Erinnerung, S. 102
Das [die Reichspogromnacht] war nun das
endgültige Aus für die Juden. Ab jetzt war ihnen jede
Existenzgrundlage entzogen. Es dauerte auch nicht lange, bis
alle Juden an einem bestimmten Punkt der Stadt Düren
gesammelt bzw. zentralisiert waren. Für Düren
hieß dieser zentrale Ort „Obdach
Gerstenmühle“. Die Juden wurden mit Obdachlosen in
einen Topf geschmissen. Hier allerdings blieben die Verfolgten
nicht lange, denn sie wurden mit unbekanntem Ziel, das, wie
sich später herausstellte, nur Konzentrationslager
heißen konnte, abtransportiert. Zur Illustration, wie mit
den Juden zu dieser Zeit umgesprungen wurde, ein Beispiel der
Gestapo. Hierbei handelte es sich um den Juden Josef Stock, der
in der Wirtelstraße in Düren ein Stoffrestehaus
betrieben hatte. Einer jener Juden, die sehr viel für die
Minderbemittelten getan hatten. Ihm war die Gestapo auf den
Fersen, weil er sich seinerzeit im „Obdach
Gerstenmühle“ nicht eingefunden hatte. Ich kenne den
Fall deshalb so genau, weil er in dem Hause, in dem wir unsere
Büros hatten, zur Miete wohnte. Tagsüber war er nie
in seiner Wohnung. Er hielt sich, um der Gestapo nicht in die
Finger zu fallen, wie er mir sagte, an der Rur auf.
Eines Tages erschien die Gestapo in meinem
Büro und erkundigte sich nach dem Juden Josef Stock. Auf
meine Antwort, daß ich dies nicht wisse, wurde ich in
sehr barschem Ton aufgefordert, die Gestpo sofort zu
verständigen, sobald sich der Jude blicken lasse. Obwohl
er – und das sogar bei mir zu Hause (welch eine Gefahr
für mich) auchtauchte, habe ich die Gestapo nicht
verständigt. Ich habe ihn also nicht verraten. Aber all
dies half nichts; eines Tages hatte man ihn doch erwischt. Es
passierte mit ihm schließlich das, was mit allen anderen
Juden auch geschehen war, er wurde abtransportiert. Später
erfuhr ich, daß er sich aus dem fahrenden Zug
gestürzt habe und dabei ums Leben gekommen sein soll. Sein
eigentliches Vorhaben, sich zu vergiften, schien ihm nicht mehr
„geglückt“ zu sein. Denn das Gift, das er
nehmen wollte, wenn er von der Gestapo geschnappt würde,
trug er stets bei sich.
Frenken, Meine Arbeit – mein Leben,
Düren 1988, S. 61
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